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Ja, so ein Beethoven kann richtig anstrengend sein

Einführungsvorträge, Kinderprogramme, launige Programmhefte: Die Vermittlung klassischer Musik hat Hochkonjunktur. Leider, findet Holger Noltze in seinem Buch «Die Leichtigkeitslüge».

Von Susanne Kübler «Ludwig FUN Beethoven» lautete der Titel eines Hamburger Schülerkonzerts, in dem vor zwei Jahren die ganze musikpädagogische Trickkiste ausgepackt wurde: «Für Elise» gabs mit extra Klangeffekten; es wurde über Beethovens Wohnungschaos berichtet; eine Elfjährige spielte «Die Wut über den verlorenen Groschen» (leicht gekürzt); eine Tanzgruppe nahm sich den «Prometheus» vor, und die «Ode an die Freude» durften alle mitsingen. Mit leuchtenden Augen hätten die Kinder das Konzert verlassen, so hiess es in einem Bericht – weil sie erfahren hätten, dass klassische Musik «kein bisschen altmodisch oder langweilig ist». Wem immer klassische Musik etwas bedeutet, der müsste jubeln über diese Geschichte. So viel Engagement für die gute Sache! Und mit so erfreulichem Resultat! Aber nun kommt Holger Noltze, 51-jähriger Musikjournalist und Professor für «Musik und Medien» in Dortmund, und vergällt einem die Freude. Er hält nicht viel von einer Vermittlung, die den Gegenstand allzu voreilig den echten oder vermeintlichen Grenzen der Hörerschaft anpasst. Und Fun? Nein, um Fun geht es bei Beethoven nicht. Hang zur Unterkomplexität «Die Leichtigkeitslüge» heisst das Buch, in dem sich Noltze den heutigen Umgang mit klassischer Musik vornimmt und in dem die schulische Musikerziehung ebenso schlecht wegkommt wie die Musikberichterstattung in den Medien und die Vermittlungsbemühungen der Konzertveranstalter. Weil sie sich allesamt nicht mehr trauen, zuzugeben, dass die Musik von Beethoven (oder Bach oder Boulez) nun mal anstrengend sein kann. Und weil sie mit ihrem «Hang zur Unterkomplexität» das, wofür sie sich einzusetzen meinen, letztlich selbst als Zumutung darstellen. Klassische Musik, darin trifft sich Noltzes Diagnose mit jener der diversen Vermittler, hat keinen selbstverständlichen Platz mehr in unserer Gesellschaft. In dieser Situation, so Noltze, dominieren zwei verschiedene Reflexe: Es gibt «auf der einen Seite Abschottung, Flucht in einen Kulturdünkel, gegründet auf der Gewissheit, im Besitz eines Besseren zu sein; auf der anderen: immer bedenkenlosere Anpassung an die ‹Marktfähigkeit› von Kultur.» Beides hält er für gleichermassen fatal, weil es verhindert, was aus seiner Sicht dringend fällig wäre: dass man sich grundsätzlich überlegt, was klassische Musik (oder Kunst allgemein, die Musik dient Noltze nur als Beispiel) heute sein könnte, sollte oder müsste.Ist jedes Konzerthaus schützenswert? Sind die öffentlichen Gelder sinnvoll eingesetzt? Ist die Art, wie Musik heute gespielt wird, die richtige? Solche Fragen gelten als gefährlich, weil sie die Kulturfeinde, die Sparpolitiker und Antibildungsbürger auf den Plan locken könnten. Stellen müsste man sie trotzdem, findet Noltze, der selbst ein klassischer Bildungsbürger ist und den Kopf schüttelt über jene ZDF-Bestenliste, die Herbert Grönemeyer vor Udo Jürgens und Wolfgang Amadeus Mozart auf die ersten drei Plätze setzte (und weiter hinten kommt auch noch DJ Bobo vor Bach!). Es gibt gute und schlechte Musik, davon ist er überzeugt; gleichzeitig ist ihm die TV-Serie «Grey’s Anatomy» lieber als ein staubiger Shakespeare im Stadttheater: Das Gute, Raffinierte findet sich nicht nur in jenem Kanon, den die Kulturelite gerne verteidigt. Und es leistet nicht jeder, der die ewigen Werte vertritt, kulturell Wertvolles. Musik? Nein, Krach! Diese Offenheit ist das eine, was Noltzes Buch lesenswert macht. Das andere ist die Vielfalt an Bezügen und Hintergründen, die er in pointierter, wenn auch selbstverständlich nicht unterkomplexer Sprache fest- und darstellt. Er schreibt also übers Internet und darüber, wie es unsere Neugierde