Prinz Philip war sein Korrektor

Bis vor drei Jahren interessierte sich Alexis Schwarzenbach nicht sonderlich für den WWF. Heute weiss niemand so viel über die Umweltorganisation wie er.

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Von Helene Arnet

Zürich – Als Alexis Schwarzenbach im Sommer 2008 dem Direktor des Landesmuseums zusagte, er werde zum 50-Jahr-Jubiläum des WWF eine Ausstellung konzipieren, ahnte er nicht, dass ihn eine Geschichte erwartete, die ihm den Ärmel reinziehen, ihm die Türen zum Buckingham-Palast öffnen und schliesslich auch sein Leben verändern würde. Und Direktor Andreas Spillmann, der einfach eine etwas andere Sonderausstellung wollte, bekam überdies eine ganze Schrebergarten-Siedlung und ein 350 Seiten starkes Buch.

«Es stellte sich bald heraus, dass ich mich auf keine Sekundärliteratur stützen konnte», erzählt Schwarzenbach. «Der WWF hatte bisher keine geschriebene Geschichte.» Er klärte erst ab, ob die Umweltorganisation ihm ihre Archive öffnen würde, hielt fest, dass er keine Festschrift, sondern eine historisch unabhängige Abhandlung schreiben würde, und freute sich dann unbändig. Denn solch unbeackerte Felder sind für Historiker das Paradies auf Erden.

WWF in Zürich gegründet

Diese Geschichte ist auch das Resultat glücklicher Umstände. Einer davon stand bereits am Anfang: Direktor Spillmann erfuhr nämlich zufällig von einer Bekannten, dass der WWF 2011 seinen 50. Geburtstag feiert. Und, was bisher kaum jemand wusste, dass er in der Stadt Zürich gegründet wurde – von Engländern allerdings. In deren Auftrag registrierte der Schweizer Rechtsanwalt Hans Hüssy den WWF am 11. September 1961 in seiner Kanzlei an der Löwenstrasse 1 als Stiftung unter schweizerischem Recht. Bald darauf ging an der Löwenstrasse die erste Spende ein: Der Check eines Mr. Antony E. Judd aus London über 1 Guinee, was ungefähr dem Wert 1 Pfunds entspricht.

Der damalige Generalsekretär der Weltnaturstiftung IUCN, die in den Anfängen stark mit dem WWF verbunden war, schrieb an den Hauptinitianten Max Nicholson, die Adresse Löwenstrasse 1 hätte nicht passender gewählt werden können – «es sei denn, wir hätten sie in Pandastrasse umbenannt». Watterson war es, der Skizzen eines Pandas zeichnete, die später zum WWF-Logo führten. Weshalb haben die englischen Gründer sich Zürich als Gründungsort ausgesucht? Schwarzenbach mutmasst, dass die politische Stabilität und Neutralität für die Schweiz sprachen, aber auch die Tatsache, dass sie niemals Kolonialmacht gewesen war. Doch damit sind wir schon mitten in den Geschichten, die Alexis Schwarzenbach nach und nach ans Licht brachte. Er durchforstete die Archive des WWF Schweiz in Zürich und des WWF International in Gland VD. Er durchsuchte in der Linnean Society of London sieben Bananenkisten, die den Nachlass Nicholsons bargen und in Cambridge die Schriften des zweiten Gründervaters, Peter Scott. Seine Recherchen führten ihn ins Koninklijk Huisarchief in Den Haag, in dem der Nachlass des ersten WWF-Präsidenten, Prinz Bernhard der Niederlande, aufbewahrt wird – und plauderte dabei mit der Schwester von Königin Beatrix: mit Prinzessin Irene.Und schliesslich schrieb er einen Brief an Prinz Philip, Herzog von Edinburgh, der von 1981 bis 1996 den WWF präsidierte. «Ich erhielt umgehend Antwort und die Erlaubnis, in dem im Buckingham-Palast befindlichen Privatarchiv des Prinzen zu arbeiten.» Das Archiv sei in tadellosem Zustand und habe sich als eigentliche Fundgrube entpuppt. Den Prinzen selber hat Schwarzenbach zwar nie persönlich gesprochen. «Ich hatte mit ihm aber Mailkontakt.» Und schliesslich war His Royal Highness sein Korrektor. «Prinz Philip hat die englische Version des Buchs zweimal korrekturgelesen und sich strikt an die Abmachung gehalten, nur Fehler zu korrigieren, aber meine Auswahl oder Interpretationen nicht zu beanstanden.» Er hat diesen Job gut gemacht – so bemerkte er als einziger Gegenleser, dass Schwarzenbach den Vater Peter Scotts irrtümlicherweise zum Arktis-Forscher machte. Robert Scott hat die Antarktis bereist.

Gentlemen und Vogelkundler

Alexis Schwarzenbach ist bei diesem Gespräch mitten im Endspurt für die Ausstellung. Und doch vergisst er die Zeit beim Erzählen und redet sich in Feuer, erzählt von seinen «ungemein spannenden» Begegnungen mit den drei wichtigsten Schweizer Exponenten der WWF-Anfänge: Hans Hüssy, Fritz Vollmar (erster Generalsekretär) und Luc Hofmann, einem Spross der Gründerfamilie des Basler Chemiekonzerns Hofmann-La Roche, der sich aber weniger für Chemie als für Vögel interessierte. Der WWF hatte Schwarzenbach selbst vor Beginn dieser Geschichte wenig gekümmert. Er war nicht WWF-Mitglied, und er gehörte auch nicht zu den zahlreichen Kindern, welche WWF-Marken verkauften. Als Kulturhistoriker waren seine bisherigen Ausstellungen und Bücher einzelnen Persönlichkeiten gewidmet – wie etwa seiner Grosstante Annemarie Schwarzenbach oder Albert Einstein.

