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In Küsnacht gehörte sie nie richtig dazu

Melinda Nadj Abonji hat das wichtigste deutschsprachige Buch 2010 geschrieben. Darin verarbeitete sie ihre Kindheit als ungarische Migrantin an der Goldküste.

Von Daniel Fritzsch Küsnacht – Es ist wohl die häufigste Frage, die der Trägerin des letztjährigen Schweizer und Deutschen Buchpreises gestellt worden ist: «Als was fühlen Sie sich, Frau Nadj Abonji? Als Schweizerin oder als Ungarin?» Das Interesse an der Herkunft der Erfolgsautorin ist verständlich. Dreht sich doch ihr hochgelobtes Werk «Tauben fliegen auf» um die Themen Heimat, Integration und Assimilation. Erzählt wird die Geschichte einer ungarischen Familie aus der Vojvodina. Die Familie zieht in die Schweiz, in eine «Kleinstadt an der Zürcher Goldküste». Die Eltern betreiben erst eine Wäscherei, dann pachten sie ein Café. Sie bemühen sich redlich, arbeiten hart und wollen den Schweizern gefallen. Die Geschichte wird aus der Sicht der Tochter erzählt, die sich mit der Zeit emanzipiert. Die Jury des Deutschen Buchpreises lobte das Buch unter anderem, weil es ein «vertieftes Bild eines gegenwärtigen Europa im Aufbruch abgibt, das mit seiner Vergangenheit noch lange nicht abgeschlossen hat». «Tauben fliegen auf» trägt biografische Züge. Die Autorin Melinda Nadj Abonji, 1968 geboren, gehört wie ihre Romanfigur zu der ungarischen Minderheit in der serbischen Vojvodina – weshalb sie fälschlicherweise oft als Serbin bezeichnet wurde. Als Fünfjährige ist sie mit ihrer Familie in die Schweiz ausgewandert. In Küsnacht ging sie zur Schule. Ihre Eltern betrieben viele Jahre die Cafeteria Münz beim Bahnhof. Heute lebt die 42-Jährige im Zürcher Kreis 4. Nur ja nichts falsch machen In einem Interview mit dem «Beobachter» wurde Nadj Abonji auf ihre Kindheit in Küsnacht angesprochen. «Ich habe nie richtig dazugehört», erinnerte sich die Schriftstellerin. «Zwar hatte ich Freunde, aber ich habe mich immer am liebsten mit Kindern umgeben, die wie ich an der sprachlichen Peripherie waren.» Schon früh musste sie erfahren, dass Kinder, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, praktisch keine Chance haben, eine höhere Bildung zu erhalten. «Mein Primarlehrer wollte mich nicht ins Gymi schicken. Zwar konnte er schlecht sagen, ich sei nicht gut genug in der Schule, darum befand er eben, ich sei noch nicht reif genug.» Das allgemeine Klima am Zürichsee beschrieb sie so: «In Küsnacht gab es viel Geld und wenig Ausländer. Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse aufpassen, nichts falsch zu machen.» Eine ungarische Serbin Schon früh zeigte Melinda Nadj Abonji Interesse an Sprachen. Sie selber sei heute jedoch weder im Ungarischen noch im Deutschen hundertprozentig zu Hause, sagt sie. Mit ihren Eltern, die immer noch in Küsnacht leben, spricht sie konsequent Ungarisch, mit ihren Geschwistern jedoch Schweizerdeutsch. Das erklärt die Standardantwort, die Melinda Nadj Abonji mittlerweile auf die Frage nach ihrer Herkunft gibt: «Ich bin eine ungarische Serbin, die in der Schweiz wohnt.» Sie sage das immer im Witz. Bloss merke selten jemand, dass sie es ironisch meint – nämlich, dass sie sich nicht national definiere. Melinda Nadj Abonji. «In Küsnacht gab es viel Geld und wenig Ausländer.»Foto: Key

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