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«Harmonie ist das Wichtigste»

Der Davoser Meistertrainer Arno Del Curto sieht sich als Freund der Spieler – und wäre am liebsten Musiker geworden.

Der Engadiner Arno Del Curto (54) machte sich mit dem fünften Meistertitel zum erfolgreichsten Trainer in der Schweizer Playoff-Ära. Er überholte den SchwedenJohn Slettvoll, der mit dem «Grande Lugano»von 1986 bis 1990 viermal triumphiert hatte. Del Curto wirkt seit 1996 beim HCD und ist längst der dienstälteste Trainer im Schweizer Eishockey. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder (Stéphanie, Yannick). Mit Arno Del Curto sprachen Simon Graf und Fredy Wettstein, Uster Als Treffpunkt hat Arno Del Curto einen mit viel Stil und Liebe umgebauten Bauernhof bei Uster vorgeschlagen. Er gehört einem engen Freund, der nach dem Eintreffen des Davoser Trainers sofort in die Küche geht und Spaghetti kocht. So war es auch am vergangenen Dienstag, als Del Curto kurzfristig anrief und sagte, er komme vor dem Spiel gegen Kloten mit der Mannschaft vorbei. «Arno hat eben solche Ideen», sagt Peter Schwab über ihn. Zwei Nächte sind vergangen seit dem fünften Titelgewinn, zwei kurze Nächte für Del Curto. Zuerst wegen der langen und feuchten Feier, und gestern Donnerstag lag er morgens um fünf immer noch wach im Bett und verfolgte am TV den Start des NHL-Playoff. Er ist müde, aber entspannt und blendend gelaunt. Arno Del Curto, der fünfte Titel in zehn Jahren, werden Sie nie satt? Wenn du das Hockey zeigen willst, das mir vorschwebt, kannst du gar nie satt werden. Aber es kann sein, dass ich morgen, in zwei Monaten, zwei Jahren plötzlich genug habe. Dann weiss ich, dass ich sofort aufhören muss. Sie sind 54 . . . . . . auf dem Papier, ja . . . … und werden trotzdem nie müde? Das ist eine Frage der Gene (schaut nach oben und sagt): Das entscheidet Er. Die Leidenschaft ist einfach ein Teil von mir. Das Alter hat bei mir keinen Einfluss. Stimmt der Eindruck, dass Sie an der Bande gelassener geworden sind? Der Eindruck stimmt schon. Dafür gebe ich heute in der Kabine mehr Gas. Aber ich bin seit einigen Jahren gegenüber den Schiedsrichtern viel ruhiger geworden, weil wir Coaches wieder mehr Stil auf die Bank bringen sollten. Doch wenn ich einmal etwas sage, spricht man die ganze Saison darüber. Das Bild des tobenden, schreienden, wild gestikulierenden Del Curto . . . (unterbricht) . . . wurde mir doch nie gerecht. Der Kameramann wartet ein ganzes Spiel lang, bis er mich endlich so im Bild hat, und dann zeigt man diese Aufnahmen immer wieder. Ich bin nicht so, wie ich dargestellt werde. Eigentlich bin ich für diesen Job viel zu lieb. Wenn ich einem Spieler sagen muss, dass er nicht spielen kann, grüble ich später zu Hause darüber nach. Ich muss lachen, wenn ich als harter Hund dargestellt werde. Das bin ich nicht. Was ist Ihnen am wichtigsten? Harmonie. Ohne sie bringt man nichts zustande. Wenn von den fünf Spielern einer nicht mitmacht, funktioniert nichts mehr. Harmonie ist das Wichtigste. So zahm, wie Sie sich nun darstellen wollen, sind Sie allerdings nicht. Sonst wäre ich als Trainer auch verloren. Ich würde ja den Spielern gerne sagen: Geht raus, spielt auf höchstem Niveau, und ich schaue einfach zu. Aber