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Greorgys Leukämie ist ein Fall fürs Kinderspital

Zwei Jahre hat der achtjährige Georgy in Zürich verbracht. Der Junge aus Russland hat Leukämie. Nun soll ihn eine Transplantation des Rückenmarks heilen.

Von Christian Dietz-Saluz Uetikon/Zürich – Im Sommer galt der russische Junge Georgy als geheilt. Er kehrte nach einer zweijährigen Leukämiebehandlung im Kinderspital Zürich heim ins 10 000 Kilometer entfernte Chabarowsk. Doch jetzt weilt Georgy wieder in Zürich – er hat einen Rückfall. «Sascha, sein Vater, hat mich frühmorgens angerufen, ich habe sofort Schlimmes geahnt», sagt Zarina Tadjibaeva aus Uetikon. Die Nachricht hat die Russisch-Dolmetscherin geschockt. Sie musste an diesem 15. November am Vormittag im Gericht übersetzen. «Dort hielt ich alle Gefühle zurück, draussen heulte ich einfach los, zum ersten Mal hatte ich wirklich Angst um Georgy», erzählt die Uetikerin heute. «Jetzt ist es halt so» Beruflich ist Zarina Tadjibaeva oft gezwungen, Distanz zu wahren; aus «emotionalem Selbstschutz», wie sie es nennt. Bei Georgy und seinen Eltern Nina und Sascha Pachomov ist diese Mauer schon lange eingestürzt. Die zwei Jahre zwischen Sommer 2009 bis letzten Juli, die der Bub im Kinderspital Zürich und in Uetikon verbracht hatte, haben die Freundschaft mit der Familie besiegelt. «Ich liebe Georgy wie ein eigenes Kind», sagt die Dolmetscherin. Innert dreier Tage besorgte sie alle Papiere. Die Zeit drängte, denn mit dem Beginn der Chemotherapie wäre die lange Reise in die Schweiz für Georgy nicht mehr möglich gewesen. «Ich muss in Zürich behandelt werden.» Diesen Satz habe er bei der zweiten Diagnose in der Klinik von Chabarowsk gesprochen, sagt die Mutter. Er habe es völlig unaufgeregt gesagt, als ob es hiesse: «Okay, jetzt ist es halt so.» Guter Appetit Georgy verfolgt das Dreiecksgespräch zwischen dem Reporter, der Dolmetscherin und seiner Mutter mit ernsthafter Miene. Er weiss, dass er schwer krank ist. Ohne Haare auf dem Kopf und an den Brauen wirkt die Mimik des Achtjährigen seltsam stoisch und erwachsen. Die blauen Augen folgen dem Geschehen am Tisch eher bestimmend als ahnungslos fragend. Georgy spricht wenig, isst bedächtig die in kindermundgerechte Ecken geschnittene halbe Pizza. Sein Appetit ist gross. So gross, dass die Mahlzeiten dosiert werden müssen. Aber Georgys Freude am Essen beruhigt die Menschen in seiner Umgebung: Wenigstens geniesst er diesen Teil seines Alltags wie ein ganz normales Kind. Alltag ist ein relativer Begriff, wenn man ein krebskrankes Kind hat. Die Verhältnisse in der Familie Pachomov verdeutlichen dies. Vater Sascha (43) war über die Feiertage bis Anfang Januar in die Schweiz und ging wieder nach Chabarowsk zurückkehren – zur Arbeit in einem Betrieb für Industrierecycling und zur 20-jährigen Tochter. Die 44-jährige Mutter lebt mit Georgy in einem vom Kinderspital organisierten kleinen Appartement in Zürich. «Wir führen kein Familienleben im klassischen Sinn», sagt Nina Pachomova, «die Familie ist auf zwei Kontinente verteilt.» Zukunft heisst für sie und den Buben, wenn im Kalender steht: «Papa kommt!» Pachomovas Tag ist nur dem Sohn gewidmet. Spital, spazieren gehen, kochen, essen, spielen, vorlesen, schlafen: Das ist ihr Alltag. «Das Spital und die Medikamente geben den Takt an», sagt die Mutter, «und die Nebenwirkungen der Arzneien.» Denn die schlagen manchmal auch aufs Gemüt. Dann ist Georgy mürrisch oder schwach. Sie legt die aus Russland mitgenommenen Schulbücher zur Seite. Georgy hat im Sommer die zweite Klasse begonnen. Nina Pachomova will ihm eine gute Ersatzlehrerin sein. «Ich muss auf die Lust meines Kindes eingehen», sagt die Mutter verständnisvoll. Es beruhige sie, zu wissen, «dass mein Kind in einem der besten Spitäler der Welt behandelt wird». Helden kämpfen gegen das Böse Georgy ist sich seiner Krankheit bewusst. Regelmässig diktiert er seiner Mutter oder der Dolmetscherin, die er wie seine Lieblingstante herzt, Fantasiegeschichten. Sie handeln von Helden, die das Böse besiegen. Jetzt hat er das dritte Buch begonnen. Die Helden seiner Geschichten sind seine Mutter, sein Vater und er selbst. Mit dem Bösen ist der Krebs gemeint. Besiegen die Ärzte seine Leukämie-Krankheit, könnte Georgy Ende dieses Jahres erneut in seine russische Heimat zurückkehren. Die Eltern von Georgy haben für die erste Behandlung ihres Sohnes in der Schweiz fast ihren ganzen Besitz verkauft. Der Schuldenberg erhöht sich jetzt nochmals, denn Georgy soll eine Rückenmarktransplantation erhalten. Kostenpunkt: 400 000 Franken. Derzeit wird mit Chemotherapie versucht, den Leukämierückfall unter Kontrolle zu bekommen. Erst wenn Georgy frei von Krebszellen ist und ein geeigneter Rückenmark-Spender gefunden ist, kann die Transplantation ausgeführt werden. «Irgendwo auf der Welt suchen wir einen Menschen, dessen Blutkörper ähnliche Gewebeeigenschaften aufweisen und jenen von Georgy entsprechen», sagt Felix Niggli, Professor und Leiter der Abteilung Onkologie am Kinderspital Zürich. Laut Niggli könnte die Knochenmarktransplantation im April erfolgen, «wenn die Finanzierung gesichert ist». Bisher hat die Familie von Georgy in ihrer russischen Heimat rund 50 000 Franken an Spenden erhalten, 100 000 Franken hat sie sich geliehen. (di) Georgy lernt im Bett des Kinderspitals den russischen Schulstoff. Foto: Reto Schneider

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