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Italiens dramatische Wahrheiten

Was genau passierte 1992 und 1993 in Italien? Bombte Siziliens Mafia damals Silvio Berlusconi an die Macht? Nun reden nicht mehr nur Kronzeugen, sondern auch Politiker und Richter. Von Oliver Meiler

Es sind verstörende Thesen, die in diesen Tagen in Italien verhandelt werden. Thesen wie Bomben. Thesen aus dem dunklen Herzen einer bewegten Republik voller ungeklärter Mysterien. Sie handeln von der Mafia, von der Politik, von subversiven Geheimdiensten und düsteren Geheimlogen, von Staat und Antistaat.

Neu sind sie nicht. Doch so lange sie nur von Kronzeugen der Mafia geäussert wurden, von Bossen und Söhnen von Bossen, und von Parteipolitikern, Journalisten und Romanautoren, standen sie im Ruch, einer Sache zu dienen. Zu Recht oder zu Unrecht. Nun aber reden plötzlich politische Persönlichkeiten und Richter über die rätselhafteste Phase in der jüngeren italienischen Geschichte, um die es hier geht: über die dramatischen Jahre 1992 und 1993 nämlich. Es sind Leute, denen man höchstens vorwerfen kann, dass sie so lange geschwiegen haben. Denen man aber zuhört und staunt, wie sehr sich ihre Schilderungen mit jenen decken, die bisher das Siegel des Zweifels trugen.

«La Repubblica» interviewt sie alle. Zum Beispiel Carlo Azeglio Ciampi, bald 90 Jahre alt, damals Ministerpräsident und später Staatspräsident. Ein besonnener Mann, der nie übertrieben hat in seinem langen Leben. Ciampi sagt: «Es gibt keine Demokratie ohne Wahrheit. Und jetzt ist Zeit für die Wahrheit.»

Die «militärische» Mafia

17 Jahre danach also - eine Ewigkeit seit der Zeit, als die Republik beinahe zum Mafiastaat verkam, wie Giancarlo Caselli jetzt sagt, der frühere Generalstaatsanwalt von Palermo. Es waren dramatische Zeiten, eine Zäsur. Die politische Klasse Italiens fiel auseinander: gezeichnet von den Korruptionsskandalen, die als «Tangentopoli» in die Geschichte eingingen. Die beiden Parteien, die Italien ein halbes Jahrhundert lang beherrscht hatten, die Democrazia cristiana und der Partito socialista, verschwanden. Es blieb ein Vakuum.

Auf Sizilien hatte die Mafia, die Cosa Nostra, ihre grössten Jäger umgebracht: die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Und sie begann, auch auf dem italienischen Festland Bomben zu legen, was sie bis dahin nie getan hatte: in Mailand, Florenz, Rom. Einige Versuche misslangen. Die Mafia agiere «militärisch», hiess es damals; sie tötete

wahllos, was sonst nicht ihre Art war. Sie sorgte für ein Klima der Spannung im ganzen Land. Als hätte sie eine Mission, ein Ziel: für sich oder für einen Mandanten. Oder für beide gleichzeitig.

Doch wer war der Auftraggeber? Wer hatte ein Interesse am Chaos, an der wachsenden Anarchie, an der Angst?

«Ich hatte Angst», sagt Ciampi

Ciampi führte 1993 eine Notfallregierung an, die das Land in Balance halten und die entwertete Lira stabilisieren sollte. Er sollte die Republik retten. Es ging um nichts weniger als das: um die Rettung der italienischen Demokratie. Ciampi erzählt, wie er die Nacht des 27. Juli 1993 erlebte, die er in seinem Ferienhaus bei Rom verbrachte. Um Mitternacht ging in Mailand eine Bombe hoch. Ciampi telefonierte mit seinem Sekretär in Rom, als er durch das Telefon die Explosion einer zweiten Bombe hörte - in Rom. «Mein Sekretär sagte:‹Ich hab keine Ahnung, was hier los ist› - er brachte den Satz nicht fertig, die Linie wurde unterbrochen. Ich habe mehrmals versucht zurückzurufen, doch die Linie blieb auf mysteriöse Weise unterbrochen. Ich hatte Angst, dass ein Staatsstreich im Gang war. Ich hatte dieses Gefühl damals, ich habe es heute noch.» Auch Nicola Mancino, damals Innenminister, sagt jetzt: «Ja, wir fürchteten uns vor einem Coup.»

