Jürg Jegges Schuld

Die Zürcher Staatsanwaltschaft will das Verfahren gegen Jürg Jegge einstellen. Ist das ein Skandal?

Jürg Jegge in der Stube seines Hauses.

Jürg Jegge in der Stube seines Hauses. Bild: Reto Oeschger

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Jürg Jegge, einst gefeierter Pädagoge, Sonderschullehrer und Autor, wird sich nicht wegen sexueller Übergriffe vor Gericht verantworten müssen. Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft teilte gestern mit, dass «intensive Ermittlungen» durchgeführt und «zahlreiche Personen» befragt worden seien, die als Jugendliche mit Jegge Kontakt gehabt hätten. Dabei sei die Staatsanwaltschaft zum Schluss gekommen, dass «entweder keine oder bereits verjährte strafbare Handlungen stattgefunden» hätten. Die Konsequenz: Die Staatsanwaltschaft will das Verfahren gegen Jegge einstellen.

Die behördliche Formulierung klingt so, als bestehe der Fall Jegge aus viel Rauch und wenig Substanz. Die Fakten liegen anders: Jegge hat ihm anvertraute Schüler sexuell missbraucht. Das ist unbestritten. Ein ehemaliger Schüler hat im Frühjahr entsprechende Vorwürfe in einem Buch publik gemacht. Jegge hat die Übergriffe in der Folge zugegeben.

Und jetzt geht Jürg Jegge straflos aus. Ist das ein Skandal?

Zunächst war dieser Ausgang zu erwarten. Es galt immer als wahrscheinlich, dass die Missbräuche bereits verjährt sind. Man könnte diesen Umstand nun zum Anlass für einen weiteren Feldzug gegen die Verjährung nehmen - der Applaus wäre einem sicher; die Verjährung ist zur beliebten Zielscheibe populistischer Kreise geworden. Freilich: Wir sollten uns davor hüten, hier mitzuschwimmen. Die Verjährung gehört zum Wesen unseres Rechtsstaats. Nicht zuletzt deshalb, weil die Garantie eines fairen Verfahrens bei uns ein fundamentales Rechtsgut darstellt. Wird eine Tat erst Jahrzehnte später verfolgt, ist es nahezu unmöglich, dieser Garantie gerecht zu werden.

Von der Lichtgestalt zur Unperson

Vielmehr sollten wir uns daran halten, dass die Aufarbeitung von Schuld nicht allein Sache der Gerichte sein kann und sein darf. Natürlich gibt es Fälle, wo die strafrechtliche Bewältigung einer Tat es dem Opfer erleichtert, das Vorgefallene zu verarbeiten. Doch gleichzeitig ist Schuld nicht etwas, das sich allein strafrechtlich definiert. Es gibt auch moralische Schuld. Und Jürg Jegge hat unbestritten moralische Schuld auf sich geladen. Für diese büsst er schwer: Jegge ist quasi über Nacht von der pädagogischen Lichtgestalt zur Unperson geworden. Sein Lebenswerk ist zerstört, seine Bücher haben jeden Wert verloren. Nie mehr wird jemand daraus zitieren oder diese ernsthaft konsultieren. Jürg Jegge ist zum geächteten Mann geworden.

Schuld haben freilich auch andere auf sich geladen: Lokale Behörden, die nicht so genau hingeschaut haben, weil sie froh waren, dass sich Sonderschullehrer Jegge um die «schwierigen Fälle» gekümmert hatte. Nachbarn, die gemunkelt haben, dass in Jegges Haus unschöne Dinge geschehen würden, es aber beim Munkeln belassen haben.

Doch klar ist: Jegges Schuld bleibt die grösste. Erstens deshalb, zweitens, weil es nun nie eine quasi amtliche Bestätigung von Jegges Vergehen geben wird, wäre es so wichtig, dass der Ex-Sonderschullehrer ohne Wenn und Aber sagen würde: Ja, ich fühle mich schuldig. Ja, ich habe grosse Fehler gemacht. Und: Ja, es tut mir unendlich leid. Die Anerkennung einer Schuld ist der erste Schritt hin zu Bewältigung und Verarbeitung. Jegge tat sich nach der Publikation der Vorwürfe schwer, sich ohne Einschränkung und Relativierung seiner Geschichte zu stellen.

Auch wenn sich nie ein Gericht über den Fall beugen wird. Ganz ohne behördliche Aufarbeitung wird der Fall Jegge gleichwohl nicht zu den Akten gelegt werden. Die Bildungsdirektion hat einen Rechtsanwalt beauftragt, den Fall und das damalige Vorgehen der Behörden zu untersuchen. Das Ergebnis soll in einigen Monaten vorliegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2017, 17:32 Uhr

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