«Kämpft weiter, ich habs heiter»

Pfarrer Ernst Sieber nahm die Schwierigkeiten des Lebens mit Humor. So wusste er auch schon, was dereinst auf seinem Grabstein stehen soll.

Er hatte sich zeitlebens für Obdachlose, Randständige und Süchtige eingesetzt: Pfarrer Ernst Sieber ist am Samstag, 19. Mai 2018, verstorben. (Video: Tamedia/SDA)

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Pfarrer Ernst Sieber – Theologe, Menschenfreund und Medienprofi. Mit 91 Jahren hat eines der grössten Herzen Zürichs aufgehört zu schlagen. Am Pfingstsamstag ist Pfarrer Sieber friedlich eingeschlafen. Er hinterlässt nicht nur seine Frau und acht Kinder, sondern der Stadt Zürich auch ein breit aufgestelltes Netz an Hilfswerken und darin viele Freunde – die Obdachlosen.

Sieber tat was er tat aus Überzeugung und er wusste seine Überzeugungen auch medial zu verbreiten. In den letzten Jahren sprach er immer öfter über das Sterben. Wie an Weihnachten 2016:

«Ich würde nicht ungern gehen. Aber der Chef will mich offenbar noch nicht zu sich holen.»Blick

Im selben Interview äusserte er seine Entrüstung darüber, dass in der Schweiz im Jahr 2016 zu Weihnachten noch immer Obdachlose auf der Strasse schliefen. Auf die Frage, warum er helfe, sagte er:

«Weil die ersten Adressaten vom Reich Gottes die Armen sind. Auch die Reichen können dazugehören, allerdings müssen sie mit den Armen teilen.»Blick

Ein Jahr zuvor sagte er in einem Fernsehinterview:

«Ich gehöre zu der Gruppe Menschen, die das Denken tatsächlich brauchen»SRF «Glanz&Gloria»

Sieber vermochte es immer wieder auf charmante Art und Weise zu provozieren. Dabei verlor er nie seinen Humor. Auch nicht, wenn es um sein eigenes Ende ging. Mehrmals kündigte er an, was auf seinem Grabstein dereinst zu stehen habe.

«Ich freue mich aufs Ende. ‹Kämpft weiter, ich habs heiter›, wird drum auf meinem Grabstein stehen.»Tages-Anzeiger

Sieber war ein überzeugter Christ und Jesus-Fan. Toleranz und ein von der Religion getrennter Staat war ihm jedoch trotzdem wichtig.

«Ob Jude, Christ, Muslim oder Buddhist, nur die Liebe wird die Welt verändern.» Tages-Anzeiger

Nicht nur Obdachlose und Randständige lagen ihm am Herzen. Auch für Flüchtlinge setzte er sich ein. Während der Flüchtlingswelle 2015 sagte er mahnend:

«Wenn wir es in Europa nicht fertigbringen, die Asylfragen zu lösen, müssen wir nicht mehr länger von Bürger- und Menschenrechten reden.»Tages-Anzeiger

Die Ungleichheit in der Schweizer Gesellschaft war Sieber immer völlig unverständlich.

«Die Stärke unseres Staates wird am Wohl der Armen gemessen. Sapperlott, wenn das schon in der Bundesverfassung steht!»Tages-Anzeiger

Politisch blieb der frühere EVP-Nationalrat immer. Sieber warnte schon 2012 vor dem Neoliberalismus:

«Du kannst in einer Familie nicht leben, wenn du das Brot nicht teilst und du meinst, jeder Finger, den du rührst, müsse bezahlt werden.»Der Bund

Obdachlose nannte er Brüder und Schwestern. Menschenwürde war für Pfarrer Sieber das Wichtigste, und die wollte er allen geben. Eine Stärke half ihm dabei. 2014 beschrieb er sie so:

«Ich erkenne die Menschen – auch wenn es dunkel ist.»Migros Magazin

(rar)

Erstellt: 20.05.2018, 23:00 Uhr

Pfarrer Ernst Sieber

Ernst Sieber, Jahrgang 1927, ist in Horgen geboren und aufgewachsen. Er arbeitete zunächst als Bauernknecht, u. a. auch in der Romandie. Danach holte er die Matur nach und studierte Theologie in Zürich. 1956 wurde er ordiniert. Bis 1967 war er Pfarrer in Uitikon-Waldegg, danach bis 1992 Pfarrer in Zürich-Altstetten. Im Seegfrörni-Winter 1963 richtete er einen Bunker am Helvetiaplatz als Unterkunft für Obdachlose ein. In der Folge engagierte er sich für Obdachlose, Drogensüchtige und Aidskranke und schuf mehrere Institutionen, die in der Stiftung Sozialwerke Pfarrer Sieber zusammengefasst wurden, von der Sieber aber nach finanziellen Schwierigkeiten von Leitungsfunktionen zurücktreten musste. 1987 zeichnete ihn die Universität Zürich mit einem Ehrendoktor aus. Von 1991 bis 1995 war er Nationalrat für die EVP. 2017 wurde er mit dem Prix Courage Lifetime Award der Zeitschrift «Beobachter» geehrt. Ernst Sieber ist verheiratet. Er und seine Frau haben vier eigene Kinder, ein Adoptivkind und drei Pflegekinder grossgezogen. Er wohnt in Uitikon-Waldegg.

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