Kontrolle eskaliert: Fahrgast im Schwitzkasten

Ein Mann muss umsteigen und will dem Kontrolleur das Abo an der Bushaltestelle zeigen. Dieser vermutet eine Flucht und wird handgreiflich.

Kontrolle in Zivil: Ein Kontrolleur des Zürcher Verkehrsverbundes prüft die Fahrkarten. (Archivbild: Gaetan Bally/Keystone)

Kontrolle in Zivil: Ein Kontrolleur des Zürcher Verkehrsverbundes prüft die Fahrkarten. (Archivbild: Gaetan Bally/Keystone)

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Letzte Woche ist ZVV-Kunde Thomas S.* in Eile. Sein Bus der Linie 9 in Winterthur ist schon fast bei der Haltestelle, an der er umsteigen muss. Kurz vor dem Halt will ein Kontrolleur sein Billett sehen.

«Ich hatte eine riesige Sporttasche dabei, mein Portemonnaie war irgendwo da drin. Da schlug ich ihm aufgrund der Zeitknappheit vor, dass er mit mir aussteigt und ich ihm mein Abonnement an der gegenüberliegenden Haltestelle zeige», schildert der Passagier die Situation. Der Kontrolleur willigt ein.

Als der Bus hält und der Fahrgast die Strasse überqueren will, eskaliert laut Thomas S. die Kontrolle: «Der Kontrolleur riss gewaltsam an meiner Sporttasche und schrie, ich solle sofort anhalten, das gehe nicht.» Daraufhin habe er versucht, mit dem Kontrolleur zu reden. Er könne ihm das Abonnement nicht zeigen, wenn er seine Tasche nicht zurückbekomme. Zudem sei die Tasche sein Privateigentum, das er zurückhaben wolle. «Ich verstehe diese Reaktion nicht, ich hatte ja nicht versucht wegzurennen. Ich hatte keinen Grund dazu, ich fahre mit einem gültigen Abo», sagt Thomas S.

Kontrolleur nimmt Kunden in Schwitzkasten

Als die Diskussion um die Tasche mitten im Gang ist, gerät die Situation laut Thomas S. ausser Kontrolle: «Plötzlich kam von links ein Mann, der mich in den Schwitzkasten nahm. Ich dachte, es sei ein Passant, der dem Kontrolleur zu Hilfe kommen wolle, um einen vermeintlichen Schwarzfahrer zu stellen.» Dabei handelt es sich aber um einen weiteren ZVV-Kontrolleur. Wie der erste Kontrolleur ist er in Zivil. Laut Thomas S. gibt er sich nicht als Mitarbeiter des Verkehrsverbundes zu erkennen.

Er wehrt sich mit aller Kraft, stösst den Mann ab, befreit sich aus dem Würgegriff. «Dann stürmte ein dritter Mann mit Beschimpfungen und wütendem Gesicht auf mich zu. Ich hatte Angst, dass er auf mich einschlagen würde, also erhob ich meine Faust.» Es ist der dritte an dieser Eskalation beteiligte ZVV-Kontrolleur. Auch er weist sich laut Thomas S. nicht als solcher aus.

Polizei rückte aus

An diesem Punkt ruft der Passagier die Winterthurer Stadtpolizei an. Diese kommt und nimmt den Vorfall auf. Anzeigen gibt es nicht. «Ich wurde darauf hingewiesen, dass es im Falle einer Anzeige Aussage gegen Aussage stehen könnte, da meine erhobene Faust eine Drohung gegen Beamte war», sagt Thomas S. Sein Rechtsbeistand rät ihm später von einer Anzeige ab, er hätte vor Gericht keine Chance, wenn drei deckungsgleiche Aussagen gegen ihn und seine Drohung stünden.

Peter Gull, Sprecher der Stadtpolizei Winterthur, bestätigt das Ausrücken der Stadtpolizei. «Der Mann verliess den Bus, ohne vorgängig sein Ticket vorgewiesen zu haben. Die Kontrolleure verstanden dies als Fluchtversuch. Sie gaben an, dass der Mann gegen sie gestikuliert habe, sie sich aber nicht bedroht gefühlt hätten.»

ZVV-Sprecher Stefan Kaufmann bestätigt die Aussage der Polizei: «Laut unseren Kontrolleuren kam es vor dem Bus zu einem Gerangel. Was genau passiert ist, können wir nicht beurteilen. Der Kontrolleur hatte das Gefühl, dass sich der Fahrgast der Kontrolle entziehen wollte.»

Die Handgreiflichkeiten und den Schwitzkasten kann er nicht bestätigen, nur dass es zu einem Handgemenge gekommen sei. Er geht von einem Missverständnis aus: «Man darf sich einem Kontrollprozess nicht entziehen und währenddessen die Strasse überqueren.»

Ausserdem kann er nicht bestätigen, dass die Kontrolleure sich nicht ausgewiesen hätten: «Beim Betreten eines Fahrzeuges künden die Kontrolleure die Fahrausweiskontrolle laut und deutlich an. Bei der Kontrolle tragen die Kontrolleure ihren Ausweis in der Regel gut sichtbar in der Hand.» Das sei gemäss ihren Angaben auch im vorliegenden Fall so gehandhabt worden.

Aussergewöhnlicher Fall

ZVV-Sprecher Kaufmann sagt, das sei auch für sie ein aussergewöhnlicher Fall: «Der Vorfall ist untypisch für diese Uhrzeit. Sonst kennt man solche Situationen vorwiegend vom Nachtnetz mit Passagieren, die kein gültiges Ticket vorweisen können.» Weiter erklärt er, dass die involvierten Kontrolleure sehr erfahren seien und wüssten, wozu sie befugt seien: «Wir erwarten von unseren Kontrolleuren, dass sie sich korrekt und im Rahmen der geltenden Rechtsordnung verhalten. Wenn der Fahrgast der Meinung ist, dass die Kontrolleure gegen das Gesetz verstossen haben, so steht es ihm offen, eine Strafanzeige einzureichen.»

Für Thomas S. ist die Situation unbefriedigend: «Hätte ich nur einen Zeugen, würde ich keinen Moment lang zögern, eine Strafanzeige einzureichen.» Die Erklärungen des ZVV-Sprechers klingen für ihn wie Ausreden: «Die Kontrolleure haben überreagiert. Wenn sie sich nicht bedroht gefühlt haben, warum haben sie mich dann so attackiert?»

Er möchte, dass der ZVV das Fehlverhalten seiner Kontrolleure einsehe, und fordert eine Entschuldigung. «Es ist inakzeptabel, dass Kontrolleure Gewalt anwenden, wenn sie von ihrem Gegenüber nicht bedroht oder angegriffen werden.» Er schreibt noch am selben Tag eine Beschwerde, verlangt eine Entschuldigung. Das war letzten Mittwoch. Bis heute hat er nichts gehört.

*Name der Redaktion bekannt.

Erstellt: 13.01.2016, 11:20 Uhr

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