Das günstige Zürcher Steuerparadies mit Seesicht

Die Gemeinden um den Zürichsee gehören zu den teuersten im Land. Mit einer Ausnahme.

Seesicht zu erschwinglichen Preisen: Oberrieden. (Archivbild: Patrick Gutenberg)

Seesicht zu erschwinglichen Preisen: Oberrieden. (Archivbild: Patrick Gutenberg)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Welch Hohn und Spott das linke Seeufer schon hat einstecken müssen. Etwa die Bezeichnung Pfnüselküste. Sie sollte den Eindruck erwecken, dass ihre Bewohner permanenter Erkältungsgefahr ausgesetzt sind, weil sie schon früh abends ein frostiges Dasein im Schatten der eigenen Hügelkette fristen. Oder Stahlküste, weil das Ufer lange Zeit durch abweisende Fassaden industrieller Betriebe gesäumt war. Während sich die Fabrikchefs an der gegenüberliegenden Goldküste mit Sonne und Cüpli in den Abend fläzten.

Heute gereicht es dem schmalen Küstenstreifen zwischen Kilchberg und Richterswil immerhin zur Silberküste. Die Bezeichnung ist im Grunde eine Untertreibung. Das linke Seeufer hat längst zur Goldküste aufgeschlossen. Der Mief vergangener Tage ist dem wirtschaftlichen Erfolg gewichen. Grossverdiener wie Glencore-Chef Ivan Glasenberg wohnen hier und geben mit ihren Steuermillionen der Aufwertung Auftrieb: Die Bodenpreise gehören mittlerweile zu den höchsten im Land, im Wettbewerb um die tiefsten Steuerfüsse mischen die Gemeinden des linken Seeufers munter mit. Rüschlikon belegt im Gemeinderanking der «Weltwoche» den ersten Platz – zum zweiten Mal in Folge.

3,5-Zimmer-Wohnungen für unter 1500 Franken

Im Rausch des Rankings erhöhen sich die Mietpreise für Wohnungen. Sie sind gewissermassen die Kehrseite des Erfolgs. Zumindest für Normalos, die sich eine Bleibe mit Seeblick leisten wollen. Die umfassende Mietpreiskarte des TA-Interaktiv-Teams dürfte sie kaum ermutigen. Sie zeigt: Rund ums Zürcher Seebecken leuchtet die Karte rot. Als Signalement für die Tabuzone. Wer nicht 3000 Franken für eine Zwei-Zimmer-Wohnung locker machen kann, probiert es erst gar nicht.

Eine Ausnahme bildet das unscheinbare Oberrieden. 5017 Einwohner, sieben Restaurants, zwei Zahnärzte, eine Apotheke und seit 2013 ohne Bauernhof. Das sagt die Statistik. Die Arbeitslosenquote liegt bei 2,1 Prozent, knapp 20 Prozent der Gemeinde sind Ausländer, 28,7 Prozent der Einwohner geben ihre Stimme der SVP. Soweit nichts Aussergewöhnliches in Oberrieden. Nicht mal das Ortsbild bringt Auffälliges hervor. Oberrieden fügt sich ins nahtlos ins Gesamtbild ein, baulich verwoben mit den bekannteren Nachbarsgemeinden Horgen und Thalwil.

Wer nun in Oberrieden eine 3,5-Zimmer-Wohnung für unter 1500 Franken sucht, hat erstaunlich gute Chancen: 54,4 Prozent der im letzten halben Jahr ausgeschriebenen Mietobjekte befinden sich innerhalb dieser Preisspanne. Immerhin 58 der 149 inserierten 4,5-Zimmer-Wohnungen kosten monatlich weniger als 2000 Franken. Solche preiswerten Angebot sind in keiner anderen Zürcher Seegemeinde erhältlich. Wer ähnliche Konditionen will, muss nach Schwamendingen oder an den äusseren Rand des Zürcher Oberlands umsiedeln.

