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Jungvögel halten Tierretter auf Trab

Der Tierrettungsdienst aus Winkel bei Bülach ist rund um die Uhr im Einsatz. In letzter Zeit häufig wegen Jungvögeln, die aus ihren überhitzten Nestern unter dem Dach sprangen.

Von Sarah Sidler Winkel – Plötzlich muss alles sehr schnell gehen. In der Notrufzentrale des Winkler Tierrettungsdienstes ist ein Anruf eingegangen: Eine Entenmutter und ihre drei Jungen irren bei grösster Hitze in einem Garten in Ebmatingen umher – Gewässer sei weit und breit keines in Sicht. Heidi Randegger, die Geschäftsführerin des Tierrettungsdienstes, eilt zum Rettungsfahrzeug und düst los. Obwohl es pressiert, sitzt sie gelassen hinter dem Steuer: «Ich komme erst in Stress, wenn ich weiss, dass ein Tier schwer verletzt wurde und ich im Stau stecke.» Der Tierrettungsdienst wird oft von der Polizei aufgeboten. Etwa wenn ein verletztes Tier entlang von Strassen oder Geleisen gefunden wird. Randegger war zehn Jahre lang an der Front des Tierschutzes und hat viel erlebt. Erst kürzlich musste sie einen Hund im Zürcher Hauptbahnhof bergen. Der kleine Yorkshire Terrier sass im Tiefbahnhof und wollte partout niemanden an sich heranlassen. Er ging auf jeden los, der in seine Nähe kam. Erst durch die Fachkräfte aus dem Unterland liess er sich einfangen. «Anscheinend folgte er seinem Besitzer, der häufig Zug fährt. Er ist durch den Tunnel in den Hauptbahnhof gelangt.» 80 Hunde in einem Haus Ein Anblick, den Heidi Randegger nie vergessen wird, sind die 80 Hunde, die vom Besitzer in Käfigen aufeinandergestapelt in einem Einfamilienhaus untergebracht waren. Der Umstand, dass die Tiere keinen Auslauf hatten, beschreibt die katastrophale Situation einigermassen. «Dieser Mann nahm tatsächlich den Begriff Tierliebe in den Mund», erinnert sich Randegger und schüttelt den Kopf. Die geretteten Hunde wurden auf verschiedene Tierheime verteilt und dort aufgepäppelt. In der Zwischenzeit ist der Tierrettungsdienst an seinem Ziel angekommen. Der Anrufer erwartet ihn bereits auf der Strasse: «Die Katze ist eingesperrt», sagt er als Erstes und führt Randegger in den Garten. Dort befinden sich zwei knapp zwei Tage alte Entenbabys unter einem Wäschekorb im Schatten. Von der Mutter keine Spur. «Entenmütter verlassen ihre Jungen, sobald sie das Gefühl haben, sie könne sie nicht mehr retten», weiss Randegger. Wieso kam die Ente mit ihrem Nachwuchs in den Garten am Hügel? «Vielleicht wusste das Tier noch, dass sich in diesem Garten früher ein Teich befand», mutmasst der Anwohner. Gemäss Randegger ziehen immer mehr Enten ihre Jungen abseits von Gewässern gross, da der Bestand an Stockenten zu gross ist. Der Platz am Wasser ist zu knapp für alle. Als Grund der Überpopulation nennt sie die Zufütterung durch Menschen: «Falsch verstandene Tierliebe.» Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, das dritte Entchen, das sich noch im verwilderten Garten versteckt, zu finden. So macht sich der Tierrettungsdienst schweren Herzens auf den Weg zum nächsten Einsatz. Doch auch die geretteten Entlein wollten partout nicht mit. Unterwegs zum nächsten Einsatzort in Winterthur zwängen sich die zwei aus ihrer Box und watscheln im Auto umher. Prompt kommt beim Versuch, die Tiere wieder in die Box zu verladen, eines davon. Mit einem kleinen Fischernetz rennt Randegger dem erstaunlich schnellen Tierchen über den Autobahn-Rastplatz nach. Nach einer schweisstreibenden Aktion erwischt sie es unter einem Auto. «Echte Ausreisser wie Bonnie und Clyde», meint sie schwitzend. Mauersegler bei Ziehmutter Auch das nächste Tier in Not ist ein Vogel: ein junger Mauersegler. Er hat sich aus seinem Nest fallen lassen, die Hitze unter dem Dach war einfach zu gross. «Derzeit sammeln wir viele Jungvögel ein», sagt Randegger. Weil die Kleinen noch zu kurze Beine und Flügelfedern haben, können sie weder gehen noch fliegen. Liesse man sie am Boden liegen, wäre das ihr sicherer Tod. Dieser Patient lässt sich ruhig in seine Box platzieren und wartet geduldig, bis er in Glattfelden angekommen ist. Dort wird er von «Vogelvater» Robert Sand aufgenommen, der ihn am Abend bei einer brütenden Vogelmutter ins Nest legt. Sie wird die kleine Schwalbe aufnehmen und grossziehen. Der Tierrettungsdienst Winkel versorgt verunfallte und verletzte Tiere. 2009 verzeichnete die Firma über 3000 Einsätze und über 135 000 gefahrene Kilometer. Die vier Festangestellten und rund 40 freiwilligen Mitarbeiter bieten Erste Hilfe oder bringen die Tiere mit speziell ausgerüsteten Fahrzeugen zum Tierarzt. Ausgesetzte und zugelaufene Tiere werden für vorübergehende Pflege im angegliederten Tierheim Pfötli untergebracht. Die Fahrer sind im Besitz eines Nothelferausweises für Tiere. Die Notfallzentrale nimmt 24 Stunden täglich Hilferufe entgegen. Der Tierrettungsdienst finanziert sich zu 85 Prozent über Spenden: PK 80-310078-8. (ssi) Dieser kleine Ausreisser bekommt seine zweite Chance in der Vogelvoliere in Zürich. Foto: Nathalie Guinand

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