So erstaunt es nicht, dass die Ausstellung im Landesmuseum und das Buch sich an Personen orientieren. Das macht auch Sinn, denn der WWF ist vorab das Werk engagierter englischer Gentlemen der Upper Class, die geschäftstüchtig, aber auch innovativ waren. Nicholson formulierte seine Idee so: «Jede Menge gute Umweltschutzprojekte schiessen aus dem Boden wie Pilze, aber es gibt absolut kein Geld, um sie umzusetzen. Lass uns eine Spendenorganisation aufbauen, einen World Wildlife Fund.» Einen Monat nach der Gründung kann Nicholson feststellen: «So hat sich bestätigt, was wir vermuteten: Die Krisensituation in der Tierwelt ist werbewirksam und lässt sich effizient für die Beschaffung von Geld einsetzen.» Erster Grosssponsor war die Erdölfirma Shell, was damals niemanden irritierte. Sie spendete 10 000 Pfund.Diese Herren dachten auch globaler und vernetzter als damals üblich. Schwarzenbach liefert dafür eine Erklärung: «Es ist auffällig, dass fast alle Ornithologen waren. Wer sich für Vögel interessiert, merkt schnell, dass es nichts bringt, einzelne Nationalparke einzurichten. Diese nützen nur Tieren, die nicht weit laufen.» Bereits die zweite Generation rekrutierte sich aus professionellen Ökologen. «Sie predigten, dass Tierschutz nicht funktioniere, ohne mit den Leuten vor Ort zusammenzuspannen.» Dies zeigte sich auch im Namenswechsel Mitte der Achtzigerjahre: Die Initialen «WWF» stehen neu für «World Wide Fund for Nature».

Wie in einem Agenten-Film

Schwarzenbach blendet schwierige Zeiten nicht aus. So brachten die königlichen Herrschaften an der Verbandsspitze zwar viel Prestige, aber auch Ärger. Damals zum Beispiel, als Prinz Philipp sich mit seiner Frau, Königin Elisabeth II., in Indien mit einem selbst erlegten Tiger fotografieren liess. Prinz Philip wollte lange nicht einsehen, dass Grosswildjagd und Tierschutz sich beissen. Schwarzenbach erzählt von inneren Auseinandersetzungen, die sich in der Schweizer Sektion besonders heftig am frühen Widerstand gegen die Atomenergie entzündeten. Er erzählt auch erstmals detailliert von jener «Operation Lock», die besten Stoff für einen Actionfilm bieten würden. Ziel war es, den Nashornwilderern das Handwerk zu legen: Es geht um Agenten, Staatsfeinde und Apartheid. Und der WWF geriet in Verruf, darin verwickelt zu sein. Schwarzenbach lässt aber auch die Diva Chi Chi auftreten, jene 1957 geborene Panda-Bärin des Londoner Zoos, die in Europa eine Pandamania auslöste und für das erfolgreiche WWF-Logo Modell stand.

Der Panda bleibt draussen

Auf Schwarzenbachs Handy reihen sich die Kurznachrichten, sein Kaffee ist kalt, doch seine Begeisterung kein bisschen abgekühlt. Er will noch erzählen, wie aus dem Buch eine Ausstellung wurde und aus der Ausstellung ein Garten wuchs. Weil es ja darum ging, nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben, sondern in die Zukunft zu schauen. Und weil zu der Darstellung einer Geschichte des WWF «etwas Lebendiges» gehöre.

Hat denn nun die Beschäftigung mit dem WWF sein Leben verändert? Er trinkt einen Schluck Kaffee – rümpft die Nase und sagt. «Ich habe zu Hause versprochen, dass der Panda draussen bleibt.» Die Wohnung sei also immer noch behaglich warm. «Aber ich kaufe bewusster ein, bio und einheimisch.» Und er fliege mit schlechterem Gewissen und kompensiere wenigstens den CO2-Ausstoss. Der begeisterte Gärtner verzichtet neuerdings auf Kunstdünger. Und er schaue sich die Welt überhaupt bewusster an. «Ich geniesse schöne Landschaften mehr.» Letzte Frage: Sind Sie jetzt WWF-Mitglied? Ist er nicht, weil er nicht befangen sein wolle. «Doch ich habe meinen zwei Göttikindern die WWF-Mitgliedschaft geschenkt.»

Alexis Schwarzenbach, WWF – Die Biografie, Collection Rolf Heyne, 2011. Preis: ca. 44 Fr.

Erster WWF-Sitz: Löwenstrasse 1, Zürich. Eine passende Adresse.

Der Ausstellungsmacher und Autor Alexis Schwarzenbach inszeniert die Vision des WWF: Ein Raum, wo Mensch und Tier sich heimisch fühlen. Foto: Sophie Stieger

Erstellt: 18.04.2011, 20:50 Uhr

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