kanalisiert. Er giftelt gegen Elke Heidenreich und ihr «Superheldentum des Ergriffenseins», bei dem es mehr um sie selbst geht als um die Musik, von der sie so berührt zu sein behauptet. Und immer wieder prangert er die Unterforderung der Kleinsten an, die schon als musikalisch gerühmt werden, wenn sie einen mit Steinen gefüllten Joghurtbecher schütteln. Das, so findet Noltze, hat nichts mit Musik zu tun: «Es ist nur Krach.» Natürlich ist er nicht der Erste, der das Problem der Vermittelbarkeit von klassischer Musik erkennt. Zu Recht zitiert er Felix Mendelssohn: «Fragen Sie mich, was ich mir dabei gedacht habe, so sage ich: gerade das Lied, wie es dasteht.» Und er zitiert auch die Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard, die die Interpreten als eigentliche Vermittler ausmacht. Soll man also aufhören, Musik zu erklären? Soll man statt Konzertrezensionen einen Link zu Audio-Files veröffentlichen? Und den Kindern die Rasseln wegnehmen und nur noch Beethoven vorlegen – insbesondere die späten Streichquartette und stets mit dem Hinweis, Fun müssten sie sich anderswo besorgen? So weit geht Noltze nicht. Er will die Vermittlung nicht abschaffen, sondern verbessern. Komponisten als Trainer Wie das anzupacken wäre, beschreibt er auf den letzten vierzig Seiten seines Buchs, die vom Proust-Zitat über Sloterdijk-Referenzen bis hin zu Erkenntnissen aus der Schleimpilzforschung alles Mögliche liefern – aber kein Rezept für die «richtige» Vermittlung. So praxisbezogen Noltzes Kritik ist, so theoretisch und vage bleiben seine Verbesserungsvorschläge. Was auch damit zu tun hat, dass ein Vermittler, der die Hörer ernst nimmt, auf ebendiese Hörer angewiesen ist: «Anlauf nehmen und springen kann jeder nur selber. Passive, nur noch zur Entgegennahme von Häppchen bereite Rezipienten über die Hürde zu bugsieren, bringt wenig. Sie bleiben dahinter einfach liegen.» Das Ziel einer intelligenten Vermittlung müsste also sein, das Springen – beziehungsweise die Höranstrengung – attraktiv zu machen. Und zwar nicht nach dem Motto «erst die Arbeit, dann das Vergnügen». Das Publikum, so Noltze, würde erst recht vertrieben durch «Disziplinarmassnahmen, die den Lohn der Mühe immer erst verspätet auszuzahlen versprechen – als Zinseszins einer Anstrengung, die hier und jetzt zu leisten ist».Nein, die Anstrengung selbst muss der Lohn sein. «Jeder Krimi-Leser weiss, was gemeint ist, es gilt für Kreuzworträtsel wie für Schnitzeljagden: Etwas Verborgenes zu entdecken ist eine Quelle nicht nur für intellektuelle Befriedigung oder ‹Spass› – man darf es vielleicht ruhig etwas höher hängen, warum nicht ‹Genuss erfüllter Gegenwart›.» Eine gute Musikvermittlung müsste das Publikum also in diese «erfüllte Gegenwart» begleiten: indem sie den Erfahrungshunger weckt, indem sie den Kreislauf von Verstehen und Noch-mehr-verstehen-Wollen in Gang bringt. Und indem sie klarmacht, dass manches, was man im Konzertsaal erlebt, auch ausserhalb von Nutzen ist. Denn das ist Noltzes Schlusswort: «Es geht auch darum, in einer Welt, die immer komplexer wird, in der die einfachen Gesetze immer häufiger nicht mehr passen, einen furchtlosen Umgang mit Komplexität zu üben. Monteverdi, Bach, Beethoven, Haydn, Mozart, Schönberg und Strawinsky bieten sich als Trainer an. Und klingen auch noch schön. Im Ernst.» Das wiederum klingt schon fast so wie manches, was Noltze kritisiert hat. So bleibt das Hauptverdienst seines Buchs, den Finger auf einen wunden Punkt gelegt zu haben. Die Suche nach dem Pflaster ist eröffnet. Kinder werden heute schon als musikalisch gelobt, wenn sie einen mit Steinen gefüllten Becher schütteln. Musikhören ist wie Krimi-Lesen: Der Lohn liegt in der Anstrengung, durch die man etwas Verborgenes entdeckt. Holger Noltze Die Leichtigkeitslüge – über Musik, Medien und Komplexität. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2010. 294 S., ca. 29 Fr.

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