Überraschter Gemeindeschreiber

Der Sonderfall Oberrieden erstaunt. Umso mehr, da der Steuerfuss bei tiefen 88 Prozent liegt, die Gemeinde verkehrstechnisch gut erschlossen ist (zwei Bahnhöfe!) und über die steilste Hanglage aller Seegemeinden verfügt. Letzteres ist entscheidend für eine gute Seesicht. Selbst der Gemeindeschreiber Thomas Dischl kann es kaum glauben: «Für mich ist das völlig überraschend». In der Vergangenheit sei vor allem im Hochpreissegment gebaut worden.

Ein Experte von Wüst & Partner, der Immobilienberatungsfirma, die für diese Zeitung die Daten erhob, hat eine mögliche Erklärung. Die Wohnungen seien verhältnismässig klein und das Dorf habe überdurchschnittlich viele Altbauten. Dischl bestätigt, dass es vor allem im älteren Dorfteil noch günstige Wohnungen mit alter Bausubstanz gibt. Der Gemeindeschreiber geht allerdings davon aus, dass die privaten Besitzer die alten Häuser in den nächsten Jahren laufend renovieren werden. Spätestens dann wird sich wohl auch Oberrieden dem hohen Preisniveau seiner Nachbarsgemeinden angleichen.

Überalterte Gemeinde

Dabei ist die Gemeinde auf die verhältnismässig günstigen Mieten angewiesen. «Wir haben ein Problem», sagt Gemeindeschreiber Dischl. «Die Gemeinde ist überaltert.» Gemäss dem statistischen Amt des Kantons Zürich hat sich der Anteil der über 80-Jährigen in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. In der gleichen Zeit ist die Zahl der unter 14-Jährigen zurückgegangen. Das hat Auswirkungen auf das Dorfleben: «Oberrieden ist friedlich, aber auch sehr schläfrig», sagt ein Bewohner, der seit fünf Jahren im Dorf wohnt.

Oberrieden will sich mit jungen Zuzügern auffrischen. «Damit wieder Leute mit Kindern zu uns kommen, wollen wir den preisgünstigen Wohnungsbau fördern.» Dazu soll die Zusammenarbeit mit Genossenschaften und Stiftungen verstärkt werden. Aktuell gibt es in Oberrieden fünf Genossenschaftssiedlungen, erbaut in den 60er-Jahren. «Der Ausbaustandard sei entsprechend eher tief», sagt Dischl. «Die Räume sind klein, die Küchen einfach.» Gut möglich, dass auch die Genossenschaften auf den durschnittlichen Mietpreis drücken.

Letztlich muss sich Oberrieden, wie andere Zürcher Seegemeinden, entscheiden: Möchte es eine lebendige Gemeinde mit jungen Familien sein oder schickt sich das Dorf ins Rennen um die besten Steuerzahler? Vor zwei Jahren erlitt Oberrieden einen finanziellen Rückschlag. Mehrere bedeutende Steuerzahler verliessen die Gemeinde, rund ein Fünftel des Ertrags brach weg. Mit Menschen des Mittelstands und Genossenschaftsbauten lässt sich das Finanzloch kaum stopfen. Noch können die Gewinneinbrüche durch die Reserven gedeckt werden.

Bauland ist knapp

Oberrieden will Leben und Reichtum, doch für beides ist kaum Platz. Das verfügbare Bauland ist auf 10 Hektare geschrumpft. Oben schneidet die Autobahn A3 der Gemeinde die Luft ab, während unten die Weitläufigkeit des Zürichsees eine natürliche Grenze bildet. Normalverdienern mit Wohnpräferenz Zürichsee sei empfohlen: Auf nach Oberrieden, jetzt oder nie.


Züri-Mythen im Faktencheck

Welche Behauptungen über Zürich stimmen? Wir haben nachgefragt.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2017, 08:05 Uhr

Artikel zum Thema

3240 Franken Mietpreis an der Haltestelle Paradeplatz

Kombiniere das Zürcher Tramnetz mit den Wohnungsmieten: Eine witzige Karte zeigt grosse Preisunterschiede für 3-Zimmer-Wohnungen. Mehr...

Hier ist Schluss mit Depot für die Mietwohnung

Viele Mieter ärgert es, wenn sie bei Wohnantritt tausende Franken Kaution hinterlegen müssen. Ein Player schafft das nun ab. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

History Reloaded Die willkommene Einmischung der USA

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...