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Letzte Weberei in Wald gibt auf

Die Krise in der Textilbranche fordert ein prominentes Opfer. Die Walder Weberei Keller stellt den Betrieb Ende September ein. Ihre Produkte werden neu in Italien und Deutschland hergestellt.

Von Stefan Krähenbühl Wald –Die Weberei Keller muss ihren Betrieb einstellen. Das Walder Traditionsunternehmen kämpfte in den vergangenen Jahren unter wachsendem wirtschaftlichem Druck ums Überleben. Wegen der anhaltenden Währungskrise und steigender Exportkosten wurde die Luft in den letzten Monaten zu dünn. «Es bleibt mir keine andere Wahl, als die Produktion einzustellen.» Mit dieser beklemmenden Aussage verkündet Gunkel in der aktuellen Ausgabe der Walder Dorfzeitung «WAZ», was er selbst lange nicht geglaubt hatte. Die Weberei Keller stellt Ende September die Produktion ein. 55 Mitarbeiter verlieren ihre Stelle. Und Wald verliert ein geschichtsträchtiges Prestige-Unternehmen (siehe Kasten). Als sich abzeichnete, dass eine Kooperation mit anderen Betrieben nicht zustande kommt, entschloss sich Gunkel, den Betrieb in Stücken zu verkaufen. Für 50 Webmaschinen hat er bereits einen Abnehmer in Bangladesh gefunden. Wichtiger dürfte aber der Vertrag sein, den er gestern Morgen unterzeichnete. Ein Schweizer Unternehmen will die Produkte der Weberei Keller weiterführen. Um welche Firma es sich handelt, will Gunkel in den nächsten Wochen kommunizieren. «Damit bleiben wenigstens unsere Produkte bestehen», sagt er. Die Firma wird die Produkte unter einer neuen Marke weitervertreiben und deren Produktion in Betriebe in Italien und Deutschland integrieren. Dazu wird sie auch 20 bis 25 Maschinen übernehmen Innovatives Unternehmen Die Weberei Keller galt lange Zeit als zähes Überbleibsel der einst stolzen Oberländer Textilindustrie. Immer wieder forcierte das Unternehmen die Entwicklung innovativer Produkte, zuletzt diejenige von geruchsneutralisierenden Geweben. Selbst in schwierigsten Zeiten blickte Geschäftsführer und Inhaber Gunkel optimistisch in die Zukunft. «Nächstes Jahr wird die Weberei 150-jährig, das will ich erleben», sagte er noch im letzten August. Die Jubiläumsfeier wird nie stattfinden. Die Gründe für die Schliessung sind vielfältig. Einerseits habe, so Gunkel, die weltweite Abschwächung der Konjunktur ihren Beitrag geleistet, andererseits leide der Betrieb unter dem schwachen Euro. «Wir verzeichneten letztes Jahr einen Währungsverlust von rund 600 000 Franken», macht Gunkel die angespannte Situation deutlich. Zudem hätten seit 2011 neue Zollauflagen zu einer Verteuerung der Exporte geführt. Für ein Unternehmen mit einer Exportquote von 80 Prozent ein herber Schlag. Zumal der Umsatz in den letzten drei Jahren bereits von 18 auf 12 Millionen Franken zurückgegangen war und zwischenzeitlich um fast die Hälfte einbrach.Es dürften aber auch jene Entwicklungen zum Ende beigetragen haben, die in den letzten Jahrzehnten einen Textilbetrieb nach dem anderen hingerafft hat: der Preiskampf mit der Konkurrenz in Tieflohnländern und die steigenden Kosten bei der Produktion auf Schweizer Boden. Eine Verlagerung nach China war Albert Gunkel stets ein Gräuel. Auch wenn ihn, wie er einst sagte, 32 chinesische Arbeiter gleich viel kosten würden wie ein Angestellter hierzulande.Im November 2008 sah sich Gunkel gezwungen, Kurzarbeit einzuführen. Neun Angestellte verloren ihre Arbeit, fünf weitere wurden frühpensioniert. Erst im Juni 2010 konnte er wieder Vollbeschäftigung mit 70 Vollzeitstellen einführen. «Danach folgten ein paar richtig gute Monate», sagt Gunkel. «Aber seit Anfang 2011 ist das Geschäft komplett eingebrochen.» Dokufilm beschleunigte Ende Negativen Einfluss habe zudem die Wiederholung des Dokumentarfilms «Der Patron, die Arbeiter und die Krise» im Schweizer Fernsehen gehabt. Der Film, der erstmals 2009 ausgestrahlt wurde, zeigt den damaligen Überlebenskampf der Firma. «Bei der zweiten Ausstrahlung zeichnete er ein völlig falsches Bild», so Gunkel. «Die Auswirkungen waren fatal. Plötzlich vertrauten uns Lieferanten nicht mehr und forderten Vorauszahlungen.» «Schweizer Lösung» gefunden Weil sich die Schliessung der Weberei abgezeichnet hatte, kam die Meldung für die 55 verbliebenen Angestellten nicht überraschend. Gunkel ist überzeugt, dass sich für jeden Mitarbeiter eine gute Lösung finden wird. «Es ist kein Problem, die Leute unterzubringen», sagt er. «Ein Teil wird sogar schon vor dem Kündigungstermin eine neue Stelle antreten.» Gunkel selbst geht in Pension. Vorerst kümmert er sich aber um einen, wie er es nennt, «geordneten Rückzug». Damit will er einem Konkurs zuvorkommen. Mit der Schliessung der Keller AG verliert das Zürcher Oberland seine zweitletzte klassische Weberei. Verblieben ist einzig die Weberei Russikon. Deren Geschäftsführer Walter Wespi ist von einer Zukunft für die hiesige Textilbranche überzeugt. «Auch wir kämpfen mit der Währungskrise», sagt er. «Anders als die Keller AG haben wir als Teil einer weltweit agierenden Gruppe aber den strukturellen Vorteil, den es heute zum Überleben braucht.» Muss die letzte seiner Webmaschinen abstellen: Albert Gunkel, Inhaber der Weberei Keller AG. Archivfoto: Thomas Hulliger

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