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Kabarett

Kurz & kritisch

Überleben lernen mit Hanspeter Müller-Drossaart

Winterthur, Casinotheater - Er war der bessere Mario Corti. «Grounding», die Verfilmung des Swissair-Absturzes, war für Hanspeter Müller-Drossaart ein Höhenflug. «Grounding»-Regisseur Michael Steiner verpflichtete ihn daher auch fürs «Sennentuntschi». Aber noch bevor die helvetische Alpensaga ins Kino kommt, führt uns der Schauspieler durch die Schweiz according to Hanspeter - beziehungsweise Theres beziehungsweise Ueli beziehungsweise Salvatore. Oder wie sie sonst alle heissen, die Figuren, die der Obwaldner Comedian an der Uraufführung seines zweiten Soloprogramms «Unteranderem: Überleben Sie gut!» am Dienstag im Casinotheater auf die Bühne zauberte. Von Zaubern darf man durchaus sprechen: Da braucht einer nichts als eine grüne Mülltonne und ein Mundwerk, das sich gewaschen hat, um einen ganzen Kosmos an urschweizerischen Rollen zu schaffen - den Schulhausabwart, der das kollektiv ausgebrannte Lehrerkollegium therapiert; diverse Bauern, die sich an einer Genossenschaftsversammlung die Köpfe einschlagen; den Bünzli, der gezwungenermassen «iis Diitsche» reisen muss; den Secondo, die Kioskfrau, die Schickimicki-Tusse. Und dazu liefert Müller-Drossaart natürlich immer den passenden Dialekt, aus dem Wallis, dem Ämmitau, aus Züri, Obwalden oder - und hier (aber nicht nur hier) gabs Szenenapplaus - aus Italien. Das ist grossartig geschmeidig! Eigentlich ist alles da; nur der Witz, der fehlt leider oft. Dass die Zürcher Offroader-Queen bei den Bauern keinen Stich macht, ist ungefähr so lustig wie der greise Berner Landwirt, der sich in Hagens Körperwelten mit Stinkefinger verewigen lassen will. Nach der Pause allerdings legt der Schauspieler kabarettistisch einen Zahn zu, und sein Komödiantenstadl nimmt in der Folge die Germanophobie ebenso aufs Korn wie die Einbürgerungsdiskussion, die SVP genauso wie das Misstrauen von Otto Normalverbraucher gegenüber der ganzen Welt. Bei «Überleben Sie gut!» überlebt man zwei Stunden mal soften, mal saftigen Klamauk einigermassen gut. AlexandraKedves Bis 26. 3., www.casinotheater.ch

KonzertFestival Alte Musik in Zürich: Renaissance trifft Volksmusik

Zürich, Moods - Ludwig Senfl wurde irgendwann um 1490 vielleicht in Basel geboren. Er wuchs wahrscheinlich in Zürich auf, wirkte später in nicht genau bekannter Funktion am kaiserlichen Hof von Maximilian I., wo er unter Umständen bei Heinrich Isaac studiert hat. Und am Dienstag wurden nun - vielleicht, sehr wahrscheinlich - erstmals Werke von ihm von einem Volksmusik-Ensemble aufgeführt. Es war ein Experiment, mit dem das Forum Alte Musik Zürich sein Senfl-Festival eröffnete. Und die Musiker - Töbi Tobler am Hackbrett, der Geiger Matthias Lincke und der Multi-Instrumentalist Dide Marfurt mit Drehleier, Dudelsack, Bouzouki und Trümpi - kümmerten sich nicht um all die Fragezeichen zu Senfl und seinem Leben, sondern setzten Ausrufezeichen: So spielen wir das! Nämlich virtuos und tänzerisch, mit Respekt vor den Quellen und grosser Lust an ihrer Übersetzung für heutige Ohren. Wenn dann die Drehleier brummte, das Hackbrett knisterte und die Violine dazwischenspukte, klang das mitunter sehr zeitgenössisch. Dann wieder hätte man am liebsten die Stühle weggekickt und getanzt. Und gestaunt hat man sowieso - wie unverkrampft die Renaissancelieder in Improvisationen und diese wieder in alte Schweizer Volksweisen übergingen. Das passte alles wunderbar zusammen und auch zu Senfl, dessen Lieder einst so bekannt waren, dass sie zu Volksliedern wurden. (Vielleicht - hier gibts ein weiteres Fragezeichen - war es aber auch umgekehrt, und seine Stücke waren kunstvolle Bearbeitungen von Volksliedern.) So gab es in diesem schönen Konzert nur ein einziges Problem: Dass nämlich Töbi Tobler zwar ein grandioser Hackbrettspieler ist, aber kein Sänger. Mit einigem Goodwill mochte man seiner Stimme einen gewissen archaischen Reiz zusprechen - aber selbst dann war man froh, wenn wieder rein instrumentale Passagen kamen. Für vokale Highlights ist damit der Rest des Festivals zuständig: Etwa das famose Hilliard-Ensemble, das morgen Freitag im St. Peter Senfls «Missa dominicalis» singt. Am Samstag sind Senfl-Lieder auf einer Stadtwanderung zu hören, dazu gibts bis am Sonntag diverse Konzerte, eines auch für Kinder. Womit das Forum Alte Musik einmal mehr und erfreulicherweise in einer Woche mehr Experimente wagt als andere Veranstalter in drei Jahren. Susanne Kübler

www.altemusik.chKrimiCamilleris bittere Geschichten aus einem kaputten Italien

Manchmal produzieren Verlage fröhlich und erfolgreich Missverständnisse. Die Bücher des sizilianischen Schriftstellers Andrea Camilleri werden bei uns aufgemacht und angepriesen, als handle es sich dabei um leichte, folkloristische Krimis, um Genussküche-Wohlfühlschmöker über Brummelbullen. Von Charme ist dann gerne die Rede, wenn diese Bücher beworben werden, von italienischer Leichtigkeit und Lebensart. Dabei erzählt Camilleri bittere Geschichten aus einer kaputten Gesellschaft, in der die Mafia nur die medial griffigste Erscheinung der allgegenwärtigen Gier und Menschenverachtung darstellt. In «Die Flügel der Sphinx» findet man nun eine Frauenleiche auf der Müllkippe, und der Behördenapparat, der sich von einem solchen Fund nicht mehr in Aufregung versetzen lässt, überlegt erst einmal, ob man die Zuständigkeit nicht einen Bezirk weiterschieben könnte. Camilleri reagiert auf den Werteverfall unter Berlusconi aber nicht nur mit Wut und Verachtung. «Die Flügel der Sphinx» enthält meisterhaft eingeflochtene Fäden schwarzen Humors und auch anarchischer Respektsverweigerung: Camilleris Verbrecher und Lavierbürger sind mächtig, aber ohne jede Grösse. Thomas Klingenmaier

Andrea Camilleri: Die Flügel der Sphinx. Lübbe. 271 S., ca. 37 Fr. Hanspeter Müller-Drossaart. Foto: PD

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