«Juden in Zürich sind nicht automatisch Botschafter Israels»

Die Botschaftsverlegung sei primär ein israelisch-amerikanisches Thema – nicht ein jüdisches, sagt Yves Kugelmann, Chefredaktor der Wochenzeitung «Tachles».

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der jüdischen Wochenzeitung «Tachles».

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der jüdischen Wochenzeitung «Tachles». Bild: PD

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Als die USA am Montag in Jerusalem ihre Botschaft eröffneten, kam es zur schlimmsten Gewalteskalation seit Jahren. Wie nimmt die jüdische Gemeinde in Zürich diese Entwicklung wahr?
Angesichts solcher Bilder und Zahlen von Toten und Verletzten sind viele zuerst betroffen über das Elend und auch darüber, dass wieder einmal Nahost im Zentrum steht. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gibt es keine einhellige Meinung, sondern sie sind so vielfältig wie überall. Die Eskalation allerdings kommt nicht unerwartet, und sie ist auch nicht so absolut einzigartig in Nahost. Die Gewaltausbrüche vor drei Wochen sind schon wieder vergessen, die Eskalationen der letzten zehn Jahre auf allen Seiten bis hin zu den täglichen Messerstechereien ebenso.

Aber dieses Mal ist die Eskalation schlimmer als auch schon.
Das hängt davon ab, womit man vergleicht. Die Anzahl Tote und Verletzte war relativ hoch, was sehr betrüblich und ein No-Go ist. Wenn man aber zurückschaut, etwa auf die letzten Gaza-Interventionen oder Raketensalven auf Südisrael, gab es immer wieder Eskalationen und kriegerische Handlungen – von wem auch immer. Die Interventionen Israels in Syrien und im Iran sind ebenso auf der Eskalationsskala zu vermerken. Was ich damit sagen will: Ich kann in den Vorgängen rund um die Botschaftseröffnung nicht das singuläre schlimme Einzelereignis erkennen, sondern ein weiteres Kapitel im nahöstlichen Teufelskreis.

Ist die jüdische Gemeinde abgeklärter, als die Schweizer Medien es sind?
Natürlich machen sich Jüdinnen und Juden hierzulande Sorgen, erst recht, wenn der Konflikt ins israelische Kernland übergreift. Viele haben Bekannte oder Verwandte in Israel. Wiederum andere sind in Sorge um die Situation der Palästinenser in Gaza und den innerpalästinensischen Konflikt sowie die Gewaltspirale, die irgendwann vielleicht nicht mehr kontrollierbar ist. Es gibt nicht wenige Juden in der Schweiz, die sich für Frieden zwischen allen Seiten einsetzen.

Bilder: Einweihung der US-Botschaft

Haben solche Ereignisse Auswirkungen auf das Sicherheitsempfinden der hiesigen Juden?
Das Sicherheitsbedürfnis der Leute ist ohnehin seit Jahrzehnten hoch. Jüdische Institutionen in der Schweiz und in Europa werden schon seit den Terroranschlägen in den 70er- und 80er-Jahren speziell geschützt. Die Vorkehrungen sind in den letzten Jahren aufgrund anderer Bedrohungslagen verändert und teils verstärkt worden. Die Leute wissen, dass in Momenten der Nahost-Eskalationen Sicherheitsansprüche steigen. Zugleich ist das jetzt keine Ausnahmesituation, sondern courant normal.

In der jüngsten Onlineausgabe der jüdischen Wochenzeitung «Tachles» ist eine deutliche Kritik an den Palästinensern zu lesen, nicht aber an Israel oder an Donald Trump. Ist dies auch die Haltung einer Mehrheit der jüdischen Gemeinde?
Online haben wir den gestrigen Moment aufgegriffen. Im Print berichten wir seit Monaten aus vielen israelischen und jüdischen Perspektiven über Trump, Netanyahu und die Vorgänge in Nahost – so wie es sich für eine journalistisch liberale Plattform in der kritischen offenen Tradition gehört. Dies tun wir aus einem publizistischen Selbstverständnis. Traditionell ist die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz und in Europa politisch liberal geprägt, auch wenn es teils messbare Verlagerungen in Richtung Mitte-rechts gibt. Die Mehrheit der Juden in der Schweiz und in Europa sowie in den USA unterstützen wohl immer noch eine Art Zweistaatenlösung – was immer das konkret heissen mag. In den USA wählen traditionellerweise ohnehin über zwei Drittel der Juden demokratisch, und auch unter republikanischen jüdischen Wählern ist Trump nicht unumstritten.

Wobei die Haltung der US-Juden nicht mit jener der Juden in Europa übereinstimmen muss.
Stimmt, aber letztlich ist die Botschaftsverlegung zuerst ein israelisch-amerikanisches Thema und nicht ein jüdisches Thema. Das vergisst man in der Schweiz gern. Es ist eine falsche Vorstellung, zu glauben, die Juden in der Schweiz hätten eine besondere Position oder mehr Fachwissen zu Nahost und seien automatisch die Botschafter Israels – auch wenn unbedarfte Lobbyorganisationen oft den Anschein geben, es sei so. Juden haben im Einzelfall mehr emotionale oder persönliche Beziehungen zu und nach Israel – aber nicht als Gemeinschaft. Daher gibt es auch kaum offizielle Stimmen.

Stimmen kommen dafür von Schweizer Politikern. SVP und EDU fordern eine Verlegung der Schweizer Botschaft nach Jerusalem. Was ist davon zu halten?
Unsere Situation ist eine andere als jene der USA. Gerade die politische Rechte betont gern, dass die Schweiz ein sogenannt neutrales Land sei. Ich bezweifle, dass eine Verlegung der Botschaft damit vereinbar ist. Der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis hat ja in den letzten Tagen klar Stellung bezogen.

Hat die Eskalation einen Effekt darauf, wie die jüdische Gemeinschaft von anderen politischen Kräften wahrgenommen wird? Könnte es zum Beispiel sein, dass dies die Situation der jüdischen Mädchenschule, der ja die Schliessung droht, verändert?
Eine solche Verbindung wäre in etwa so absurd wie die Korrelation zwischen betrunkenen Katholiken und dem Verweis auf das letzte Abendmahl. Natürlich wird man in Tagen wie diesen rasch mit anderen in einen Topf geworfen. Die mediale Fieberkurve steigt dann schnell an – aber sie flaut auch rasch wieder ab. Der Unfug in sozialen Medien verschärft diese Kurve in den letzten Jahren noch zusätzlich und sichtbarer. Ob das die Positionen langfristig und nachhaltig verändert, ist eine andere Frage. Ich glaube das nicht. Die antijüdischen Stereotype in der Gesellschaft sind nachhaltig gleichbleibend vorhanden und verändern sich nicht aufgrund der Einzelereignisse. Das ist übrigens auch die effektive Ebene, die diskutiert werden müsste, wenn nicht gerade wieder Schüsse in Nahost fallen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 15:17 Uhr

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