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Happige Poesie für hungrige Stäfner Ohren

Lokalmatadorin Dari Hunziker brachte das Rössli Stäfa kein Glück: Sie verpasste am ersten Stäfner Poetry Slam knapp den Final. Gewonnen hat die Baslerin Daniela Dill.

Poetry-Slam-Siegerin Daniela Dill (26) aus Basel überzeugt bei ihrem Auftritt im Rössli mit irrwitzigen Worten und ausdrucksstarker Mimik.
Poetry-Slam-Siegerin Daniela Dill (26) aus Basel überzeugt bei ihrem Auftritt im Rössli mit irrwitzigen Worten und ausdrucksstarker Mimik.
Michael Trost

599 Wörter und am Schluss ein Geräusch. Mit diesen Worten stellte Dari Hunziker, Poetry Slammerin aus Stäfa, ihren selbst geschriebenen Text vor. «Es geht um einen Mann, der euch sicher schon alle inspiriert hat: Arnold Schwarzenegger», erklärte die 20-Jährige. «I can’t get out», hiess ihr Text, oder auch: «Ich muss hier raus!» Was sie vor dem Publikum, in dem auch ihr ehemaliger Deutschlehrer sass, am Freitagabend vortrug, ging unter anderem so: «Mein Horizont ist schmal / Die Wege holperstolper / Sag ich Ecklein – du siehst Saal / Die Fenster nennt man Folter / I can’t get out.»

Es gab keine Musik dazu, keinen Gesang und keine Haustiere, die Texte müssen selbst geschrieben sein, und in Stäfa gabs eine Redezeitbeschränkung von sechs Minuten: Das sind die Regeln eines Poetry Slam, vorgetragen vom Moderatoren-Duo Philipp «Phibi» Reichling aus Stäfa und Richi Küttel. «Die Absicht des Slams: eure hungrigen Ohren zu füllen», erklärten sie unisono. Der Rösslisaal war nicht ganz gefüllt, und der Deutschlehrer von Dari Hunziker verkörperte etwa das Durchschnittsalter des 150-köpfigen Publikums, das sich auf Einladung des «Tages-Anzeigers» ins Rössli begeben hatte.

Insgesamt elf Poetinnen und Poeten, zwei davon im Team, trugen in hartem Stakkato ihre Texte vor – vier Frauen und sechs Männer. Die Auftrittsreihenfolge zogen die Moderatoren per Los. «Die Vergangenheit ist mir leid, und die Zukunft zeigt sich noch nicht, und ich, ich leb im Hier und Jetzt, das Leben ist zum Sterben schön», slammte etwa Marguerite Meyer aus Zürich. Sie war das erste Mal in Stäfa und, wie sie sagte, etwas neidisch auf die hübschen Wohnungen mit Seesicht.

Fragen über Fragen, gereimt

Ganz anders Kollege Kilian Ziegler aus Trimbach SO, der nur Fragen in den Raum stellte: «Nennt man einen Amerikaner auf Konfrontationskurs einen Affront-Amerikaner?» – «Wenn ein Dicker einen Ernährungsberater anruft, nimmt der dann ab?» – «Wenn einem jemand auf den Sack geht, muss man dann zum Urologen?» – oder, zum Abschluss: «Was würde ich wohl John F. Kennedy sagen, wenn er noch leben würde? Etwa: Hey John, i kenne di?» Damit schaffte es Kilian Ziegler ins Finale der ersten Gruppe, zusammen mit Daniela Dill, die über ein Mädchen slammte, das in silbernem Kleid und einem Tigertanga in die Disco geht.

«Das bin nicht ich», hatte Daniela Dill zuvor erklärt. «Das ist mein lyrisches Ich. Ich muss das sagen, sonst krieg ich manchmal Mails.» Weil dem Mädchen in der Disco gesagt wird, es sei zwar hübsch, aber das Mädchen im weissen Kleid sei noch hübscher, slammt Daniela Dill: «Ich land mit dem Selbstwertgefühl auf dem Boden, meine Stimmung ist im Keller, im Weinkeller.» Mit dem Text schien sie direkt den Nerv des Publikums im Rössli getroffen zu haben: Zusammen mit dem Fragensteller Kilian Ziegler zog sie – per Applauslautstärke erkoren – als Ex-aequo-Siegerin der ersten Gruppe in den Final. Auch Laurin Buser aus Arlesheim, der die Geschichte eines Soldaten und seines violetten Gedichtbandes vortrug, sowie Lisa Christ aus Trimbach («Werbung ist nicht wahr, und Probleme mit Männern muss man trotzdem selbst wegmachen») sowie «Slam-Jungfrau» Marc Göttinger aus Thalwil ernteten zwar grossen Applaus, schieden aber aus.

Eine Zigarette vor dem Tod

Die zweite Gruppe begann mit dem grössten Teilnehmer: dem 1,98 Meter grossen Sam Hofacher, dem nach Bern ausgewanderten Ostschweizer. «Ein Geständnis» hiess sein Beitrag für das Duell der Worte. Der Text handelte von einem Mann, der weiss, das er noch 10 Minuten zu leben hat, weil das Flugzeug dermassen in Turbulenzen gerät, dass es wohl abstürzen wird. «Ich zünde eine letzte Zigarette an, weil ich weiss, sie wird mich nicht töten. Ich habe die Gurte losgemacht, weil auch Gurte nicht mehr schützen.» Dann bringt er die Stewardess um: «Sie wäre sowieso gestorben.» Blöd nur, dass er einer der 53 Überlebenden des Absturzes ist. «Ich werde zum Tod durch den Strang verurteilt wegen kaltblütigen Mordes.» Da zündet er dann wirklich seine letzte Zigarette an und weiss: «Sie bringt mich nicht um.» Ihm folgte Dari Hunziker mit «I can’t get out», und nach der Lokalmatadorin erzählte Renato Kaiser aus Goldach SG die Geschichte von ihm selbst, wie er mit Kurt Aeschbacher, dem Moderator des Schweizer Fernsehens, geschlafen hat: «Es war ein Traum.» Im Traum trifft er auch die Fernsehköche Sibylle Sager und Andreas «Studi» Studer in der Sadomaso-Hölle, und Sibylle sagt zu Studi: «Du bist mein einzig wahrer Steamer!» Mit diesem Text schaffte es der Ostschweizer gegen die Stäfnerin Dari Hunziker ins Finale. Das Team Sex on the Speach, das nach Kaiser auftrat, hatte gegen sie keine Chance.

«Zur Hölle mit Verboten»

Das Finale bestritten schliesslich Renato Kaiser, Daniela Dill und Kilian Ziegler. Die 26-jährige Basler Studentin entschied es mit ihrem rotzfrechen Text «Darf ich . . .?» um Konventionen für sich («zur Hölle mit dem Heiligenschein»). Als Pokal gabs eine Flasche Single Malt, als Medaille einen Zürich-Slam-Button. Alle Slammer bekamen auch einen Schluck und 100 Franken in die Hand gedrückt. Da zeigte sich dann der Heimvorteil von Dari Hunziker: Als die anderen auf den 23.45-Uhr-Zug rannten, blieb sie cool sitzen und stiess auf den Abend an.

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