Durchs Hotel geistern LSD-Hippies, Escort-Damen – und ein Gespenst

Das Hotel Meierhof in Horgen verabschiedet sich mit einem spektakulären Theaterstück in den Umbau. Die Premiere von «Grand Hotel Patina» am letzten Donnerstag war ausverkauft.

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Passanten beim Bahnhof Horgen blinzeln verwundert in die Höhe: Ist das dort oben tatsächlich ein Matrose, der sich aus einem Fenster des Hotels Meierhof lehnt? Spielt da eine Geige? Und warum steht eine Traube Menschen dichtgedrängt in der Lobby? Das Plakat am Eingang gibt Auskunft: Mit dem neuen Stück «Grand Hotel Patina» lädt das Theater jetzt zu einem letzten Gang durchs Hotel, bevor dieses für den grossen Umbau seine Pforten schliesst. Auf fünf Etagen werden Zimmer, Gänge und Treppen zur Bühne.

Zürich bei Horgen

«Aus Gwunder» kamen Werner und Martha Stuber aus Horgen an die Premiere. «Als Horgner hat man eine Beziehung zu diesem Haus», sagt sie. Er merkt trocken an: «Obwohl der alte Meierhof natürlich ungleich glanzvoller war als die Kiste, die man danach hinstellte.»

Bald schon grüsst der Matrose – Theaterleiter Oliver Kühn – mit einem «Schiff Ahoi!» das Publikum im Foyer. Er sinniert über das Hotel, das immer auch ein Schiff gewesen sei. Dann verteilt er die Gäste gruppenweise auf «Concierges». Sie führen zu scheinbar beliebigen Zimmern.

Drinnen finden sich jeweils Stühle und Mini-Bühnen. Das Publikum erlebt eine Escort-Dame in rotem Kleid, die raucht, trinkt und sich, auf einem Sofa lümmelnd, Gedanken macht zu ihrer Arbeit im Hotel. In einem anderen Zimmer sitzt ein deutsches Mädchen aus dem Mittelalter im Stroh und erzählt, wie ihr Vater ihr Ländereien in der Schweiz geschenkt habe und wie sie Horgen nicht wollte: «Das ist voll Moor und wilder Schweizer!» Im nächsten Zimmer ein Mann ohne Hose, der vor dem Spiegel seine Rede übt: So glanzvoll solle die Gemeinde mit dem neuen Haus werden, dass es bald heissen solle: «Zürich bei Horgen!»

LSD und Horrorfilm

Durch den Innenhof irrlichtert das Hotelgespenst in langer, zerfetzter Zottelkutte: Es schreit und faucht, es tobt und kreischt, während ein Hotelangestellter es vergebens zu bändigen sucht. Auch in den Gängen spielen sich skurrile Szenen ab: Der Concierge lotst das Publikum vorbei an einem tanzenden Hochzeitspaar mit leerem Blick, an einem alten Clown, an einem Hippiemädchen auf einem LSD-Trip. Zuweilen erhellt nur der Schein roter Grabkerzen die Gänge, und der Gast wähnt sich mitten in einem Horrorfilm, als da plötzlich zwei kleine Mädchen am Boden sitzen: Sie bemalen die Wände in unerträglicher Langsamkeit und starren den Besucher an.

Akteure toben sich aus

Zum grossen Finale treffen sich alle Gruppen im legendären fünften Stock des Hauses. Dort verrät der Matrose, wie das Haus zu seiner spektakulärsten Anekdote kam, als der Konzertflügel aus dem obersten Stockwerk fiel und auf den Gehsteig krachte. Dann singen und tanzen alle Schauspieler wild umher, während zwei Bauarbeiter auf einem Schlagzeug aus Eimern und Eisenstangen mit einem rhythmischen Feuerwerk die Stimmung anheizen bis zum finalen Paukenschlag. Auf diesen folgt – Tomatenrisotto. «Aus letzten Resten», wie der Matrose scherzend anfügt.

Die Besucher zeigen sich beeindruckt von der «überaus originellen Idee» des Theaterstücks, etwa Alexander Moll aus Adliswil. Er sei kein Theatergänger, zu eintönig sei ihm das klassische Theaterambiente. «Hier zieht sich die Spannung durchs ganze Stück; nie wusste ich, was mich erwartete.»

Für den «Matrosen» Oliver Kühn war es eine neue Erfahrung, ein ganzes Hotel als Bühne in Beschlag nehmen zu können. «Wir Schauspieler sind ja nichts als grosse Kinder, und das Meierhof ist für uns wie ein Spielplatz, auf dem wir uns austoben können», sagt der Theaterleiter. Dass die Hoteldirektion dies erlaube, sei grossartig, aber wundern tue es ihn dennoch: «Die lassen uns hier jeden Blödsinn machen.»

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom linken Seeufer gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an horgen@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2010, 20:54 Uhr

Info

Für die Matinee von Sonntag, 30. Mai, 11 Uhr und die Nocturne von Mittwoch, 9. Juni, 22 Uhr gibt es noch Billette. Mit der Carte blanche des «Tages-Anzeigers» für 35 statt 42 Franken. Reservationen unter Telefon 044 728 91 91.

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