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«Komfort wie in den 30er-Jahren, aber ich vermisse gar nichts»

Einen ersten Blick auf die Häusergruppe beim Letten warf der junge Architekt, als er sich an einem heissen Sommertag Mitte der 80er-Jahre die Limmat hinuntertreiben liess. Ruggero Tropeano war damals für moderne Bauten sensibilisiert, soeben hatte er in Basel ein Haus von Hans Bernoulli, dem Erbauer der Bernoulli-Siedlung in Zürich-West, renoviert und eine Studie über ein Winterthurer Wohnhaus aus den 30er-Jahren mitverfasst. Kurze Zeit später erhielt er die Einladung, die Bauten am Letten, als Rotach-Häuser bekannt, zu besichtigen. Begeistert stellte er fest, dass die Wohnungen noch genau so aussah, wie sie Max Ernst Haefeli 1928 geplant hatte. Haefeli erlangte später zusammen mit seinen Kollegen Moser und Steiger Berühmtheit und erstellte in Zürich markante Bauten wie das Uni-Spital, die Werkbundsiedlung Neubühl oder das viel diskutierte Kongresshaus. Gemeinsam mit seiner Partnerin, der Architektin Cristina Pfister, und einem befreundeten Paar kaufte Ruggero Tropeano der Baugenossenschaft die Rotach-Häuser später ab.

Reparieren statt sanieren Bei der Renovation wurde nichts erneuert, nichts rausgerissen und nichts neu gebaut. «Wir reparierten bloss die Originalsubstanz», erläutert Ruggero Tropeano. «Wir wechselten nicht einmal Bad oder Küche aus. Das war für die damalige Zeit, als alle immer nur das Neueste wollten, revolutionär.» Seit 20 Jahren lebt der gebürtige Italiener nun in den Rotach-Häusern. «Der Komfort entspricht dem der 30er-Jahre, aber ich vermisse gar nichts», sagt er. Im Gegenteil, die Wohnungen seien äusserst clever und bis ins letzte Detail geplant worden. Für alles und jedes gibt es Stauraum, riesige Fensterfronten öffnen sich zum Fluss und zur gegenüberliegenden Parkanlage des Platzspitzes hin, und alle Wohnungen verfügen über grosszügige Terrassen und Loggien.

«Man fühlt sich in den Räumen wohl, weil sie angenehme Masse haben und die Baumaterialien natürlich sind», sagt Tropeano. Den Architekten war es deshalb ein Anliegen, bei der Renovation nur originale Materialien zu verwenden. So erhielten beispielsweise die weiss überpinselten Wände ihre ursprünglichen Farben in Form von Tempera-Anstrichen und Tapeten zurück. «Die Leute haben damals den Kopf geschüttelt», lacht Tropeano. «Heute herrscht glücklicherweise wieder ein grösseres Verständnis für solche Handwerkskunst.»

Ruggero Tropeano schätzt die Sinnlichkeit von schönen Materialien. Er liebt es, unterschiedliche Texturen zu ertasten, mag den Geruch von Papier, das Rascheln von Buchseiten. «Ich bin alles andere als ein Minimalist», meint er. «Seit meiner Zeit an der ETH habe ich Leuchten und Möbel aus den 20er-und 30er-Jahren gesammelt, das was man heute Vintage Design nennt. Damals konnte man in den Brockenhäusern noch richtige Trouvaillen finden.»

Tatsächlich liest sich sein Wohn- und Arbeitszimmer heute wie ein Design-Who’s-Who der Moderne: Das Sofa und die hübsche Stehleuchte mit dem chinesisch anmutenden Schirm stammen wie das Haus selbst aus der Feder von Max Ernst Haefeli. Stühle des französischen Altmeisters Jean Prouvé gruppieren sich um einen Biedermeier-Tisch, der einst das Friedensrichterbüro in Meilen zierte. Die Zürcher Architektin Flora Steiger-Crawford, deren Zett-Haus am Stauffacher in die Architekturgeschichte eingegangen ist, steuert Schubladenmöbel bei, und das Pult ist selbstverständlich von Marcel Breuer. Ergänzt wird das edle Mobiliar mit Skulpturen, Büchern, Gemälden, türkischer Handwerkskunst und jeder Menge Textilien. «Stoffe sind für mich eine Leidenschaft, der ich nicht widerstehen kann», sagt Tropeano. «Zum Glück lassen sie sich zusammenlegen und stapeln». Gemein ist allen Objekten, dass sie eine Geschichte haben und diese mit ihren kleinen Makeln, Spuren der Zeit und Reparaturen auch erzählen dürfen.

Zaun erinnert an Drogenszene

Ruggero Tropeano könnte sich keinen höheren Wohnkomfort vorstellen. Er liebt Zürich, sein Zuhause befindet sich mitten in der Stadt und ist doch umgeben von Natur. Natürlich gab es auch schlimme Zeiten, als der Platzspitz als Needle Park weltweit Schlagzeilen machte und sich die Bewohner der Rotach-Häuser von der Szene abschirmen mussten. Heute erinnert nur noch ein Metallzaun an die damalige Situation. Die Gleise der alten Lettenbahn haben längst einer Schotterfläche Platz gemacht, die Limmat gleitet an einem sauberen Park vorbei, und ausgehfreudiges Volk radelt vom und zur alten Lettenbadi.

Wenn er umziehen müsste, möchte sich der Architekt selbst ein Haus bauen. Ob es mit den Rotach-Häusern mithalten könnte, wagt er allerdings zu bezweifeln. Vor ein paar Jahren, so ist er überzeugt, hat die Qualität dieser Häuser ihn während einer längeren Rekonvaleszenz unterstützt und ihm geholfen zu genesen. «Es war ein einmaliges Erlebnis, die Räume während 24 Stunden am Tag zu erleben», erinnert er sich.

Sein Zuhause ist für ihn, der sich intensiv mit dem Neuen Bauen auseinandersetzt, ein ständiges Experimentier- und Erfahrungsfeld. Bei seiner Begeisterung für die Rotach-Häuser ist es kein Wunder, dass manche Ideen in seine eigenen Arbeiten eingeflossen sind. Sein Zuhause hat ihm auch einige weitere Türen geöffnet. So erhielt sein Büro nicht nur den Auftrag, Ikonen der Schweizer Moderne wie die Schule für Gestaltung von 1933 oder das Hallenstadion aus dem Jahr 1939 zu renovieren, es wurde sogar für die Restaurierung der heiligsten aller modernen Stätten, des Bauhauses in Dessau, zugezogen. Die Stiftung Bauhaus Dessau war von der sanften Renovation der Rotach-Häuser - die übrigens auch von der Stadt Zürich ausgezeichnet wurde - so begeistert, dass sie das Schweizer Team nach Deutschland holte. 80 Jahre nachdem es entworfen wurde, ist das Haus am Letten für Ruggero Tropeano nach wie vor unübertroffen. Fotos: Sophie Stieger Plastik von Wilhelm Loth. Messer zum Wenden türkischer Crêpe.

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