Rätselhafter Anstieg der Delikte von Zürcher Jugendlichen

Im Kanton Zürich sind junge Menschen häufiger gewalttätig. Auffällig ist: Nur 40 Prozent der Beschuldigten leben bei beiden Eltern.

Noch rätselt die Oberjugendanwaltschaft, warum es im letzten Jahr mehr Gewaltdelikte gab als 2017.

Noch rätselt die Oberjugendanwaltschaft, warum es im letzten Jahr mehr Gewaltdelikte gab als 2017. Bild: Jean-Christophe Bott) /Keystone

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632 Teenager sind letztes Jahr bei den Jugendanwaltschaften des Kantons Zürich wegen eines Gewaltdelikts beschuldigt worden. Das ist gemessen an der Bevölkerung wenig – im Kanton Zürich leben mehr als 110'000 Mädchen und Burschen zwischen 10 und 17 Jahren. Aber es sind 52 Beschuldigte mehr als im Vorjahr. Damit steigt die Zahl der Jugendgewaltdelikte zum vierten Mal in Folge. Das geht aus der Statistik vor, welche die Oberjugendanwaltschaft heute Donnerstag veröffentlicht hat.

Eine Erklärung für diese Zunahme hat Marcel Riesen, der Leiter der Oberjugendanwaltschaft, nicht. «Wir rätseln selbst», sagte er am Dienstag an einem Mediengespräch. Gut möglich, dass der heisse Sommer eine Rolle gespielt hat. «Wenn die Jugendlichen mehr draussen sind, dann passiert auch mehr.» Das ist statistisch klar nachweisbar.

Riesen relativiert den Anstieg aber auch: Nach wie vor liegt die Zahl der Gewaltdelikte massiv unter dem traurigen Höhepunkt im Jahr 2009. Damals zählten die Jugendanwaltschaften 1150 minderjährige Gewalttäter, danach sank die Zahl bis ins Jahr 2015 konstant. Auch seien gut die Hälfte der registrierten Gewalttaten nicht als besonders schwer einzustufen: Es handelt sich dabei um Tätlichkeiten, einfache Körperverletzung oder Drohung.

17, männlich, Familienprobleme

Eine detailliertere Auswertung der Oberjugendanwaltschaft zeigt: Am häufigsten werden 15- bis 17-Jährige gewalttätig, 64 Prozent der Delikte gehen auf ihr Konto. Fast neun von zehn Tätern sind männlich. Auch die Risikofaktoren sind statistisch bekannt. Einer davon ist die Familiensituation: Nur 40 Prozent der Beschuldigten leben bei beiden Eltern. Die Hälfte der Beschuldigten ist den Behörden bereits bekannt, etwa wegen Besuchsrechtsstreitigkeiten, infolge einer Gefährdungsmeldung oder aufgrund von Vorstrafen.

Einschlägig vorbestraft waren allerdings nur rund 14 Prozent der Beschuldigten. «Die meisten von ihnen sehen wir nach diesem einen Delikt nie mehr», sagt Oberjugendanwalt Riesen. Das zeige, dass die Arbeit der Jugendanwälte, die meist eine Kombination aus Sanktionen und Hilfsangeboten sei, gut wirke.

Mehr Vermögensdelikte, weniger Betäubungsmittel

Trotz des Anstiegs bei den Gewaltdelikten bleibt die Jugendkriminalität insgesamt tief, sie bewegt sich mit 4787 Strafverfahren ungefähr auf dem Niveau der letzten Jahre. Deutlich zugenommen hat die Zahl der Vermögensdelikte, sie machten knapp 26 Prozent der Strafverfahren aus. 2017 lag der Anteil der Vermögensdelikte noch bei knapp 22 Prozent. Dafür sank der Anteil der Betäubungsmitteldelikte von gut 23 auf knapp 18 Prozent.

Leicht gesunken ist die Zahl der Massnahmen. Ende 2018 waren 41 Jugendliche (2017: 44) stationär untergebracht, 154 (2017: 158) befanden sich in ambulanter Behandlung. Meist handelt es sich dabei um mehrjährige Massnahmen; neu verordnet wurden im letzten Jahr sechs stationäre und 56 ambulante Behandlungen. Die Ausgaben für die Massnahmen betragen 17,4 Millionen Franken pro Jahr; auf dem Höhepunkt der Gewaltwelle in den Jahren 2009 und 2010 beliefen sich die Ausgaben auf 30 Millionen Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2019, 09:33 Uhr

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