so geht es nicht. Du musst sie motivieren, schubsen, ständig antreiben, wenn du willst, dass sie noch schneller, besser spielen. Die Spieler wollen und akzeptieren das, sie müssen auch. Ich kenne keine Sponsoren, die sagen: Hier habt ihr 5 Millionen, geht nun schlafen. Wir sind ihnen, aber auch den Fans, die für den HCD leben, schuldig, unser Bestes zu geben. Sie haben Ihr Team völlig im Griff. Das Entscheidende für einen Trainer ist doch immer die Frage: Gibt es in der Mannschaft eine Gruppe, die es schafft, eine negative Dynamik zu erzeugen? Gibt es Spieler, die darauf aus sind, einen Trainer zu stürzen? Wie erkennen Sie das? Ich habe ein gutes Gespür, merke sofort Stimmungen – und handle. Und ich habe in meiner Mannschaft auch einige, die schon lange dabei sind . . . . . . die Gebrüder von Arx, Rizzi, Marha . . . . . . und die wirken manchmal wie ein Filter, kennen mich, wissen, wie ich ticke, und haben das, was ich will, seit Jahren jeden Tag von mir gehört. Die Spieler denken: Der verlangt schon viel, fordert immer mehr, doch er will ja eigentlich nur, dass wir besser werden. Kann man als Trainer etwas dafür tun, dass das Feuer erhalten bleibt? Ja, das kann man. Ich schaue nächtelang NHL-Playoff am Fernsehen, und wenn wir dann wieder aufs Eis gehen und ein Spieler Mühe hat, sage ich ihm: «Ich habe in der NHL einen Schuss gesehen mit 700 Stundenkilometern, millimetergenau in die Ecke. Dorthin wollen wir kommen. Es geht noch viel, viel besser.» Oder das Beispiel Barcelona im Fussball: Wie können Leute, die fünf, acht, zwölf Millionen verdienen, so zusammenspielen, so kombinieren und alles im Dienst des Teams tun? Sie könnten sagen: He, ich bin ein Star, ich behalte den Ball so lange am Fuss, wie ich will. Aber nein. Sie kombinieren, passen, bieten eine Show, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Ich sage meinen Spielern oft: Messi, seht euch Messi an! Wie nahe sind Sie Ihren Spielern? Sehr nahe. Mit einem Wort, was sind Siefür die Spieler? Ein Freund. Darf ein Trainer das sein? Eigentlich nicht. Aber ich bin da wohl speziell. Im Training ist niemand mein Freund, da kenne ich nichts. Aber wenn es vorbei ist und sie gut trainiert haben, bin ich so lieb, habe so eine Freude und lasse sie das auch spüren. Ich lache, mache Sprüche. Manchmal denke ich dann, ich hätte eigentlich Komiker werden sollen. Ich kann ironisch sein, sarkastisch, und ich kann auch ganz gute Ansprachen halten, bei denen man fast nicht hört, wenn ich rede. Dann merken es die Spieler, und es wird ganz still im Raum. Wann spürten Sie, dass Sie Eishockeytrainer werden wollen? Früh. Als ich mit 21 den Unfall hatte und eine Mannschaft in Wallisellen übernahm. Ich hatte keine Ahnung, aber ich konnte motivieren. Plötzlich kämpften sie wie die Affen, gewannen sie die letzten neun oder zwölf Spiele. Da dachte ich: Das macht Spass, die reagieren ja auf mich. In Buochs und in Reinach lief es ähnlich. In Küsnacht begann ich, mich intensiver mit diesem Sport auseinanderzusetzen. Was Kondition anging, Technik, Taktik, Führen auf einem höheren Niveau. Die russische Schule gefiel mir. Wir kurvten herum, dass man sagte, ich bräuchte ein grösseres Feld und sie mich Del Curtow nannten. In Herisau hatte ich erstmals mit Ausländern zu