Nächster Halt: Niemandsland

Die Station Glattfelden ist wohl der einsamste Bahnhof im Zürcher S-Bahn-Netz. Ein Problembahnhof sei er aber nicht, versichern ­Gemeinde und SBB.

Western-Charme: Wer hier kein Postauto mehr erwischt, muss 50 Minuten bis ins Dorf Glattfelden laufen. Foto: Dominique Meienberg

Western-Charme: Wer hier kein Postauto mehr erwischt, muss 50 Minuten bis ins Dorf Glattfelden laufen. Foto: Dominique Meienberg

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Ein Bahnhof im Abseits: So wirkt der Bahnhof Glattfelden auf ortsunkundige Zugpassagiere. Die Station an der Bahnlinie Bülach–Schaffhausen liegt abgelegen und weit entfernt vom Dorf in praktisch unbewohntem Gebiet am Waldrand. 50 Minuten Fussmarsch sind es laut dem Wanderwegweiser bis ins Dorf Glattfelden, das für seinen berühmten Bürger Gottfried Keller bekannt ist. Immerhin verkehrt ein Bus im Halbstundentakt zwischen Bahnhof und Dorf.

«Der Bahnhof ist ein Spezialfall», sagt Stephan Betschart, Gemeinderat in Glattfelden. Dass die Station 1876 ausgerechnet an diesem Ort gebaut wurde, notabene auf Bülacher Gemeindegebiet, führt er auf topografische und finanzielle Gründe zurück. Die Bahnlinie verläuft weit oberhalb des Dorfes, und es wäre aus bautechnischen Gründen schwierig und deutlich teurer gewesen, das Trassee hinunter zur Glatt in Richtung Glattfelden zu führen. Immerhin liegt das Dorf rund 40 Meter tiefer als der Bahnhof. Auch der Bau einer Brücke wäre sehr kostspielig gewesen.

Betschart erwähnt noch einen weiteren Aspekt, der bei der Linienführung eine Rolle gespielt haben könnte: «Man wollte den Bahnhof wohl auch aus Sicherheitsgründen nicht zu nahe am Dorf bauen, aus Angst vor dem Funkenflug der damaligen Dampfloks.» Viele Bahnhöfe seien damals aus diesem Grund ausserhalb der Dörfer gebaut worden.

Angst vor Funkenflug?

Im Unterschied zu anderen Bahnhöfen, die nicht in Dorfnähe gebaut wurden, hat sich in Glattfelden die spätere Siedlungsentwicklung aber nicht in Richtung Bahnhof bewegt. Sie ging stattdessen in die andere Richtung, was vor allem mit den beiden Spinnereien im Dorf zu tun hatte, wie Betschart sagt. Heute könne nicht mehr in Richtung Bahnhof gebaut werden – weil die Abgrenzungslinien für Fluglärm und die Kulturlandinitiative eine Umzonung verhinderten. Probleme mit der Sicherheit auf dem abgelegenen Waldbahnhof gab es laut dem Glattfelder Gemeinderat bisher nicht. «Vielleicht auch deshalb, weil wir hier draussen noch ein Stück weit heile Welt haben.» Vorfälle seien ihm ebenso wenig zu Ohren gekommen wie Klagen der Bevölkerung über die periphere Lage oder ein «mulmiges Gefühl» abends auf dem Perron.

1000 Ein- und Ausstiege pro Tag

Betschart betont, dass Securitrans und die Stadtpolizei Bülach regelmässig am Bahnhof patrouillierten, zudem seien Zugpendler kaum je ganz allein: In der Regel sind andere Pendler unterwegs, die aufs Postauto, Auto oder Velo umsteigen, Postauto-Chauffeure warten jeweils beim Bahnhof, und sowohl das ehemalige Bahnhofsgebäude als auch das einzige Einfamilienhaus in der Nähe sind bewohnt. Am Fussweg zum Bahnhof hat die Gemeinde schon vor einigen Jahren eine Beleuchtung angebracht.

«Der Bahnhof Glattfelden ist sehr ungewöhnlich gelegen», sagt auch SBB-Sprecher Reto Schärli. Im Kanton Zürich sei es wohl einzigartig, dass sich eine Station derart weit weg von bewohnten Quartieren befinde. Laut Schärli verzeichnet der Bahnhof Glattfelden aber immerhin 1000 Ein- und Ausstiege pro Tag, obwohl er nicht ideal gelegen sei. Das sei «nicht schlecht», andere Bahnhöfe, die näher an einem Dorf lägen, etwa Zweidlen und Kaiserstuhl, kommen nicht auf solche Frequenzen.

Glattfelden sei ausserdem mit dem Postauto gut erschlossen. Auch der SBB-Sprecher betont, die einsame Station sei bisher nicht als Problembahnhof auf­gefallen. Vorfälle oder Klagen über mangelnde Sicherheit seien ihm nicht bekannt.

Schliessung stand zur Debatte

Die Gemeinde Glattfelden verfügt noch über eine zweite SBB-Station an einer anderen Bahnstrecke, die ebenfalls ungünstig gelegen ist: Auch die Station Zweidlen befindet sich weit weg vom gleichnamigen Dorf. Sie wurde 1995 geschlossen, nach Protesten aber fünf Jahre später wieder eröffnet. In den 80er-Jahren stand wegen rückläufiger Billettumsätze auch eine Schliessung der Station Glattfelden zur Diskussion, was aber wieder verworfen wurde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 21:16 Uhr

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