«Wir sollten weniger auf Protestwähler setzen»

SVP-Präsident Konrad Langhart will nach der Wahlschlappe in vielen Zürcher Gemeinden weniger provozieren und mehr auf die Probleme der Normalverdiener eingehen.

«Der alleinige Fokus aufs Sparen ist falsch», sagt Konrad Langhart. Foto: Thomas Egli

«Der alleinige Fokus aufs Sparen ist falsch», sagt Konrad Langhart. Foto: Thomas Egli

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Die SVP hat ein Wahldebakel erlebt. Haben Sie schon auf die Tatzen bekommen von Albert Rösti?
(lacht) Herr Rösti hat mir auf die Combox gesprochen, wir werden noch miteinander reden. Vorerst tönte es eher mitleidend als tadelnd. Er sprach von einem gesamtschweizerischen Trend, der im Moment gegen die SVP spreche.

Nach den Stadtzürcher Wahlen hatte SVP-Präsident Rösti ja deutlich gemacht, die Zürcher SVP habe nicht genügend gutes Personal.
Wir müssen tatsächlich selbstkritisch sein und uns fragen, was wir falsch gemacht haben. Das fängt in Bundesbern an, geht über die kantonale Ebene bis hin zu den Lokalparteien.

Sie könnten auch den Spiess umdrehen und die lokalen Parteipräsidenten kritisieren, wie es Christoph Blocher nach den Gemeindewahlen jeweils tat. 1998 forderte er etwa den heutigen Regierungsrat Ernst Stocker zum Rücktritt auf, weil dessen Wädenswiler Partei in seinen Augen zu wenig Sitze gewonnen hatte.
Ja, Walter Frey von der Stadtzürcher SVP erhielt damals einen Pokal, andere wurden hart angegangen. Doch ich verteile weder Schulnoten noch Pokale. In der Partei arbeiten alle freiwillig und viel. Es liegt nicht an mir, die Basis zu entmutigen. Ich werde dort das Gespräch suchen, wo es nicht gut gelaufen ist.

Also fast überall.
Wir haben nicht überall verloren. Und in Uster oder Illnau-Effretikon mache ich niemandem einen Vorwurf. Dort haben sie Vollgas gegeben – und ausgerechnet dort hat es uns am stärksten getroffen.

Vielleicht wäre just die Lösung, weniger Gas zu geben?
Tatsächlich gibt es in der Partei eine Strömung, die weniger Provokationen und weniger aggressive Plakate will und der Meinung ist, diese Masche ziehe nicht mehr. Andere wiederum möchten noch prononcierter vorgehen.

Zu welchem Lager gehören Sie?
Ich bin ja nicht bekannt als Provokateur. Ich bin der Meinung, wir sollten weniger auf die Protestwähler setzen und uns auf unsere Kernbasis konzentrieren.


«Bei Gemeindewahlen sind EU- oder Einwanderungsfragen weniger wichtig.»

Dann wird die SVP aber wieder zur 10-Prozent-Partei.
Nein, unsere Kernbasis sind die Normalverdiener. Es sind die freien, stolzen Schweizer aus Gewerbe und Landwirtschaft. Wir müssen uns fragen, weshalb diese nicht an die Wahlurne gehen. Wir haben ein Mobilisierungsproblem.

Welche Themen mobilisieren?
Die SVP-Themen sind alle richtig. Es geht um die Gewichtung. Bei Gemeindewahlen sind EU- oder Einwanderungsfragen weniger wichtig.

Welches sind Ihre Themen?
Die Voraussetzungen fürs Gewerbe müssen verbessert werden. Mir ist aber schon klar, dass derzeit die Steuern sprudeln und es den Leuten gut geht...

...leider für Sie.
So gut, dass wir überflüssig werden, gehts nun doch nicht. Ausserdem kann sich das schnell ändern. Ich glaube übrigens auch nicht, dass die SVP-Niederlagen einem Megatrend entsprechen, wie der «Tages-Anzeiger» geschrieben hat.

Das Spezielle für die SVP ist, dass sie nicht nur in den Städten verlor, sondern auch in der so wichtigen Agglo und gar auf dem Land. Wird das SVP-Logo zum Handicap?
Ich habe derzeit keine Erklärung dafür, dass einige SVP-Mitglieder glänzend gewählt wurden und andere wohl tatsächlich nur deshalb abgestraft wurden, weil das Kürzel SVP hinter ihrem Namen stand. Man darf aber auch nicht vergessen, dass es schon immer Schwan­kungen gab und dass wir auch nach den nächsten Kantonsratswahlen die stärkste Partei sein werden.

Diese Wahlen sind in einem Jahr. Wird eine SVP mit Verliererimage im Wahlkampf auf die Pauke hauen?
Hier muss man unterscheiden. In Zürich und Winterthur, wo wir nicht in der Regierung sind, müssen wir eine klare Oppositionspolitik betreiben. Im Kanton sind wir gemeinsam mit den bürgerlichen Partnern aber nicht in der Opposition. Der Tonfall darf gemässigter sein.

Stehen auch Themen infrage? Die Leute wollen nicht immer nur sparen. Und Steuersenkungen nützen nur den Reichen, hohe Medikamentenpreise nur der Pharma, aber nicht dem Büezer.
Ich bin für einen gesunden Staatshaushalt. Der alleinige Fokus aufs Sparen ist aber falsch. Das wollen die Leute nicht, das wollen auch unsere Leute nicht. Wir müssen auf die Bedürfnisse der Normalverdiener eingehen, für welche zum Beispiel die Krankenkassenprämien ein grosser Ausgabenposten sind. Das gilt übrigens für mich als Landwirt auch.

«Bei 70 Prozent Nichtwählern gibt es genügend Territorium, um zu grasen.»

Wie es aussieht, haben die FDP-Wähler die SVP vielerorts hängen lassen, während die SVPler brav die Freisinnigen wählten. Gibt es da wieder Streit?
Der Befund ist richtig, wenn auch nicht neu. Auf der Kantonsebene funktioniert die bürgerliche Zusammenarbeit aber gut – sogar mit der CVP. Die Zeiten der Anfeindungen sind zum Glück vorbei.

Ein SVP-Kuschelkurs gegenüber den bürgerlichen Konkurrenten macht die Partei aber austauschbar.
Das ist ein Spagat, das gebe ich zu. Aber die SVP hat genügend Alleinstellungsmerkmale und eine eigene Klientel. Zudem gibt es bei 70 Prozent Nichtwählern genügend Territorium, um zu grasen.

Wir haben vom fehlenden guten Personal gesprochen. Vielleicht tritt SVP-Regierungsrat Markus Kägi nicht mehr an – ist die Nachfolge aufgegleist?
Wir haben sowohl in den Gemeinde­exekutiven wie auch in den Parlamenten bis nach Bern genügend qualifiziertes Personal, da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Ausserdem stellt sich die Frage derzeit gar nicht.

Was geschieht, wenn die SVP die kantonalen Wahlen in einem Jahr verliert? Machen Sie dann als Parteipräsident weiter?
Das entscheidet die Parteibasis. Wenn sie der Meinung ist, dass ein Neuer es besser kann, stehe ich nicht im Weg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 21:32 Uhr

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Konrad Langhart
Präsident der SVP Kanton Zürich

Konrad Langhart politisiert seit 2011 im Zürcher Kantonsrat. Seit 2016 führt der 55-jährige Ingenieur-Agronom die kantonale SVP. Er hat in Oberstammheim einen Bio­betrieb mit Ackerbau, Kühen und Rebbau.

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