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La Grande Nation plant die grosse Atomoffensive

Frankreichs Atomindustrie wähnt sich im Vorteil. Sie will Geschäfte machen: mit den Aussteigern und mit den Einsteigern.

Von Oliver Meiler, Deauville Es gab einen Moment kurz nach der Katastrophe von Fukushima, da schien es, als würden auch die Franzosen beginnen, an der Atomkraft zu zweifeln. Ausgerechnet: Seit Charles de Gaulle galt die zivile und die militärische Atommacht als zentraler Sinnstifter der Republik und wurde als Mythos gepflegt. Kein Land der Welt bezieht heute mehr Strom aus Kernkraft als Frankreich, nämlich 78 Prozent seines Bedarfs an Elektrizität. Dafür sorgen 58 Reaktoren im Land. Ausserdem gehören die Franzosen zu den weltweiten Leadern bei der Entwicklung der Technologie. Nach Fukushima gab es also Ansätze für eine Debatte zum Sinn und zu den Gefahren der Atomkraft. Doch es waren nur schüchterne Ansätze, die von der Politik vom Tisch gewischt wurden. Neue und alte Märkte Nicolas Sarkozy, der die Sicherheit der Atomkraftwerke auf die Agenda des laufenden G-8-Gipfels in Deauville setzte, wiederholt seit einigen Monaten unablässig, dass ein Ausstieg aus der Kernkraft nicht infrage komme und dass nur der Mix der Stromquellen optimiert werden müsse. Die Wirtschaft pflichtet bei. Und wenn man den Franzosen mit Vergleichszahlen aufzeigt, wie viel weniger sie dank der Nuklearkraft für Elektrizität bezahlen als ihre Nachbarn, verstummt auch die leise Kritik im Volk schnell. Mittlerweile glaubt man beim Staatskonzern Electricité de France (EDF) gar, dass die Gelegenheit nie besser gewesen sei als gerade jetzt, um zu Europas unumstrittenem Leader zu avancieren. Vielleicht reicht es auch zum Weltmeister. In einem Gespräch mit «Le Monde» sagte der Chef von EDF, Henri Proglio, vor einigen Tagen: «Der Unfall von Fukushima stellt die Nuklearkraft nicht infrage. China, die USA, Russland, Grossbritannien, die Türkei und andere Staaten sind nicht bereit, darauf zu verzichten.» Proglio hätte noch andere aufstrebende Staaten beim Namen nennen können, die ihr Wirtschaftswachstum mit Atomstrom beschleunigen wollen – Indien etwa. Alle diese Länder sind potenzielle Wachstumsmärkte für EDF und die ebenfalls staatliche Areva, wenngleich deren Druckwasserreaktoren der neuen Generation (EPR) zu den teuersten der Welt gehören. Sarkozy sagt in diesem Zusammenhang gerne, die EPR seien deshalb so teuer, weil sie auch die sichersten der Welt seien und selbst einem Terroranschlag standhalten würden. Auf seinen Staatsbesuchen gibt der Präsident den Handelsreisenden für die nationalen Energiekonzerne. Die Franzosen hoffen auch, dass sie vom Atomausstieg der Nachbarn profitieren können: Wenn nämlich die Schweiz und Deutschland alle ihre Reaktoren stilllegen, lässt sich das Geschäft mit dem Stromexport markant verbessern. Die Sorge um Fessenheim Bei aller Unerschütterlichkeit: Einige Risse hat die Nukleargläubigkeit der Franzosen schon – und zwar rund um Fessenheim, der ältesten Zentrale des Parks, die nicht weit von Basel entfernt steht. Sie ist seit 1978 im Betrieb. Internationale Vereinigungen im Dreiländereck fordern eine sofortige Stilllegung von Fessenheim – und das nicht erst seit der Katastrophe von Fukushima, seither aber umso vehementer. Ihre Sorge rührt daher, dass die EDF-Zentrale an den Gestaden des Grand Canal d’Alsace, eines Seitenkanals des Rheins, gebaut wurde und obendrein in einer Erdbebenzone liegt. Obschon es unwahrscheinlich ist, dass ein Erdbeben eine Überschwemmung im Kanal verursachen könnte, die die Kraft eines Tsunamis hätte, so zweifeln dennoch viele Anwohner an der Sicherheit des alten Werks. Seit Mitte April läuft nun eine teure, von intensiver Öffentlichkeitsarbeit begleitete Generalüberholung von Reaktor 2. Neun Monate soll sie dauern und über 200 Millionen Euro kosten. EDF hofft, dass sich die Skepsis dann legen wird. Der Direktor des AKW Fessenheim, Thierry Rosso, sagte diese Woche in einem Interview: «Ich verstehe schon, dass man sich nach dem Unfall von Fukushima Fragen stellt zur Nuklearkraft. Doch wenn sich die emotionale Aufregung erst einmal gelegt hat, muss man sich wieder um industrielle Herausforderungen kümmern.» Die Frage ist nur, ob sich die Aufregung in der Region je wieder legen wird. Handelsreisender in Sachen Atomstrom: Nicolas Sarkozy. Foto: Keystone Dossier: Die Schweiz und der Atomausstiegwww.atomausstieg.tagesanzeiger.ch

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