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«Jemand muss das Lager nehmen»

Doris Leuthard versuchte, die Bevölkerung im Weinland auf das Atommüllendlager einzustimmen. Empfangen wurde sie mit Traktoren und Trommeln.

Doris Leuthard nimmt ein Geschenk aus der Bevölkerung entgegen. Foto: Anthony Anex, Keystone
Doris Leuthard nimmt ein Geschenk aus der Bevölkerung entgegen. Foto: Anthony Anex, Keystone

«Es gibt Schöneres als ein Endlager, aber wir müssen darüber reden», sagte Energieministerin Doris Leuthard bei ihrem Auftritt in der Gemeindehalle von Marthalen. Dass sie mit ihrem Kurzreferat im Weinland einem skeptischen Publikum das Atomendlager näherbringen wollte, war der Bundesrätin klar. Am Eingang hatten sich kritische Bauern mit ihren Traktoren in Position gebracht. Andere Atomkritiker trommelten auf leeren Fässern und empfingen Leuthard und ihr Gefolge mit Transparenten wie «Wir wollen gar kein Endlager für Atommüll im Weinland».

Leuthard begab sich auf die sichere Seite und referierte das bekannte Verfahren zur Standortauswahl, «um das uns andere Länder beneiden». Sie sprach von Prozessen, Fachexperten, Sachplan, Rahmenbewilligung, belastbaren Datengrundlagen, Berichten und Gutachten, von Transparenz und «Sicherheit im Zentrum», über Mitsprache der Bevölkerung und Partizipation. Und davon, dass das Volk Ende der 2020er- Jahre das letzte Wort haben werde.

«Kontrollsystem funktioniert»

Seit die Nagra im Frühjahr Zürich-Nordost und damit Benken zu einem von zwei Standorten erkoren hat, die näher untersucht werden sollen, hat die Bevölkerung in Benken, Marthalen und Rheinau gemerkt, dass es ernst wird. Die Gemeindehalle war bis auf den letzten Platz gefüllt. «Jemand muss das Lager nehmen», sagte Leuthard. Der Prozess habe das Ziel, den sichersten Standort zu definieren. Sich einer Aufgabe für das ganze Land zu entziehen oder sie anderen aufzubürden, sei «unschweizerisch», sagte die Vorsteherin des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek). Schliesslich übernähmen die Aargauer mit ihren Atomkraftwerken und dem Zwischenlager auch Risiken für die ganze Schweizer Bevölkerung.

Dass das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) jüngst von der Nagra zusätzliche Unterlagen verlangt habe, zeige, dass das Kontrollsystem funktioniere. Über eine Abgeltung für die Kantone, die am Ende für alle die Bürde des Endlagers trügen, solle man jedoch erst sprechen, wenn der sicherste Standort gefunden sei. «Der Bund ist nicht ihr Feind» beschwor Leuthard die rund 300 Zuhörer im Saal. «Wir wollen niemand gefährden und die schwierigen Fragen miteinander diskutieren». Schliesslich könne der Atommüll nicht 100 oder 200 Jahre im Zwischenlager Würenlingen bleiben. Einer Diskussion im Saal stellte sich Leuthard aber nicht.

Um der vom Bundesamt für Energie (BFE) organisierten Orientierungsveranstaltung etwas Spannung zu verleihen, folgte eine Art Podiumsdiskussion, in der Bastien Girod die Rolle des Atomkritikers zufiel. Für das BFE sprach Projektleiterin Monika Jost. Regierungsrat Markus Kägi stand als Kantonsvertreter auf der Bühne. Thomas Ernst, Geschäftsführer der Genossenschaft für die Lagerung von Atomabfällen (Nagra), erinnerte daran, dass die Genossenschaft lediglich Standorte vorschlage, entschieden werde von der Politik. Regierungsrat Markus Kägi erinnerte die Bewohner des Weinlandes daran, dass der Kanton ihnen zur Seite stehe und den 15 000 seitigen Nagra-Bericht kritisch lese. «Wir haben die Experten aufmunitioniert», sagte Kägi.

Sorge um das Grundwasser

Die geäusserten Sorgen aus der Bevölkerung bezogen sich vor allem auf die Grundwasservorräte im Weinland. «Wir erleben jetzt eine Trockenheit, wie wir sie in Zukunft vielleicht noch oft sehen werden», sagte einer der Zuhörer. «Es wäre verantwortungslos, die kostbare Notwasserreserve durch ein Endlager zu gefährden.» Auch die Regionalkonferenz, in der die Standortgemeinden sich einbringen können, habe auf das Problem hingewiesen. Doch «unter Druck von aussen» habe in ihrem Schlussbericht nur noch gestanden, der Standort sei für ein Atomendlager der «am wenigsten ungeeignete».

Bastien Girod bemängelte die Anfang Jahr von der Nagra erfolgte Einengung auf zwei Standorte als «voreilig». Zudem sei zu prüfen, ob die Verpackung des Atommülls unbedingt in einer Oberflächenanlage am Endlagerstandort erfolgen müsse. Auch die Frage der Rückholbarkeit ist für Girod noch ungeklärt.

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