Goliath hat aufgedreht

Der Andreasturm von Gigon/Guyer am Bahnhof Oerlikon ist so etwas wie der kleine Bruder des Prime Tower. Der Bau zeigt: Die Architekten mögen dreieckige Grundstücke.

Oben grösser als unten: Der leicht abgedrehte Andreasturm am Bahnhof Oerlikon.

Oben grösser als unten: Der leicht abgedrehte Andreasturm am Bahnhof Oerlikon. Bild: Dominique Meienberg

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Goliath spazierte durch die Stadt, bückte sich hier und dort und nahm kleine Eingriffe vor. Griff sich vorsichtig den Andreasturm am Bahnhof Oerlikon, drehte ihn in der Mitte ein bisschen auf. Es entstanden zwei kleine Überhänge auf halber Höhe – dass ihm diese Verformungen gefallen, hatte Goliath zuvor schon beim Prime Tower bei der Hardbrücke festgestellt.

Dieses Spiel, diese Irritation im Haus, die Spannung, die sofort entsteht, wenn es in einer glatten Fassade einen Versatz gibt. Die Umgebung spiegelt sich anders, zum Beispiel, und das Licht bricht anders, das ganze Gebäude erscheint anders.

Der Zufall bringt Dreiecke

Etwa so stellt man sich das vor, wenn man mit Mike Guyer am Modell des Andreasturms steht, Massstab 1:200. Der gross gewachsene Architekt beugt sich immer wieder zum Modell hinunter, wenn er die Architektur des 80 Meter hohen Turms am Bahnhof Oerlikon erklärt. Was dort in den letzten zwei Jahren gebaut wurde, bezeichnen manche als kleinen Bruder des Prime Tower. Es gibt Parallelen zwischen den beiden Gebäuden am Gleis – und sie gehen darüber hinaus, weil beide an der Carmenstrasse im Büro von Annette Gigon und Mike Guyer entworfen wurden.

Der Zufall, meint Mike Guyer, habe dazu geführt, dass ihnen zwei ähnliche Parzellen «zugefallen» seien. Zweimal ein dreieckiges Grundstück an einem verkehrsreichen Ort, zweimal begrenzt durch Brücken, Bahndämme und nahe Nachbarbauten, zweimal lautete die Vorgabe, in die Höhe zu bauen, bei beiden Projekten hat das Zürcher Büro den Wettbewerb gewonnen.

Im Luftbild wird klar, weshalb Mike Guyer von einem «übrig gebliebenen Spickel Land» spricht.

Schaut man sich auf Google das Luftbild des Grundstücks in Oerlikon an, begrenzt durch einen langen Bürobau auf der einen Seite, der Bahnlinie Richtung Flughafen auf der anderen sowie der Andreasstrasse auf der dritten, dann versteht man, was Guyer meint, wenn er von einem «übrig gebliebenen Spickel Land» spricht. Davon, wie anspruchsvoll und dicht das Bauen des Sockels ausfiel, der teilweise in den Bahndamm gebaut ist. Das ist einer der grundlegenden Unterschiede zum Prime Tower: Der Andreasturm hat Eingänge auf unterschiedlichen Niveaus, sein grosser Bruder steht auf einer flachen Ebene.

Das Satellitenbild stammt von 2016, als die Bauarbeiten begannen; kleine Baumaschinen bearbeiten eine kleine, graubraune Fläche. Darauf steht heute ein zweigeschossiger Sockel, aus dem ein ebenfalls fünfeckiger, freiwinkliger Turm wächst. Die unterschiedlichen Winkel der Fassaden leiten sich von den begrenzenden Gleisen ab, vom Dreieck, das sich zwischen der Linie Zürich–Flughafen und jener von Zürich–Wallisellen öffnet.

Die Fassade springt in der Mitte des Turms etwas vor. Foto: Dominique Meienberg

Was die horizontalen Vor- und Rücksprünge in der Höhe sind, das sind die vertikalen Knicke in der Breite: Sie verhindern, dass der Andreasturm als plumper Klotz wahrgenommen wird. Es entsteht ein leicht verdrehtes Gebäude, Guyer spricht von einem «spannungsvollen Volumen», das sich in die Umgebung einpasst.

Und das, obwohl die Fassade gegen die Andreasstrasse immerhin 34 Meter, jene entlang des Gleis 3 rund 45 Meter misst. Und das bei «nur» 80 Metern Höhe. Durch seine freien Winkel erscheint der Turm von jeder Seite anders. Fährt man etwa im Zug Richtung Flughafen, ragt der Turm schmal und hoch in den Himmel, kommt man von Seebach, wirkt er wie eine Scheibe mit Knicken.

Das Waidspital ist auch in Oerlikon

Zwei- respektive dreigeteilt ist der Andreasturm in seinem Innern. Da ist der Sockel mit einer Coop-Filiale und einer weiteren Ladenfläche. Dann erstrecken sich die Büros der Ingenieure Amstein + Walthert bis zum 12. Geschoss, dem ersten über der Auskragung. Den Ausbau für diesen sogenannten Ankermieter planen ebenfalls Gigon/Guyer.

In den nächsten beiden Geschossen betreibt das städtische Waidspital eine externe Dialysestation; seit Montag werden dort Patientinnen und Patienten betreut. Darüber, in den Geschossen 15 bis 21, stehen Büroflächen zur Vermietung. Für diese suchen die SBB-Immobilien, die das Gebäude in Auftrag gegeben haben, noch Mieter.

Die verschiedenen Höhen der Stadt

In der Mitte also verdreht sich der Turm leicht: Auf zwei Seiten kragt das 12. Geschoss etwas aus, die Geschosse werden leicht grösser. Es gehe ihnen dabei um Massstäblichkeit, sagt Guyer: darum, zu spielen, den Turm in verschiedene Zonen zu teilen. Er reagiere so auf die verschiedenen Höhen der Umgebung und füge sich trotz seiner 80 Meter ins Profil der Stadt ein.

«Die Fassade des Andreasturms hat einen eigenen visuellen Reichtum.»Mike Guyer, Architekt

Verstärkt werden diese Zonen durch die Fassade: Die horizontalen Bänder, die die Geschosse sichtbar machen, lassen den Turm aufgeschichtet erscheinen. Die Brüstungselemente haben zwei verschiedene Farben, zwischen das Glas ist ein textiles Netz laminiert, je nachdem ist dieses kupfrig oder goldig. Die zwei Farbtöne sind horizontal und vertikal wechselnd den geknickten Fassadenflächen zugeordnet. Das Gewebe sei «lichtaffin», sagt Guyer: «Es reflektiert und bricht das Licht in einem kleineren Massstab.»

Im Zusammenspiel mit den bronzefarbenen Profilen der Fenster entsteht ein Licht- und Farbspiel, das an einen Pyritkristall erinnert. Da passt es ganz gut, was Mike Guyer sagt: «Die Fassade des Andreasturms hat einen eigenen visuellen Reichtum.» Dieser wird nochmals ganz anders strahlen, wenn die Büros bezogen sind und in der Nacht das Licht brennt: Dann wird die Fassade quasi umgekehrt, die Struktur des Baus wird sichtbar. Der Pyrit strahlt dann von innen.

Erstellt: 10.12.2018, 11:41 Uhr

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