Handarbeit: Horgen ruft zum Boykott auf

Ab nächstem Sommer sollten alle Fünft- und Sechstklässler vier Lektionen Handarbeit haben. Sollten – denn Horgen weigert sich, den Unterricht wie gefordert zu erteilen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit vier Jahren haben Fünft- und Sechstklässler im Kanton Zürich aus Spargründen nur noch zwei statt wie bisher vier Lektionen Handarbeit pro Woche. Auf kommendes Schuljahr sollen die beiden Stunden nun wieder eingeführt werden: Der Kantonsrat hat eine entsprechende Volksinitiative angenommen.

Die Umsetzung der Initiative sorgt nun aber für böses Blut. Denn die Initianten gingen selbstverständlich davon aus, die beiden zusätzlichen Stunden würden wie früher im Halbklassenunterricht erteilt. Das aber ist dem Regierungsrat zu teuer. Deshalb hat er den Schulgemeinden lediglich zwei zusätzliche Lektionen pro Klasse zugestanden. Die Schulen stehen nun vor einer unangenehmen Wahl: Entweder sie unterrichten einen Teil der Handarbeit in ganzen Klassen, oder sie streichen den Halbklassenunterricht in anderen Fächern wie Mathematik oder Fremdsprachen.

Hoffen, dass Andere mitziehen

Die Gemeinde Horgen will das nicht mitmachen. Gestern traten die gesamte Schulpflege, Gemeindepräsident Walter Bosshard und Finanzvorsteherin Daniela Mosbacher (beide FDP) vor die Medien, um den Boykott der Gemeinde kundzutun. «Wir werden den Handarbeitsunterricht so nicht umsetzen», sagte Schulpräsidentin Irene Schneider (SVP). Sie hoffe, dass andere Schulgemeinden mitziehen, denn der Ärger sei gross.

Pensen müssten gekürzt werden

Handarbeit lasse sich nicht in ganzen Klassen unterrichten, ist Schneider überzeugt. Nur schon, weil Handarbeits- und Werkräume für Halbklassen ausgelegt sind. Es geht aber auch um die Sicherheit: «25 Kinder in einem Werkraum zu unterrichten, ist gefährlich.» Da bleibe nur noch der theoretische Handarbeitsunterricht: «Aber das ist absurd.» Ebenso wenig komme es in Frage, zugunsten der Handarbeit den Halbklassenunterricht in anderen Fächern zu kürzen: «Dies ist das einzige Gefäss, das es den Lehrpersonen ermöglicht, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen.» Zudem müssten dann unter Umständen die Pensen der Klassenlehrer gekürzt werden.

Horgen ist mit seiner Kritik nicht allein. «Wir fühlen uns verschaukelt», sagt Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands (ZLV). Kritik kommt auch vom Vorstand der Schulpräsidenten-Konferenz. «Die Regierung hat die Initiative nicht ernst genommen», ärgert sich Präsident Johannes Zollinger (EVP). Allerdings sehen weder der ZLV noch der Vorstand der Schulpräsidente-Konferenz eine Möglichkeit, gegen die Vorgabe der Regierung vorzugehen. Der ZLV sieht nur eine Möglichkeit, den Schaden für alle zu begrenzen: Indem die Schulen drei Handarbeitslektionen in der Halbklasse und eine in der ganzen Klasse unterrichten. «Das ist die beste aller schlechten Lösungen», sagt Lätzsch.

«Schulgemeinden haben Spielraum»

Wenig Verständnis für die Kritik hat Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamts. Zwar gibt er zu, dass die Vorgabe des Regierungsrats ein Kompromiss sei; sämtliche Lektionen in Halbklassen zu unterrichten, wäre zu teuer. Ein Teil der Handarbeit könne aber gut theoretisch unterrichtet werden, zum Beispiel könne die Herkunft von Baumwolle behandelt werden. Auch hätten Schulgemeinden durchaus Spielraum. Grosse Schulgemeinden könnten zum Beispiel die Klassengrössen erhöhen und damit Lehrerstellen einsparen, die dann für die Handarbeit eingesetzt werden könnten. Zudem würden in den nächsten Jahren für alle Schulgemeinden sogenannte Gestaltungspools geschaffen: Das sind frei verfügbare, zusätzliche Stellenprozente, die den Schulen zur Entlastung der Lehrkräfte zugestanden wurden.

«Grössere Klassen? Geht nicht!»

Lilo Lätzsch hält nichts von Wendelspiess' Vorschlägen: «Wenn die Stellenprozente aus dem Gestaltungspool für die Handarbeit eingesetzt werden, dann fehlen sie anderswo, zum Beispiel bei der Förderung von Schülern mit speziellen Bedürfnissen.» Irene Schneider lacht nur, als sie mit den Ideen des Volksschulamts konfrontiert wird: «Wir haben heute schon Klassen mit bis zu 27 Kindern. Und die sollen wir nun noch vergrössern?»

Erstellt: 06.11.2008, 08:33 Uhr

Paid Post

Erneuerbar heizen für eine gesunde Umwelt

Alle erneuerbaren Heizsysteme haben gemeinsam, dass sie die CO2-Emissionen reduzieren, den Wiederverkaufswert Ihrer Liegenschaft erhöhen und langfristig die Heizkosten senken.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...