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In den USA fast so berühmt wie Federer

Das C.-G.-Jung-Institut in Küsnacht ist das Nervenzentrum der weltweiten Gemeinschaft der sogenannten Jungianer, der Anhänger des berühmten Schweizer Tiefenpsychologen. Ein Augenschein an einem Ort, wo sich manchmal Hunderte einfinden, um andächtig hoch anspruchsvollen Vorträgen zu lauschen.

Küsnacht - Scharen von gut gekleideten Menschen eilen an einem verregneten Herbstabend in freudiger Erwartung durch den schmalen dunklen Hornweg. Ihr Ziel ist nicht etwa das edle Restaurant Kunststuben, sondern ein auffälliges, altes Zürichseehaus direkt am Ufer. Dieses ist zwar mit einem grossen Namen verbunden, aber nur eine Minderheit weiss, was dort vor sich geht: im C-G.-Jung-Institut (siehe Artikel unten rechts).

Im Innern der psychotherapeutischen Ausbildungsstätte rätselt Institutspräsident Daniel Baumann, ein Urenkel C.G. Jungs, in welcher Sprache er sich an die Zuhörer wenden solle - alle fünf Kontinente seien vertreten. Er entscheidet sich für Englisch, die Sprache, die man hier neben Hochdeutsch am häufigsten hört.

Baumann hat keine persönliche Erinnerung an seinen berühmten Urgrossvater, bekam aber sehr wohl mit, wie die ganze Familie Jung im Bann der charismatischen Persönlichkeit stand. Er selbst ist Architekt, aber die manchmal übergrosse Verehrung, die Carl Gustav Jung noch 48 Jahre nach dessen Tod entgegengebracht wird, erstreckt sich oft auch auf Nachkommen wie Baumann.

«Hier ist meine geistige Heimat»

Das C.-G.-Jung-Institut bietet hauptsächlich Aus- und Weiterbildung an und widmet sich der Pflege des Jung’schen Gedankenguts. «Das Institut ist meine geistig-spirituelle Heimat. Hier sind Leute, die wie ich die weite, allumfassende Psychologie von Jung vermitteln wollen», sagt der Deutsche Thomas Schneider, einer der anwesenden Studenten. Er hat ursprünglich in Italien studiert, wo Jung viel mehr geschätzt und verehrt werde als im Norden Europas.

Für Andres aus Kolumbien vereinigt Jung Kultur und Seele. Er fühle sich hier zu Hause; Jungs Lehre gebe seinem Leben Sinn. Bereichernd und einmalig ist das Jung-Institut auch für Barbara Weskamp, eine Analytikerin aus Aarau: «Hier am Zürichsee trifft man Leute aus der ganzen Welt und fühlt sich sogleich wohl.»

Weltweit 50 Ableger

Ausgehend vom Institut in Küsnacht entwickelten sich weltweit 50 Landesgesellschaften, in denen heute 2300 Jung’sche Psychotherapeuten tätig sind. Am stärksten vertreten ist diese Schule der Psychologie in den USA; dort sei Jung, hört man, neben Roger Federer der bekannteste Schweizer.

Trotz dieser Weltläufigkeit unternimmt das Küsnachter Jung-Institut auch Anstrengungen, um Leute aus der Region anzusprechen, interessierte Laien. Im Winterhalbjahr werden beispielsweise Vorlesungen ausgeschrieben, in denen es um die Interpretation von Träumen oder Märchen geht.

An diesem Abend haben sich im bis auf den letzten Platz besetzten Festsaal aber vor allem Dozenten, Analytiker und Studierende versammelt. Es steht ein Vortrag über das geheimnisvollste Werk von C. G. Jung bevor. Während sechzehn Jahren hat Jung im sogenannten Roten Buch seine eigenen, oft angsterregenden und schrecklichen Fantasien festgehalten. Nur ein paar handverlesene Spezialisten sowie einige Familienangehörige haben das Werk nach seinem Tod zu Gesicht bekommen - fast 50 Jahre lang hielt man sich daran, bis es dieses Jahr veröffentlicht wurde.

Referent ist Sonu Samshadani, ein indischer Historiker, der das Buch während vieler Jahre studiert und analysiert hat. Er geniesst die gespannte Atmosphäre im voll besetzten Auditorium und lässt zuerst einen Pianisten improvisieren. Dann der magische Moment: An der Wand erscheint eine Seite aus dem Roten Buch. Sie sieht aus wie aus einer mittelalterlichen Bibel: gotische Buchstaben, lateinische Sprache, der Anfangsbuchstabe verziert mit einer wunderschönen Landschaft. Hat Jung da den Zürichsee gemalt?

Ein Buch voller Geheimnisse

Man bekommt eine Ahnung davon, weshalb vielen Jungs Werk ungeheuer anspruchsvoll vorkommt. Diverse Zuhörer lassen sich davon nicht abschrecken, sie haben das Buch bereits bestellt. Der Referent weist darauf hin, dass die Auseinandersetzung damit sehr viel Zeit brauche: «Jung hat 16 Jahre daran gearbeitet; ich empfehle, ebenso viel für das Durcharbeiten einzuplanen». Andres, der Student aus Kolumbien, antwortet auf die Frage, ob ihm das Buch viel bedeute, erstaunt: «Natürlich. Das löst bei uns allen einen langen Prozess aus!» Ein wenig von der Verehrung für Carl Gustav Jung färbt auch auf dessen Nachkommen ab, etwa auf Daniel Baumann (links). Obwohl der kein Psychologe ist. Foto: Michael Trost

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