Zum Hauptinhalt springen

Liebeserklärungen an Venedig

Zwei neue Venedig-Bildbände zeigen ungewohnte Seiten der Stadt. Der eine feiert ihre Stille, der andere entdeckt Gemeinsamkeiten mit Las Vegas.

Von Ulrike Hark Nach Venedig sollte man unbedingt allein fahren, schreibt Elke Heidenreich in ihrem Vorwort zum poetischen Bildband «Venedig». Sie habe nie verstanden, weshalb ausgerechnet diese melancholische Stadt für so etwas Heiteres wie Liebes- oder Hochzeitsreisen herhalten müsse. Auch Gottfried Benn, der neben anderen Autoren im Buch mit Zitaten zu Venedig vertreten ist, wusste, dass man die Stadt allein erkunden muss. Wenn der Besuch selber eine Liebesaffäre ist, wird das menschliche «Du» überflüssig. «Die Liebe zu Venedig ist keine Einbahnstrasse», meint Heidenreich auf Benn bezogen. «Venedig liebt zurück, aber heimlich, verborgen.» Ein bisschen dicke Post, denkt man bei der Eingangslektüre. Venedig, zum Seufzen schön – schon tausendmal gesehen und gehört. Doch die ruhigen Schwarzweissbilder, die dann folgen, liegen jenseits des tausendfach Gesehenen und abseits vom Schwulst. Sie erzählen Geschichten von kühlen Morgenstunden, wenn die Stadt langsam aufwacht, sich die Kellner vor den Cafés die Haare in Form bringen und die ersten Arbeiter, die in die Fabriken müssen, auf ihr Vaporetto warten. Szenen, welche die meisten der 15 Millionen Touristen, die Venedig im Jahr aushalten muss, nicht sehen, leise Momente, die sie nicht erleben. Die beiden Fotografen Rainer Groothuis und Christoph Lohfert zeigen ein Venedig, das seinen Glanz besonders im Nebel oder mit regennassen Gassen, am frühen Morgen, beim Eindunkeln und bei Nacht entfaltet. Dann ist Venedig, die einzigartigste unter allen Städten, noch schöner als sonst.Mit ganz und gar nüchternem Blick – aus der Vogelperspektive – nähert sich der Fotograf Alex MacLean dem Mythos Venedig. Der 63-jährige Amerikaner ist mit seiner einmotorigen Cessna über die Lagune geflogen und wagt einen kühnen Vergleich – mit Las Vegas. Zuerst ist man irritiert und fragt sich, was denn dieses «Disneyland» mit seinen verrückten Spielern mit der schönsten Stadt der Welt zu tun haben soll. Die Stadt in der Wüste und die Stadt im Wasser? Doch bei genauem Hinschauen entdeckt man Gemeinsamkeiten: Beide sind extrem, märchenhaft, künstlich, und sie sind symbolisch aufgeladen. Auf der einen Seite Venedig, die permanente Ausstellung der Vergangenheit – eine Illusion. Auf der anderen Seite die Illusionsarchitektur selber; ohne Geschichte zu haben, werden in Vegas Geschichten nachgebaut. Zwei Städte auch, die durch das ökologische Missmanagement in ihrer Existenz bedroht sind. Der Mangel an Wasser bedroht Vegas, der buchstäbliche Überfluss an Wasser Venedig. MacLean zeigt die stummen Zeugen des ökologischen Irrsinns in Nevada, satte grüne Golfplätze inmitten einer Wüstenlandschaft und einen Stausee, dessen Wasserstand in den letzten Jahren um 30 Meter gesunken ist. Der Las-Vegas-Teil des Buchs bestätigt alle Vorurteile, die wir Europäer in Sachen Umweltsünden von Amerika haben. Zwei fragile Orte Doch auch Venedig hat seine wenig schönen Seiten. Längst ist «La Serenissima», wie sie zärtlich genannt wird, nicht mehr Herrin über die Lagune. Industrie, Verkehr und Schifffahrt haben sich jenseits von Markusplatz und Dogenpalast ihre Ansprüche gesichert – MacLeans Lagunenbilder zeigen eine domestizierte, ausgegrenzte und ausgebeutete Natur. Es sind Schlüsselbilder für unseren Umgang mit den Ressourcen Land und Wasser. Venedig und Vegas – zwei fragile Orte. MacLeans vergleichende Studie wirkt auf den zweiten Blick gar nicht mehr so erzwungen, und sie zeigt Bilder, die man so noch selten gesehen hat. Der vielfach preisgekrönte Fotograf schliesst sein Buch versöhnlich ab, ein bisschen träumen wird man noch dürfen – mit rosa Flamingoschwärmen, die über der Lagune abheben. Den begleitenden Essay über die «beiden Aussenposten des Städtebaus» hat Wolfgang Kemp verfasst, Professor für Kunstgeschichte an der Uni Hamburg. Der Mangel an Wasser bedroht Las Vegas,der buchstäbliche Überfluss an Wasser bedroht Venedig. Autos statt Gondeln: die Rialtobrücke aus Venedig, nachgebaut in Las Vegas. Foto: Alex MacLean (Courtesy Schirmer/Mosel) Schwarzweissbilder erzählen ruhige Geschichten abseits der Touristenströme. Foto: Rainer Groothuis, Christoph Lohfert Alex MacLean Las Vegas – Venedig. Schirmer/Mosel, München 2011. 191 S., ca. 74 Fr. Rainer Groothuis, Christoph Lohfert Venedig. Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich.Edel, Hamburg 2011. 148 S., ca. 53 Fr.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch