Spezialisierte Notfallärzte – zuständig für Nasenbluten und diabetisches Koma

Im Spital Limmattal behandeln Notfallärzte querbeet so viele Patienten wie möglich selbst, was Zeit und Ressourcen spart. Das ist ein Novum in der Schweiz.

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Kurz nach zwölf, es ist am Samstagmittag, reichen die neun Kojen in der Notfallstation des Spitals Limmattal nicht mehr aus, um alle Patienten aufzunehmen. Eine junge Frau, die sich den Fuss vertreten hat, wird in ihrem Bett auf den Gang hinausgeschoben. Die Ambulanz hat soeben eine Rentnerin gebracht, die nach einem Sturz fast drei Tage hilflos in ihrer Küche lag. Hans Matter, ärztlicher Leiter auf der Notfallstation, steht vor einer weissen Tafel, auf der eingetragen wird, welche Patienten mit welcher Diagnose in welcher Koje liegen und wer sie ärztlich und pflegerisch betreut.

Lungenembolie, Nasenbluten, ein Mädchen, das sich beim Basketball den Finger verstaucht hat. Am Morgen hat Hans Matter bereits geholfen, ein Leben zu retten: Hypoglykämie, Unterzuckerung. Auch schon kamen Eltern mit ihrem Kind, weil es die Schuhe drückten. So gross ist die Bandbreite auf einer Notfallstation.

Vier Pflegende, vier Assistenzärzte und ein Unterassistent treten ein, gehen hinaus. Drahtlose Telefone gibt es hier mehr als Kugelschreiber. Matter obliegt es, diesen Bienenstock zu ordnen. Für den «Töffunfall» braucht er den «Schöb», den Chefarzt Chirurgie, denn das Knie muss unters Messer. Die Migräne in Koje 7 kennt er schon. Der Mann ist nicht das erste Mal hier. Dann ist da noch die Jugendliche, die seit zwei Monaten erbricht. Sie macht ihm Sorgen. Und von der Rentnerin meldet nun die Pflegerin, dass diese Rosen an den Tapeten sieht, wo keine sind. Später stellt sich heraus: Marihuana positiv.

Matter ist von Hause aus Internist, arbeitet aber ausschliesslich als Notfallarzt – ein Novum für die Schweiz. Üblicherweise sind Notfallstationen von Assistenzärzten belegt, welche eine erste Einschätzung vornehmen und wenn nötig aus dem Spital die oft schon anderweitig beschäftigten Spezialisten anfordern. Im Limmattal-Spital kann das interdisziplinär arbeitende Team von Notfallkaderärzten sehr viele Abklärungen und Behandlungen selbst vornehmen, was Zeit spart und den übrigen Spitalbetrieb entlastet.

Auch bei Bagatelle direkt zum Notfall

Letztes Jahr wurden über 19'000 Personen hier behandelt, fünf Jahre zuvor waren es rund 13'000. Viele Notfallstationen verzeichnen derartige Zunahmen, weil immer mehr Leute keinen klassischen Hausarzt haben und daher sich auch bei weniger dringenden gesundheitlichen Beschwerden direkt bei der Notfallstation melden. Das in der Schweiz übliche Hausarztsystem ist in andern Ländern weniger bekannt, auch bestärkt die wachsende Mobilität der Menschen diese Entwicklung.

Zudem habe auch das Körpergefühl der Menschen spürbar abgenommen, sagt Hans Matter. «Sie können weniger gut beurteilen, ob ein Schmerz oder ein Unwohlsein unmittelbar bedrohlich ist oder nicht.» Die Folge dieser Zunahme waren oft lange Wartezeiten, wenn man nur eine «Schramme» nähen lassen musste. Und manchmal auch mürrische Ärzte – vielleicht hochspezialisierte Chirurgen –, die turnusgemäss dazu verknurrt wurden, im Notfall ein übertretenes Sprunggelenk zu behandeln. Einige Spitäler der Region sind zurzeit daran, nach Vorbild des Kantonsspitals Baden Hausärzte für solche Bagatellfälle an sich zu binden (vgl. Kasten). Das Spital Limmattal setzt auf spezialisierte interdisziplinäre Notfallärzte, die jeden Notfallpatienten, unabhängig von der Art der Verletzung oder Erkrankung, primär versorgen. Ein System, das in der Schweiz bis anhin lediglich das Kinderspital Zürich kannte, im angelsächsischen Raum aber verbreitet ist.

