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Larry King tritt nach 25 Jahren und 40?000 Interviews ab

Der legendäre Talkshow- Master hört auf, eine königliche Ära geht zu Ende. Kings Scheiden ist Symptom eines Trendwechsels.

Von Roger Schawinski* Er hat mit allen geredet, wirklich allen. Nicht nur mit jedem amerikanischen Präsidenten seit Menschengedenken und allen Oscar-Preisträgern der letzten 25 Jahre. Interviewt hat er auch Skandalnudeln, Finanzbetrüger und Mehrfachmörder, die es auf die Titelseiten der Boulevardpresse geschafft hatten. Doch nach mehr als 40?000 Interviews ist nun Schluss – und das ist gut so. Larry King ist der Erfinder der täglichen TV-Talkshow und ist so zum Mass aller Dinge geworden. Ein Vierteljahrhundert blieb er, der nicht weniger als achtmal (!) geheiratet hat, seinem Sender CNN treu. Doch immer mehr seiner Zuschauer haben ihn in den letzten Jahren verlassen. Die taumelnde Einschaltquote musste seine Chefs ins Grübeln bringen: Sie hatten sich der Frage zu stellen, ob der Interviewstil der Ikone Larry King nicht definitiv überlebt ist. Aber Larry King kann nur Larry King, nämlich das interessierte, höfliche, distanzierte Gespräch, bei dem er sich als Person nie richtig einbringen muss. Das öffnete ihm alle Türen, denn niemand hatte sich bei ihm vor echt kritischen oder gar tückischen Fragen zu fürchten. Larry King wurde auf diese bestechende Weise «everybody’s darling». Ein risikoloser Auftritt in seiner Show eignete sich hervorragend für die Lancierung eines neuen Films, eines spannenden Buchs oder gar einer überraschenden Kandidatur für die Präsidentschaft. Doch in der ständig grelleren TV-Welt mit einer grossen Zahl von Stationen und vielen Reality- und Casting-Shows reichte das je länger, desto weniger. Selbst in seinem eigenen Genre kamen andere den neuen, schrilleren Publikumsbedürfnissen viel weiter entgegen als er. Oprah Winfrey, die Königin des Nachmittags-Talks, brachte es mit der Wucht ihrer weiblichen Personality und ihren überschwappenden Gefühlswallungen bis an die Einkommensspitze im TV-Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der politische Jon Stewart katapultierte sich und seine «Daily Show» mit Witz, Sarkasmus und Mut in eine Position, die viel gewichtiger ist, als sie seinem Kleinsender Comedy Central gebühren würde. Ruppige Konkurrenz Bei den Unterhaltungssendungen schaffte es Jay Leno, dass sogar Barack Obama auf dem Sofa in seiner legendären «Tonight Show» Platz nahm. Und Bill 0’Reilly war mit seiner täglichen, superaggressiven Show zentraler Grund dafür, dass Rupert Murdochs Fox Television mit klarem Abstand die Nr. 1 der US-Nachrichtensender wurde. In seinem Schlepptau erblühte die TV-Karriere von Glenn Beck, dem eigentlichen Gründer der am rechten Rand politisierenden Tea-Party-Bewegung, die als Siegerin aus den jüngsten Parlamentswahlen hervorging. All diese Entwicklungen liessen Larry King immer blasser erscheinen. Die Magie seines Namens vermochte der geballten Macht der gewitzteren, schnelleren, ungehobelteren und politisch klar etikettierten Konkurrenz nichts Wirkungsvolles entgegensetzen, zumal King unter dem Verlust seiner Exklusivität bei hochkarätigen Gästen litt. So wandelten sich die legendären Hosenträger von einem Markenzeichen zu einem Beweis für seine Rückwärtsgewandtheit. Und deshalb ist es richtig, dass er jetzt den Stecker gezogen hat. Es ist selten, dass Persönlichkeiten, die uns über Jahrzehnte begleitet haben und die vor unseren Augen gealtert sind, in Würde abtreten. Der 77-jährige Larry King hat es gerade noch geschafft. Damit beweist er, dass er eine überragende Grösse ist, die selbst die Zeichen der Zeit dann richtig zu deuten weiss, wenn sie für ihn ganz, ganz schmerzlich sind. * Roger Schawinski hat Radio 24, das erste Schweizer Privatradio, und Tele 24, den ersten privaten TV-Sender des Landes, gegründet. Von 2003 bis 2006 war er Geschäftsführer von Sat 1. Heute ist er Chef von Radio 1. Die legendären Hosenträger wandelten sich vom Markenzeichen zum Beweis seiner Rückwärtsgewandtheit. «Larry King Live» ging am Donnerstag zum letzten Mal über den Sender.Foto: Reuters

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