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«Ich will, dass wir uns mit dem Wachstum auseinandersetzen»

Das Unterland gehört zu den am stärksten wachsenden Regionen. In Bülach könnte es auch Hochhäuser geben, sagt der Präsident der Planungsgruppe, Hanspeter Lienhart.

Herr Lienhart, die Planungsregion Unterland hat 2009 die Grenze von 100 000 Einwohnern überschritten. Was heisst das für Sie?

Das müssen wir zunächst einfach einmal zur Kenntnis nehmen. Rückgängig machen können wir es ja nicht. Hingegen ist es zwingend, dass wir uns Gedanken machen zur Frage, wie unsere Region in Zukunft weiter wachsen soll. Das heisst, wir haben zu definieren, wo und wie das Wachstum in Zukunft stattfinden soll und wo nicht.

Offenbar ist es für die Politiker gar nicht vorstellbar, dass ihre Gemeinde, ihre Region nicht mehr wächst. Man könnte das Wachstum ja auch gezielt einschränken.

Fakt ist, dass sich gesamtschweizerisch gesehen die Bergregionen entleeren und die urbanen Gebiete wachsen. Im Kanton Zürich gibt es bereits Regionen, die praktisch kein Bauland mehr haben, wie beispielsweise die Goldküste. Die Bevölkerung aber nimmt zu, auch durch die Immigration. Also findet das Wachstum dort statt, wo es noch möglich ist. Das Unterland ist auch Wachstumsgebiet, weil die Bodenpreise noch moderat sind und die Verkehrserschliessung gut ist.

Aber man könnte ja auch bewusst auf die Erhaltung eines möglichst grossen Natur- und Erholungsgebietes setzen.

Nochmals: Ich will nicht ein Wachstum um jeden Preis. Ich will ein kontrolliertes Wachstum. Das heisst, wir müssen entsprechende Zonen ausscheiden und sagen, wo wir bauen wollen und wo wir unser Erholungsgebiet erhalten möchten. Das eine soll nicht gegen das andere ausgespielt werden. Den Schutz unserer Landschaft und den Kampf gegen die weitere Zersiedelung unterstütze ich jedoch sehr. Wer das tut, muss aber die Siedlungsgebiete optimal nutzen und in den Wohngebieten verdichtet bauen.

Das heisst, es wird in Zukunft auch in Bülach Hochhäuser geben?

Ja. Verdichtetes Bauen bedeutet eben auch, in die Höhe ausweichen. Und da kommt am ehesten Bülach infrage. In der PZU sind wir uns nämlich einig, dass Bülach das Regionalzentrum des Unterlandes ist. Dielsdorf und Embrach betrachten wir als Subzentren.

Gibt es denn für Sie im Unterland eine Wachstumsobergrenze, eine Bevölkerungslimite?

Nein, wir haben keine obere Bevölkerungszahl definiert. Das Wachstum ergibt sich ganz einfach aus den rechtskräftig ausgeschiedenen Siedlungsgebieten. Die Bevölkerungsprognosen für den Kanton Zürich sehen bis 2030 für das Unterland rund 117 000 Einwohner vor.

Nun könnte es ja sein, dass die eine oder andere Gemeindeversammlung ein verdichtetes Wohnen ablehnt. Was dann?

Der Souverän bestimmt. Dann müssten wir unsere Richtpläne anpassen und unsere Vorstellungen überarbeiten. Ich finde es aber wichtig, dass nicht jede Gemeinde nur für sich schaut. Es gibt auch die übergeordnete Sicht der Dinge. Der Flughafen hat uns sozusagen zu einer ganzheitlichen Schau genötigt. Die Entwicklungsvorstellungen der PZU dürfen nicht zu einem blossen Wunschkonzert der Gemeinden verkommen.

Wachstum macht nur Sinn, wenn auch die Infrastruktur ausgebaut wird, etwa im Bereich Verkehr. Genau da hapert es aber. Das Unterland ist schlecht an den Flughafen und an Zürich angebunden.

Da gibt es tatsächlich grosse Unterschiede in unserer Region. Durch die vierte Ausbauetappe der S-Bahn wird das Unterland ab 2014 wesentlich besser erschlossen sein. Diejenigen Siedlungsgebiete, die vom öffentlichen Verkehr gut erschlossen sind, haben Wachstumspotenzial, Regionen mit schlechtem Angebot des öffentlichen Verkehrs haben weniger gute Karten. Es ist eine der zentralen Forderungen der Planungsgruppe Zürcher Unterland, dass die Verbindungen des öffentlichen Verkehrs zum Flughafen ausgebaut werden. Dies sieht auch der Kanton so.

