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Guten Tag, Europa

Stadtgeschichte Miklós Gimes Als ich kürzlich in Kloten ins Flugzeug stieg, setzte sich ein Ägypter neben mich. Er wohnt in Paris, mit seinen langen, dunklen Locken sah er aus wie ein Popstar. Und tatsächlich, er hoffte auf eine Zukunft als Musiker, als er in jungen Jahren nach Frankreich auswanderte. Doch dann machte er eine Pizzeria auf, am Rand von Paris, später kam ein zweitens Lokal dazu, französische Küche. «Die Restaurants laufen gut, sehr gut sogar», sagte er. Er ist mit einer Französin verheiratet, drei Kinder, alles bestens – und trotzdem überlegt er sich, die Lokale zu verkaufen und in seine Heimat zurückzukehren, «mit Frankreich geht es abwärts.» In den Achtzigerjahren habe man noch etwas aufbauen können, heute würde er niemandem raten, ein Geschäft zu eröffnen. «Der Staat frisst alles auf, Abgaben ohne Ende», sagt er. «Dazu habe er Sorgen mit dem Personal; die Franzosen seien etwas faul, er beschäftige lieber Tunesier oder Algerier, aber im Service sei er auf die Einheimischen angewiesen, «du kannst einen Araber nicht als Kellner losschicken.»«Ich dachte, Paris sei eine Weltstadt», sagte ich. «Das Klima ist aggressiv», sagte er. «Die Leute sind schlecht drauf. Es hat mehr Gewalt als früher, die Aussichten für die Jungen sind mies.» Er klang echt besorgt. Ein paar Tage später traf ich einen Freund aus Italien, aus Rom. Er handelt dort mit Immobilien. Wir assen in der Nähe der Redaktion einen Tintenfischsalat. Er überlege sich, nach Zürich auszuwandern, sagte mein Freund, hier könne man noch leben. In Rom halte er es nicht mehr aus. Er habe hier ein Postkonto eröffnet und seine Karte im Automaten vergessen, am nächsten Tag lag sie im Briefkasten. «In Rom wartest du Monate auf eine neue Kreditkarte. Das sind Kleinigkeiten, aber wenn du für alles kämpfen musst, Bewilligungen, Papiere, dann gibst du irgendwann auf.» Am selben Tag fuhr ich mit dem Zug von Oerlikon in den HB, als ein älterer Mann in einer dicken schwarzen Lederjacke – bei der Hitze! – aus dem Bistrowagen kam, er versuchte die Schiebetüre wieder zu schliessen, bis er realisierte, dass sie automatisch zugeht. «Scheisse, alles elektronisch», sagte er in gebrochenem Deutsch, «Scheisscomputer, nehmen Arbeit weg.» Dann wechselte er ins Italienische, «alles Bastardi, verdammt noch mal, Hurensöhne, wovon soll man leben?» Er fluchte weiter bis zum HB. Zwischen den Schimpfwörtern erfuhr man, dass er Grieche ist, seit vierzig Jahren unterwegs als Fremdarbeiter, er war lange in der Schweiz, jetzt lebt er in Kanada, wo er seinem Bruder im Restaurant aushilft. Er ist ein kräftiger Typ mit einem buschigen Schnauz, Anthony Quinn hätte ihn spielen können. «Einiges los in Ihrer Heimat», sagte ich.«Heimat?» sagte er. «Meine Heimat ist dort, wo ich Geld verdiene. Aber Sie haben recht, wir Griechen sind die Einzigen, die es ihnen zeigen, den Bastarden, den Hurensöhnen!»Es läuft was auf dem alten Kontinent, dachte ich auf dem Weg durchs Shopville. Aber ich bleibe Europäer. miklos.gimes@tages-anzeiger.ch;Stadtgeschichten.Tagesanzeiger.ch

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