Doch wer wollte da putschen? Piero Grasso, Italiens oberster Mafiajäger, sagt: «Es ist ganz klar, dass die Cosa Nostra mit diesen Attentaten eine neue politische Kraft begünstigen wollte, die dann, wenn sie an der Macht wäre, ihre Forderungen erfüllen würde.» Die Forderungen waren Hafterleichterungen für die Bosse, Revision der Prozesse, eine günstigere Kronzeugenregelung, ein weniger repressives Klima. Kurz: Die Mafia wollte wieder in Ruhe arbeiten können. Dafür sollte eine neue, alliierte politische Kraft sorgen. Gemeint ist Forza Italia, die Partei Silvio Berlusconis, die in jenen Monaten entstand - wie aus der Retorte. Man sollte sie auch Plastikpartei nennen.

Die Italiener kannten Berlusconi damals als Fernsehmacher und Fussballpräsidenten, als Aufsteiger. Der Ursprung seines Reichtums jedoch war schon damals ein Enigma. Berlusconi war Mitglied der Geheimloge Propaganda Due, kurz P2, einer rechtssubversiven Untergrundorganisation, die eine neue Gesellschaft anstrebte - ein neues, autoritäres Italien. Generäle, Journalisten, Geschäftsleute und Agenten gehörten ihr an. Berlusconi trug die Mitgliedernummer 1816.

Es gab noch andere bizarre Hintergründe. In seiner Mailänder Villa beschäftigte Berlusconi den Sizilianer Vittorio Mangano, einen Boss der Cosa Nostra - angeblich als Stallmeister. Auf Sizilien agierte gleichzeitig einer seiner alten Freunde und Mitarbeiter: der Sizilianer Marcello Dell’Utri, Erfinder und Programmschreiber von Forza Italia. Dell’Utri diente der Cosa Nostra als Brücke zum Kontinent - und in den Norden, nach Mailand. Das ergab der Prozess, die Akten sind voller Details aus jenen Jahren. Senator Dell’Utri wurde zu 9 Jahren Haft wegen Zugehörigkeit zur Mafia verurteilt. Noch läuft ein Rekurs, dritte Instanz. Kann es sein, dass der treue Freund aus Palermo ohne das Wissen Berlusconis handelte?

Gegen Ende 1993 wurde dann publik, Berlusconi plane einen Einstieg in die Politik - mit einer neuen Partei. Der Bombenterror hatte sich, wie durch Geisterhand gelenkt, gelegt. Cosa Nostra zog sich auf die Insel zurück. Die militärische Phase war vorüber, so plötzlich, wie sie einst begonnen hatte, und sie kehrte nie wieder. Berlusconi gab zunächst vor, dass er «diesen bitteren Kelch», wie er das politische Engagement beschrieb, gerne an sich vorbeiziehen lassen würde, um aber bald darauf seinen «heroischen Beschluss» bekannt zu geben, dass er sein Vaterland retten und aufrichten wolle. Berlusconi gewann auf Anhieb die Wahlen, alliierte sich mit den Neofaschisten und prägt und polarisiert seither Italien: Er veränderte mit seiner Politik und seinen Medien Gesellschaft und die politische Kultur. Seit bald 17 Jahren. Etliche seiner Gesetze und Reformen standen einst im Programm der P2. Von Leuten wie dem Schriftsteller Roberto Saviano, der seit seinem Buch über die Camorra («Gomorra») mit dem Todbedroht wird, sagt Berlusconi, sie beschmierten das schöne Bild Italiens.

Rechte fürchtet um Berlusconi

Was genau passierte also 1992 und 1993? Wer orchestrierte die «Strategie der Spannung» oder die «blutige Saison»? Wem nützte sie? Wer ist dieser «Signor Franco» aus Rom, von dem die Kronzeugen Gaspare Spatuzza und Massimo Ciancimino sagen, er habe bei jedem Anschlag Regie geführt, und von dem die Ermittler ein Foto haben? Was wusste Berlusconi? Und welche Garantien erhielt die Mafia für ihre schmutzige Hilfe, die Berlusconi an die Macht brachte?

Der linke Politiker Walter Veltroni, der heute der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission angehört, sagt: «Das waren keine Attentate der Mafia - das waren Blutbäder eines Antistaates, der sich wohl im Staat eingenistet hat und noch immer darin steckt. Wir sollten alle innehalten und überlegen.» Das sind Worte, wie sie in jedem anderen europäischen Land wohl eine Erschütterung auslösen würden.

Die Linke fordert eine Untersuchungs- oder wenigstens eine Wahrheitskommission. Die Rechte will nichts davon und vermutet hinter der Forderung einen Versuch, Berlusconi zu Fall zu bringen. Und dann gibt es noch Leute, die sagen, Italien befinde sich wieder in einer solchen historischen Schlüsselphase wie damals. In einer Übergangszeit, am Ende einer Ära - jener Ära, die mit Bombenterror begonnen hatte und Berlusconi hervorbrachte. Palermo am 20. Juli 1992: Am Tag zuvor hatte die Mafia hier den Richter Paolo Borsellino getötet. Foto: Eligio Paoni (Dukas)

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