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Letzter Akt der Bruder-Show

Oliver und Ronny Früh greifen heute mit Erstligist Winterthur nach dem ersten Schweizer Amateurtitel seit 41 Jahren. Für die Topskorer wäre es ein Sieg über die Vergangenheit und die Krönung ihrer Karrieren.

Ein Wort genügt, um die Gebrüder Früh zu ködern, sie aus der Reserve zu locken: «Zuchwil». Oliver verwirft die Hände und sagt: «Das war die mit Abstand schlimmste Niederlage meiner Laufbahn.» Der 28-Jährige schaut seinen älteren Bruder Ronny (30) an, der neben ihm im Restaurant des Winterthurer Eisstadions sitzt. Beide lächeln, obwohl sie den Misserfolg von damals noch nicht ganz verdaut haben. 4:3 führten sie vor zwei Jahren mit dem EHC Winterthur gegen Zuchwil im Schweizer 1.-Liga-Final, sahen sich bereits als Amateurmeister. «Die Zuschauer hier im Deutweg standen, sangen und feierten», erinnert sich Ronny Früh.

Zwei Sekunden vor Ende der 60 Minuten passierte es: Die Solothurner glichen aus und gewannen schliesslich in der Verlängerung. «Das war extrem bitter, aber solche Erfahrungen machen den Sport interessant», sagt Oliver und ergänzt: «Bei einem Erfolg gegen Martigny wäre Zuchwil sofort vergessen.» Für die Gebrüder Früh käme der erste Winterthurer Amateurtitel seit 1969 einem Sieg über die Vergangenheit gleich, für die Fans, die kritischen, erwartungsvollen, treuen Begleiter einem Geschenk, auf das sie seit über vier Dekaden warten.

Die Anhänger - regelmässig finden sich weit über 1000 im Stadion ein - sind im Vorteil, sie können sich auf nächste Saison vertrösten, wenn ihrer Mannschaft heute gegen Red Ice Martigny (siehe Box) der Triumph verwehrt bleibt. Oliver und Ronny Früh hingegen läuft die Zeit davon. «Für mich ist es das letzte Spiel meiner Karriere», sagt Ronny. «Ich habe auch vor, aufzuhören», fügt der jüngere Oliver an. Endgültig klingt das zwar nicht, dennoch müssen die Winterthurer wohl ohne ihre beiden Topskorer planen.

Die gemeinsame Schwäche

Der gemeinsame Abgang hat seine Logik. Angefangen haben die Früh-Brüder bei Frauenfeld. Ronny wechselte zu Dübendorf, Thurgau, kehrte zurück, schliesslich landeten sie bei Uzwil. Die beiden kamen als Verteidiger, verliessen die Ostschweizer sechs Jahre später als Stürmer in Richtung Winterthur und machen heute den gegnerischen Abwehrreihen das Leben schwer. Center Ronny hat in 36 Spielen 42 Skorerpunkte gesammelt, Flügel Oliver 37. Bessere Werte hat niemand im Team. «Unser Trainer richtet uns sehr offensiv aus. Mein defensives Positionsspiel ist dafür stark verbesserungswürdig», sagt Ronny und lacht. Die grösste Schwäche teilen sie brüderlich: die Schlittschuhtechnik, die damals im Juniorentraining in Frauenfeld etwas vernachlässigt worden sei.

Die Übersicht und das blinde Verständnis auf dem Eis kompensieren die läuferischen Defizite jedoch weitgehend. Beide wissen genau, was der andere macht. «Am wichtigsten ist aber das Vertrauen ineinander», sagt Ronny Früh. Er ist der Ruhigere, der Überlegtere, wie es sein Bruder nennt. Oliver wird eher einmal laut, handelt impulsiver. Vor zwei Jahren - auch gegen Zuchwil, jedoch eine Partie vor der schmerzlichen Finalniederlage - wurde Ronny absichtlich von Gegenspieler Jukka Schäublin in einen Faustkampf verwickelt, weil er im Falle einer Spieldauerdisziplinarstrafe im Final gesperrt gewesen wäre. Er blieb Herr über seine Emotionen, wehrlos, liess sich verprügeln. Oliver, kleiner, dafür kräftiger, stürmte von der Bank aufs Eis, eilte seinem Bruder zu Hilfe und musste deshalb vorzeitig unter die Dusche.

Aufwand ist zu gross

Oliver und Ronny Früh sind auch geschäftlich ein eingespieltes Duo. Sie teilen sich 50 Prozent der Aktien der Früh AG, einer Frauenfelder Firma für Schaltanlagen, die zur anderen Hälfte ihrem Vater gehört. Die Rollenverteilung entspricht den Charakteren. Der gelernte Automatiker Oliver ist im Aussendienst tätig, Elektromonteur Ronny erledigt die Büroarbeiten, plant, organisiert. «Selbstständig zu sein, ist Luxus, aber auch Stress», sagt Oliver. Allen Freiheiten zum Trotz fehlt die Motivation, die fünf Einheiten pro Woche auf dem Eis auch in Zukunft mit Arbeit und Familie - Ronny ist verheiratet, Oliver zieht bald nach - unter einen Hut zu bringen.

Vorerst zählt aber nur die Gegenwart, die Martigny heisst. Sie soll dazu beitragen, die Vergangenheit, Zuchwil, endgültig vergessen zu machen. Torgefährliches Duo: Die Brüder Ronny (links) und Oliver Früh haben in dieser Saison bisher 79 Skorerpunkte gesammelt. Foto: Christoph Kaminski

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