Mit der Hand durch die Scheibe

Es herrscht Hochbetrieb auf der Notfallstation, auch kurz nach 15 Uhr: Ein Mann hat mit seiner Hand in der Wut eine Scheibe durchschlagen – er blutet stark. Ein Polizist folgt ihm und will abklären, was vorgefallen ist. Kurz darauf bringt die Ambulanz einen Mann, der beim Fasnachtsumzug über den Trottoirrand gestolpert ist und sich eine Schramme am Kopf zugezogen hat. Eine Frau hat sich mit dem Dampfbügeleisen verbrannt. Matter spricht halblaut vor sich hin, wenn er die Fälle ordnet. Das hilft bei der Konzentration. Zurzeit stehen vier Leute um ihn herum, die ihn etwas fragen oder ihm rapportieren wollen. Röntgen, gipsen, Blutwerte, Medikamente, Spritzen, Infusionen. Am Abend sei man ausgebrannt, sagt Matter. Dafür vergehe die Zeit wie im Flug, findet ein Assistenzarzt. Er schätzt, dass er hier in kurzer Zeit sehr breite Erfahrungen machen kann. Er ist Assistent Chirurgie und wird jetzt von Matter eingeteilt, den Fasnächtler zu nähen.

Spitaldirektor Georg Frei ist mit der neuen Ausrichtung der Notfallstation sehr zufrieden. Während 2003 die 13 000 Notfallpatienten sich durchschnittlich 3 Stunden und 10 Minuten auf der Notfallstation aufhalten mussten, betrug die durchschnittliche Aufenthaltsdauer letztes Jahr bei 19 200 Patienten lediglich noch 2 Stunden 24 Minuten. Frei ergänzt: «Und diese Verbesserung ist praktisch kostenneutral, da wir die Ärzte der andern Spitalabteilungen nicht mehr für den Notfalldienst abziehen müssen.»

18-jähriger Saufbold hyperventiliert

Matter ist überzeugt, dass die Qualität zugenommen hat, weil für Notfallbehandlungen spezialisierte und hochmotivierte Ärzte stets präsent sind. «Solche Ärzte müssen pragmatisch, problemorientiert, stressbeständig und entscheidungsfreudig sein.» Noch existiert in der Schweiz – im Gegensatz zu vielen EU-Staaten – der offizielle Titel Facharzt für Notfallmedizin nicht, doch kann das Limmattal-Spital seit Anfang Jahr als einziges Zürcher Spital eine Ausbildung zum neu geschaffenen FMH-Fähigkeitsausweis für «klinische Notfallmedizin» anbieten. Dieser «Spital-Notfall-Generalist» ergänzt die bereits bestehenden Facharztausbildungen. In der Pflege kennt man die Spezialisierung auf den Notfall bereits länger.

Um 16.35 Uhr scheint Hans Matter erstmals etwas entnervt. Nicht der Clochard mit Whiskey-Flasche in der Tasche, der mit den Schwestern charmiert, nervt ihn, sondern der 18-Jährige, der nach Volltrunkenheit hyperventilierte und jetzt, von einer «Dächlikappen»-Gang begleitet, völlig desorientiert dasitzt. «Ein junger Mensch, der seine Gesundheit derart leichtsinnig aufs Spiel setzt – das macht mich wirklich wütend.» Morgens um 7.30 Uhr hatte Hans Matter seinen Dienst angetreten, das Mittagessen fiel aus, um 18 Uhr fegt er immer noch so durch die Gänge, dass er in jeder amerikanischen Ärzte-Serie eine gute Figur machen würde.

Als Hans Matter kapitulierte

Als er um 22 Uhr 30 nach Hause geht, hat er mit seinem Team 50 Personen betreut. Ein eher ruhiger Notfalltag. Nachzumelden ist: Der unterzuckerte Diabetiker ist über den Berg, der wutentbrannte Fensterzertrümmerer muss seine Hand im Uni-Spital operieren lassen – sie wird vielleicht nie wieder voll funktionstüchtig. Der Fasnächtler musste wegen einer Hirnerschütterung die Fasnacht absagen, und die Eltern des Kindes mit den zu kleinen Schuhen zogen unzufrieden von dannen. Bei ihnen war Matter am Ende seines Lateins. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2009, 00:14 Uhr

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