«In der Weiterbildung sind Dumpinglöhne üblich»

Weiterbildungsinstitute könnten durchaus bessere Löhne zahlen – wenn sie wollten. Das sagt Guglielmo Bozzolini, Geschäftsführer der gemeinnützigen Schule ECAP.

Guglielmo Bozzolini findet es problematisch, nach welchen Kriterien die öffentliche Hand Aufträge für Weiterbildungskurse vergibt.

Guglielmo Bozzolini findet es problematisch, nach welchen Kriterien die öffentliche Hand Aufträge für Weiterbildungskurse vergibt.

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Kursleiterinnen der Migros-Klubschule beklagen sich über ihre Arbeitsbedingungen, die Migros kontert, diese seien branchenüblich. Als Geschäftsleiter der ECAP kennen Sie die Situation bestens. Wie steht es um die Branche?

Die Lage ist sowohl für die Angestellten als auch für die Bildungsinstitute schlechter geworden. Das hat zum einen mit dem rasanten Wachstum zu tun. In den letzten Jahren sind Bereiche wie Deutschkurse für Migrantinnen und Migranten interessant geworden, um die sich private Institute früher nicht scherten. Also drängen immer mehr Anbieter in diesen Markt. Zum anderen sind die Submissionsbedingungen ein Problem. Alle öffentlichen Aufträge werden ausgeschrieben, was auch korrekt ist. Aber der Preis wird dabei zu stark gewichtet. In einer Branche, wo die Personalkosten siebzig bis achtzig Prozent der Kosten ausmachen, bedeutet Preisdruck auch Lohndruck.

Warum sind Deutschkurse plötzlich interessant geworden?

Man spricht immer mehr von Integration, es ist insgesamt auch mehr Geld dafür vorhanden. Leider haben aber viele Institute die falsche Vorstellung, jeder könne Deutsch unterrichten, deshalb lasse sich mit wenig Aufwand Geld verdienen. Man unterschätzt, wie viel Fachwissen dafür nötig ist.

«Leider haben viele Institute die falsche Vorstellung, jeder könne Deutsch unterrichten.»

Brauchte es aus Ihrer Sicht gesetzliche Regeln, um die Arbeitsbedingungen in der Weiterbildung zu verbessern?

Schwierige Frage. Die Behörden müssten auf jeden Fall einsehen, dass der Preis in den Submissionen bei Weiterbildungen eine weniger grosse Rolle spielen sollte als etwa bei Bauaufträgen. Früher war das auch so. Bis vor rund 15 Jahren regelte zum Beispiel das Seco den Preis für Kurse für Erwerbslose. Die Konkurrenz war also kein Preiskampf. Viel wichtiger sind die Qualität, die Ausbildung der Lehrpersonen und die Löhne, von denen man leben kann. Das müssten die Behörden berücksichtigen

Und das tun sie nicht?

Nein, wir haben bisher nur ein positives Beispiel erlebt. Das Aargauer Migrationsamt verlangte vor zwei Jahren in einer öffentlichen Ausschreibung plausible Lohnangaben. Das führte dazu, dass nicht der günstigste Anbieter den Auftrag gewonnen hat.

Die Institute argumentieren, sie seien grundsätzlich nicht mehr konkurrenzfähig, wenn sie bessere Löhne zahlten.

Das Problem sind nicht nur die Löhne, sondern zum Beispiel auch ein garantiertes Pensum für die Lehrpersonen, das nicht jedes Jahr wieder infrage gestellt wird. Das ist eine Herausforderung, aber auch mit akzeptablen Löhnen machbar, wenn man sich gut organisiert und die Verwaltung schlank hält.

«Ich will die Migros nicht kritisieren, aber bei uns liegt die Fluktuation deutlich tiefer.»

Die Migros sagt, ihre Mitarbeiter seien zufrieden, was sich an der Fluktuation von nur 15 Prozent zeige. Mir scheinen 15 Prozent eher viel.

Ich will die Migros nicht kritisieren, und ich kenne die Zahlen anderer Anbieter nicht – aber bei uns liegt die Fluktuation zum Beispiel deutlich tiefer, bei höchstens 9 Prozent.

Die ECAP gilt als gewerkschaftsnah, ist nicht gewinnorientiert und wird oft als positives Beispiel in der Branche genannt. Was machen Sie anders als andere?

Wir haben einen GAV mit den Gewerkschaften VPOD und Unia. Unser Ziel war es, ein Beispiel zu statuieren, das als Best Practice in einer Dumpingsituation gelten sollte. Wir Anbieter haben auch eine Verantwortung, wir können nicht nur sagen, die öffentliche Hand drückt die Preise und deshalb bieten wir möglichst günstig mit. Wir müssen versuchen, die Spirale zu stoppen. Aber wir erwarten von den Auftraggebern umgekehrt, dass sie die Arbeitsbedingungen in den Ausschreibungen berücksichtigen und bereit sind, mehr als nur branchenübliche Löhne zu zahlen. Denn wenn man in einer Dumpingbranche arbeitet, sind branchenübliche Löhne Dumpinglöhne.

Erstellt: 13.06.2019, 14:22 Uhr

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