Jetzt geht es Knöterich & Co. an den Kragen

Im Reppischtal probiert der Kanton Zürich eine neue Methode, Problempflanzen zu bekämpfen. Vier Jahre lang sollen alle mithelfen – und kein Fleckchen Land soll vergessen gehen.

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In unseren Gärten wachsen Tausende von Pflanzen, die nicht einheimisch sind. Die meisten sind harmlos, manche sogar nützlich, man denke nur an Tomaten, Mais und Kartoffeln. In der freien Natur haben sie in der Regel keine Chance. Einige wenige Arten aber sind das pure Gegenteil: Sie breiten sich massiv aus und verdrängen andere, einheimische Arten. Liesse man sie gewähren, sie bildeten rasch riesige Monokulturen. Etwa der Japanische Staudenknöterich, eine hübsche Zierpflanze. In England aber ist sie ausser Kontrolle geraten und überwuchert Hektar für Hektar ganze Landstriche.

So weit ist es im Kanton Zürich noch nicht. «Und es wird auch nie so weit kommen», sagt Daniel Fischer. Fischer ist Leiter der Sektion Biosicherheit der Zürcher Baudirektion – und als solcher zuständig für Problempflanzen, wissenschaftlich invasive Neophyten genannt. Woher hat Fischer diesen Optimismus? «Wir haben in der Schweiz einen Vorteil, wir sind kleinräumig, und nahezu jeder Flecken Land gehört jemandem», sagt Fischer. Das mache die Bekämpfung einfacher.

Eine Sisyphus-Arbeit

Dennoch gleicht der Kampf gegen viele dieser invasiven Arten einer millionenteuren Sisyphus-Arbeit. Etwa die Goldrute: Eine beliebte Gartenpflanze, die extrem produktiv versamt. Reisst man sie in Naturschutzgebieten aus, lässt sie aber in der Umgebung gewähren, ist die Arbeit fast umsonst.

Der Japanische Staudenknöterich wiederum verbreitet sich massiv entlang von Bächen. Denn mit jedem Hochwasser werden kleine Wurzelteile abgerissen und weiter unten an Land gespült, was ausreicht, um neue Bestände spriessen zu lassen. Entfernen lässt sich der Knöterich nur, wenn das Bachbett von oben flussabwärts komplett gesäubert wird.

Jetzt probiert der Kanton im Reppischtal einen neuen Ansatz, um der Problempflanzen Herr zu werden. Heute Dienstag stellte er diesen den Medien vor. Vier Jahre lang werden alle Akteure, die irgendwie mit der Landschaftspflege zu tun haben, Hand in Hand intensiv gegen die Neophyten vorgehen. Für jede Pflanze haben Fachleute das beste Vorgehen ausgetüftelt. Das Projekt ist ein Kraftakt, der insgesamt rund 2,3 Millionen Franken kosten wird.

Beteiligt sind neben mehreren Ämtern des Kantons auch die Gemeinden im Reppischtal, der Waffenplatz, die SBB und entlang der Autobahnen das Astra.

Gefragt sind natürlich auch private Grundbesitzer. Ihnen verteilt der Kanton Flyer mit der Aufforderung, insbesondere drei beliebte Gartenpflanzen auszureissen: Amerikanische Goldruten, das Einjährige Berufkraut und Henrys Geissblatt. Fischer ist optimistisch, dass die Leute mitmachen.

Eine Umfrage habe gezeigt, dass vier von fünf Privatpersonen bereit seien, Neophyten aus ihren Gärten zu entfernen, wenn sie über deren Problematik informiert sind.

Und plötzlich brechen sie aus

Auf dem Gebiet des Waffenplatzes sind die Arbeiten bereits in vollem Gang. Zivildienstleistende reissen ganze Bestände von Goldruten aus, eine Arbeit, die schweisstreibend und streng ist. Dem Knöterich rückt ein Bagger zu Leibe, anders geht es nicht, denn seine Wurzeln reichen bis zu drei Meter tief ins Erdreich. Bleibt etwas zurück, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Pflanze wieder austreibt. In einem Wald bei Aesch reisst derweil ein Waldarbeiter mit Traktor und Winde Kirschlorbeer aus.

Der Kirschlorbeer gehört übrigens erst seit wenigen Jahren zum Reigen der Problempflanzen. Jahrzehntelang als Zierhecke in unzähligen Gärten beliebt, ist sie erst in jüngerer Zeit unversehens ausgebrochen. Vögel fressen die Früchte und verbreiten so die Samen. Jetzt droht sich der Kirschlorbeer in den Wäldern breitzumachen. Eine solche plötzliche Verbreitung ist für Neophyten nicht untypisch, sagt Daniel Fischer: «Manche sind seit hundert Jahren völlig problemlos bei uns. Warum sie dann fast explosionsartig überhandnehmen, ist meist unbekannt.» Dies um so mehr, als das Verhalten der Pflanzen in der Heimat keinerlei Hinweis gibt.

Der Japanische Knöterich etwa wächst in Japan vielleicht fünfzig Zentimeter hoch und kommt nur sporadisch vor, hier wird er locker zwei, drei Meter hoch und verdrängt alles in seiner Umgebung. Umgekehrt können sich hiesige Pflanzen anderswo als Problem erweisen. So die Königskerze, die in der Schweiz recht heikel ist bei der Standortwahl. In Hawaii hingegen wird sie riesig und überwuchert ganze Landstriche.

Zurückdrängen, nicht ausrotten

Mit dem konzertierten Vorgehen betritt der Kanton Zürich Neuland; noch nie hat jemand einen solchen Aufwand für die Bekämpfung fremder Pflanzen betrieben. Entsprechend aufmerksam verfolgten andere Kantone das Projekt, sagt Fischer. Ob es sich bewährt, wird sich erst in einigen Jahren zeigen.

Ziel ist nicht die völlige Ausrottung, sondern die Pflanzen so sehr zurückzudrängen, dass sie im Rahmen normaler Unterhaltsarbeiten in Schach gehalten werden können.

Dass das möglich ist, zeigt die Ambrosia: Die einstige Problempflanze Nummer eins, die schwere Allergien auslösen kann, kommt im Kanton Zürich kaum mehr vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 17:26 Uhr

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