tun. Auch das musste ich lernen. Als ich dann zum ZSC kam, war ich noch nicht bereit, ein grosses Team zu führen. Das kam leider zu früh. Wie meinen Sie das? Ich wollte mit dem Kopf durch die Wand. Ich konnte nicht akzeptieren, dass man Schritt für Schritt gehen muss. Als Trainer der U-20 brach ich auf zu neuen Ufern. Ich kann mich noch gut an den ersten Match erinnern, gegen die USA. Nach zehn Minuten sagte ich: Die da drüben spielen eine andere Sportart. Die sind viel zu schnell für uns. Bringt mir einen Schal und einen Mantel, damit ich mich nicht erkälte. Ich sah, dass das Tempo der Schlüssel ist. Später kam ich nach Davos, wo ich mein Hockey bei einer Profimannschaft umsetzen musste. Sie haben in Davos eine Leistungskultur aufgebaut . . . . . . halt, jetzt wird es gefährlich. Ich will mich nicht in den Mittelpunkt stellen. Wir haben es gemeinsam geschafft. Dazu braucht es immer eine Mannschaft, die mitzieht. Bei uns ist es vielleicht ein bisschen einfacher, weil ich viele Spieler schon lange habe. Die Hierarchie, die sich bei uns aufgebaut hat, war sehr gut für den HC Davos. Ich habe nicht gerne flache Hierarchien. Es braucht Leute, die führen. Die Siegertypen. Können Sie gar nicht weg, weil in Davos alles so gut funktioniert? Das ist nicht der Grund. Ich würde mit Freude anderswo etwas aufbauen. Das Problem ist: Die Spieler des harten Kerns sind meine Freunde geworden. Deshalb kann ich in der Schweiz nicht wechseln. Gar nie? Irgendwann schon. Ich muss nur aufpassen, dass mir die neue Generation nicht wieder so ans Herz wächst. Haben Sie den Vertrag bis 2015 schon unterschrieben? Ich habe mündlich zugesagt, das reicht fürs Erste. Sie haben zum Unterschreiben vom Davoser Vizepräsidenten einen teuren Kugelschreiber bekommen. (lacht) Das stimmt. Ich werde den Kugelschreiber schon noch benützen. Was wären Sie geworden wenn nicht Eishockeytrainer? Am liebsten Musiker. Ich habe ja einmal in einer Band Gitarre gespielt. Mein Traum wäre, bei Rage Against the Machine dabei zu sein. Oder ich hätte gerne ein Sinfonieorchester dirigiert. Weil beides nicht ging, wurde ich Trainer. Wenn das nicht geklappt hätte, wäre ich in der Wirtschaft gelandet. Aber das wäre schon sehr öde gewesen. Was würde Ihnen fehlen? Das Kribbeln, das Zusammenarbeiten, Zusammensein mit jungen Spielern. Durch sie die neusten Trends aufzuschnappen, bei Mode, Musik, Essen, den neusten Slang. All diese Dinge. Was sie alles mit den Computern anfangen. Musik herunterladen, ganz alte Stücke suchen. Dieser Job hält mich jung. Wie alt fühlen Sie sich? Wie 30. Ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte mitspielen. Ich hocke nicht am Tisch wie viele Altersgenossen und fluche über die ganze Welt. Jetzt ist die Meisterschaft vorbei. Können Sie auch mal stillsitzen? Ja sicher, kein Problem. Stundenlang, wochenlang, monatelang. Ich kann Stunden am Strand sitzen. Im Sommer bin ich genau das Gegenteil. «Ich muss lachen, wenn ich als harter Hund dargestellt werde. Das bin ich nicht.» «Ich hocke nicht am Tisch wie viele meiner Altersgenossen und fluche über die Welt.» Zwei Tage nach dem Triumph: Arno Del Curto entspannt sich mit dem Besuch eines Zürcher Freundes. Foto: Nicola Pitaro

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