Der Bund muss sparen, der Kanton muss sparen, und der ZVV muss sparen. Dringend notwendige Verbesserungen sind soeben hinausgeschoben worden. Müssten da nicht die Gemeinden mehr finanzielle Unterstützung leisten, damit der ÖV ausgebaut werden kann?

Erstens bin ich völlig dagegen, dass der öffentliche Verkehr nicht mehr ausgebaut werden soll. Zweitens bezahlen die Gemeinden schon heute ihren Beitrag an den ZVV. Der öffentliche Verkehr hat Zukunft! Ein Zurückfahren der Investitionen hätte eine Umlagerung auf den privaten motorisierten Verkehr zur Folge, was absolut unerwünscht wäre. Die Kostenverteilung zwischen Kanton und Gemeinden ist eine hochpolitische Frage. Mir ist wichtig, dass insgesamt die notwendigen Ausbauten getätigt werden können.

Das heisst, Sie glauben im Ernst an den durchgehenden Doppelspurausbau zwischen Rafz und Oberglatt, an die Haltestelle Endhöri, die Ringbahn um den Flughafen und den Busrundkurs Kaiserstuhl, Bachs, Neerach, Weiach?

Das mag aus heutiger Sicht vielleicht utopisch erscheinen. Und ich glaube nicht, dass ich dann bei der Eröffnung der Ringbahn noch dabei sein werde. Aber wer keine Visionen hat, der hat auch keine Zukunft.

Sinnvoll wäre es, wenn zuerst die Verkehrsinfrastruktur gebaut würde und erst dann die Bauentwicklung käme. Jetzt nimmt einfach der Privatverkehr zu und der belastet die Umwelt.

Ich will nicht den privaten und den öffentlichen Verkehr gegeneinander ausspielen. Beispielsweise hat der Bau der Umfahrung Eglisau für die PZU allererste Priorität. Das macht Sinn, weil die Umfahrung für die Anwohner die Lebensqualität steigern würde. Alles in allem haben wir aber sicher heute schon eine gute Verkehrsinfrastruktur, und niemand baut auf Vorrat.

Dann wird das Nadelöhr Eglisau einfach zum Hardwald verschoben.

Halt, halt! Wenn ich von der Umfahrung Eglisau rede, dann gehört der Hardwald für mich natürlich dazu. Diese Strecke muss ausgebaut werden.

Und der Dettenberg-Tunnel von Bülach Richtung Embrach?

Den halte ich nicht für vordringlich. Diese Linienführung muss nochmals überdacht werden.

Die PZU sieht das erweiterte SIG-Areal im Rafzerfeld als strategische Arbeitsplatzreserve. Wenn Sie dort die Ansiedlung von Industrie fördern, dann gibt es noch mehr Verkehr auf der Achse Eglisau-Zürich.

Ja, das gäbe sicher mehr Verkehr. Wir rechnen aber auch damit, dass der Verkehr aus dem Kiesabbau längerfristig wie geplant vermehrt auf die Schiene verlegt werden kann. Zudem ist Rafz gut an den öffentlichen Verkehr angeschlossen. Wir tun gut daran, wenn wir in der Region nicht nur Wohn-, sondern auch Arbeitsplätze schaffen. Das kann ja auch zu einer Reduktion des Verkehrs führen.

Welches sind die nächsten Schritte in der Entwicklungsplanung Zürcher Unterland?

Zurzeit arbeitet die PZU an der Vernehmlassung zum kantonalen Richtplan, insbesondere auch zum Kapitel Flugverkehr. Die von vielen geforderte Parallelpiste des Flughafens konnten wir kippen. Gleichzeitig sind wir an den Vorbereitungen für die Revision des regionalen Richtplanes. Ebenfalls engagiert ist die PZU zusammen mit den Gemeinden im Forum Lägern-Nord, welches die Interessenvertretung der Region bezüglich der Standortauswahl eines Tiefenlagers für radioaktive Abfälle wahrnimmt.

Dieses Jahr läuft Ihre Amtszeit als PZU-Präsident ab. Werden Sie das Präsidium weiterführen?

Das hängt nicht zuletzt von den Wahlen ab. Werde ich als Bülacher Stadtrat wiedergewählt, stelle ich mich weiter für das Präsidium der Planungsgruppe zur Verfügung.

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