«Ich schäme mich für Italien» – Demo in Zürich für Kapitänin

Vor dem italienischen Konsulat forderten Demonstranten die Freilassung der inhaftierten Carola Rackete.

Die Frauen und Männer demonstrierten gegen die italienische Flüchtlingspolitik und für europäische Solidarität.
Video: Anja Stadelmann

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Und dann tritt ein dunkelhäutiges Paar aus dem italienischen Konsulat in Zürich, sie mit langem schwarzem Gewand, das Haar unter einem roten Schleier, in der Hand ein Autositzchen mit einem winzigen Baby, er in Gummisandalen, den Autoschlüssel in der Hand. Nur das Auto, das er auf der anderen Seite geparkt hat, das ist weg. Besser gesagt: Verschwunden in einer Gruppe von gut hundert Demonstranten. Ein Botschaftsangestellter musste die Polizei bitten, dem Paar zu seinem Auto zu verhelfen. Ob ihnen klar war, weswegen hier demonstriert wurde?

Die Männer und Frauen auf der anderen Strassenseite waren am Montagmittag gekommen, um gegen die italienische Flüchtlingspolitik und insbesondere für die Freilassung von Carola Rackete zu protestieren. Die Kapitänin des Flüchtlings-Rettungsboots Sea-Watch 3 hatte in der Nacht auf Samstag die Sperre vor dem Hafen Lampedusa durchbrochen, nachdem das Boot mit vierzig Migranten an Bord dort tagelang vor Anker gelegen hatte. Rackete war darauf festgenommen worden.

Salvini ausgebuht

Für die Demonstranten ist nicht die Handlung der Kapitänin kriminell, sondern das Handeln der italienischen Regierung. «Ich schäme mich für das Land, in dem ich meine Wurzeln habe», sagte SP-Nationalrat Angelo Barrile in einer kurzen Ansprache, und erntete grossen Applaus. Viele, die an diesem Mittag vor dem Konsulat standen, sind selbst Secondos, aus Italien, aber auch aus anderen Ländern. Ein Mann erklärte in einer spontanen Ansprache auf Spanisch, sein Land handle auch nicht besser, es brauche europäische Solidarität, was die Demonstranten mit «No pasarán! No pasarán!» quittierten, dem Schlachtruf der spanischen Kommunisten im Bürgerkrieg gegen die Faschisten.

Klares Statement. Foto: Dominique Meienberg

Später stimmten die Männer und Frauen «Bella Ciao» an, das Protestlied der italienischen Resistenza im Zweiten Weltkrieg. Mehrere Redner bezeichneten die Regierung Matteo Salvinis als «faschistoid», wenn sein Name fiel, buhten sie ihn laut aus. Aber auch für den Schweizer Bundesrat gab es Kritik. SP-Nationalrat Fabian Molina sagte, die Schweiz hätte die Möglichkeit gehabt, die Menschen an Bord der Sea-Watch 3 aufzunehmen: «Ich weiss wirklich nicht, warum Bundesrätin Karin Keller-Sutter das nicht getan hat.» Angelo Barrile erinnerte daran, dass die Schweiz vor achtzig Jahren Menschen an der Grenze zurückgeschickt habe.

Nach rund einer Stunde löste sich die Kundgebung, die von der Stadtpolizei eine Spontanbewilligung erhalten hatte, ohne Probleme auf.

Erstellt: 01.07.2019, 14:05 Uhr

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