Kesb: Private Beistandschaften sind in drei von vier Fällen nicht sinnvoll

Die Kesb soll wenn immer möglich auf private Beistände aus der Verwandtschaft setzen. Das verlangt eine Volksinitiative. Doch so einfach ist das nicht.

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Da ist zum Beispiel Frau X., 50 Jahre alt, alkoholkrank. Sie fällt der Polizei auf, weil sie verwahrlost und verwirrt wirkt. Die Beamten erstatten Meldung bei der Stadtzürcher Kesb, und die stellt fest, dass die Frau Hilfe braucht. Anfangs versucht man es mit einer freiwilligen Unterstützung, doch bald beschweren sich Nachbarn, weil sich Frau X. auffällig benimmt. Der Vermieter kündigt ihr die Wohnung, bei der Arbeit wird sie freigestellt. Wie weiter?

Erhält die Kesb eine Gefährdungsmeldung, so ist sie verpflichtet, die Situation der betroffenen Person abzuklären. Wie das genau vor sich geht, erklärte Michael Allgäuer, Präsident der Kesb Stadt Zürich, heute Montag an einer Medienkonferenz unter anderem anhand von Fallbeispielen. Kommt die Kesb nach einer Abklärung zum Schluss, dass Hilfe nötig ist, kann sie eine Beistandschaft verfügen – aber nur als letztes Mittel, wie Allgäuer sagte: «Wir prüfen immer zuerst eine Lösung im Rahmen der Familie, mit freiwilligen Helfern oder mit Institutionen wie Pro Senectute.»

Private Beistände haben meist viel Zeit

Das reiche aber nicht immer aus, so Allgäuer – vor allem, wenn Menschen dement werden oder mehr Hilfe benötigen, als ein freiwilliges Angebot bieten kann. Gerade wenn es um finanzielle Angelegenheiten geht, stehen selbst Ehepartner oder Eltern und Kinder mit gegenseitiger Vollmacht schnell an. Für das Tagesgeschäft reicht es, nicht aber, um beispielsweise eine Wohnung zu kündigen oder die Hypothek zu erneuern.

Dann suche die Kesb nach einem Beistand, «und das ist wenn immer möglich jemand aus der Familie, aus dem Umfeld oder ein freiwilliger Privatbeistand». Oft sind es nahe Verwandte, der langjährige Steuerberater oder Nachbarn, die für alte Menschen die Finanzen führen. Es gibt aber auch Privatpersonen, die sich beispielsweise nach der Pensionierung als private Beistände zur Verfügung stellen. Der Vorteil einer solchen Lösung liege auf der Hand, sagt Allgäuer. Angehörige kennen die betroffene Person und ihre Bedürfnisse, es besteht bereits eine vertrauensvolle Beziehung. Auch haben private Beistände in der Regel viel Zeit für persönliche Kontakte.

Nur eine von vier Beistandschaften ist privat

Trotzdem ist nur ein Viertel der rund 4800 laufenden Beistandschaften in der Stadt Zürich privat. Und das hat gute Gründe, wie das Beispiel von Frau X. zeigt. Als sie ins Spital muss, weil sie nicht mehr für sich sorgen kann, kommt sie auf eine geschlossene Station, sonst würde sie fortlaufen. Weil sie krankheitsbedingt an Gedächtnisschwund leidet, verkennt sie ihre desolate Lage vollkommen. Der Kesb-Mitarbeiterin, die sie im Spital besucht, sagt sie, sie brauche keine Hilfe. Dass sie bei der Arbeit freigestellt worden ist, hat sie vergessen. Nur einen klaren Wunsch hat sie: Sie will in Zürich bleiben, wo sie seit vierzig Jahren wohnt.

Auch in ihrem Fall versucht die Kesb zuerst, einen Verwandten als Beistand einzusetzen, genauer gesagt den Bruder. Doch der leugnet die Alkoholsucht seiner Schwester ebenso wie ihre fortschreitenden Gedächtnisprobleme. Einen Beistand brauche sie nicht, findet er, es reiche, wenn ihr die Kesb Arbeit verschaffe. Notfalls hole er sie zurück in ihre Heimat ins Wallis, die Stadt sei ohnehin nichts für Frau X. «Unter diesen Voraussetzungen mussten wir davon ausgehen, dass der Bruder die nötige Unterstützung nicht würde geben können», erklärte Susanne Otz, Vizepräsidentin der Kesb Zürich, den Medien. «Ausserdem bestand die Gefahr, dass der Mann seine Schwester gegen deren Willen ins Wallis holt.» Die Kesb setzte eine Berufsbeiständin ein – und der gelang es schliesslich, einzelne Aufgaben den Angehörigen zu übertragen.

«Verwandtschaft bedeutet noch keine Nähe.»Michael Allgäuer, Präsident der Kesb Stadt Zürich

Beispiele wie Frau X. zeigen für Kesb-Präsident Allgäuer, wo die Probleme der Kesb-Initiative liegen, für die ein Komitee um den Schwyzer SVP-Nationalrat Pirmin Schwander noch bis November Unterschriften sammelt. Künftig hätten Verwandte das Recht, eine Beistandschaft zu übernehmen, «doch Verwandtschaft bedeutet noch keine Nähe», so Allgäuer. Das zeige die Praxis klar.

Immer wieder müsse die Kesb Beistandschaften verfügen, weil zum Beispiel Eltern und Kinder keinen Kontakt mehr hätten, weil eine Familie heillos zerstritten sei oder weil die Situation für einen Privatbeistand schlicht nicht zu bewältigen sei. Letzteres ist etwa dann der Fall, wenn die betroffene Person psychisch schwer krank oder gewaltbereit ist, oder wenn sie jede Hilfe verweigert.

Fast keine Privatbeistandschaften gibt es übrigens bei Minderjährigen. Das liegt laut Michael Allgäuer daran, dass Beistandschaften für Kinder in aller Regel dann angeordnet werden, wenn die Familie in einer schwierigen Lage ist, etwa bei Scheidungskonflikten. Dann sei einerseits spezifisches Fachwissen, andererseits Unabhängigkeit nötig.

Erstellt: 27.05.2019, 17:08 Uhr

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Zahlen leicht rückläufig

Seit der Einführung der Kesb im Jahr 2014 sinken die Zahlen der Schutzmassnahmen in der Stadt Zürich tendenziell. Das gab die stadtzürcher Kesb heute Montag bekannt.
Im Jahr 2018 ordnete die Kesb 501 Beistandschaften für Erwachsene und 373 Beistandschaften für Kinder an. Im Jahr 2014 waren es noch 559 Beistandschaften für Erwachsene und 400 für Kinder.
Die Zahl der Fremdplatzierungen stieg 2018 leicht, allerdings sind die Schwankungen wegen der geringen Fallzahlen von Jahr zu Jahr beträchtlich. 2018 wurden 72 Kinder fremdplatziert, 2017 waren es 67. Gemessen an der Gesamtbevölkerung blieb die Zahl der Platzierungen aber stabil.

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