Was gemalt werden konnte, malte er

Willi Albrecht aus Horgen feiert heute seinen 95. Geburtstag. Sein Wunsch: Noch einmal in der Villa Seerose auszustellen.

Malen und Fröhlichkeit sind für ihn bis heute Lebenselixier:  Der Horgener Maler Willi Albrecht wird 95 Jahre alt.

Malen und Fröhlichkeit sind für ihn bis heute Lebenselixier: Der Horgener Maler Willi Albrecht wird 95 Jahre alt. Bild: Sabine Rock

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Das kleine, lichtdurchflutete Atelier in Horgen ist voll mit Bildern. Sie hängen an den Wänden – sie stapeln sich am Boden; Bilder, wohin das Auge blickt. Eines zeigt das Glärnischmassiv, von Horgen aus betrachtet, ein weiteres das winterlich verschneite Hirzel. Auf einem Tisch liegen Pinsel und Tuben, auf einem anderen Hölzer und Steine, alle mit Flechten übersät, einem Lieblingsmotiv des Künstlers Willi Albrecht, der heute seinen 95. Geburtstag feiert. Der Horgner studiert die bunten Flechten jeweils eingehend mit der Lupe, bevor er sie in Öl auf Leinwand malt.

Seine letzte grosse Ausstellung präsentierte der Künstler vor zwei Jahren in Eglisau. Zum Geburtstag jedoch wünscht er sich, noch einmal in der Villa Seerose in Horgen ausstellen zu dürfen. Er hatte dort schon einige Male seine Bilder gezeigt, «und jedes Mal war die Atmosphäre einfach unbeschreiblich.»

Das Unscheinbare inspiriert

Den 95. Geburtstag erleben zu dürfen, bereitet ihm grosse Freude – und die Freude sei es auch, die ihn so weit gebracht habe. «Natürlich passieren im Leben auch tieftraurige Dinge, doch ich habe mich ihnen nie hingegeben», sagt er. «Man sollte sich der Fröhlichkeit verschreiben und sie zur Losung machen.»

Heute ist der gelernte Zeichner und Lithograf nicht mehr so oft im Atelier wie früher; er braucht länger, um ein Bild zu malen, die Zeitabstände zwischen zwei Werken werden grösser. Und doch: Er malt noch immer. Sein neustes Gemälde vollendete er nach mehreren Wochen Arbeit im letzten Frühling. Bei einem Spaziergang dem Horgner Seeufer entlang entdeckte er einige Blumen am Wegesrand. Einige streckten sich stolz und stark der Sonne entgegen, andere sahen «kümmerlich gequetscht» aus, wie Albrecht lachend erzählt. «Die Blumen wuchsen dort unscheinbar und wohl unbemerkt von den Menschen, die sie passierten.» Ihn inspirierte dies indes dermassen, dass er sofort nach Hause eilte, Schemel und Staffelei packte und, zurück am See, die Blumen zu malen begann.

Als Bub Pilze gemalt

Zeit seines Lebens faszinierte Albrecht die Natur: die Landschaft, Wälder und Wiesen, Tiere und Menschen. Manchmal malte er die eigenen Früchte aus dem Garten; Pfirsiche, Quitten oder Kirschen, manchmal die Hügel im Bezirk. «Aber eigentlich habe ich alles, was gemalt werden kann, auch gemalt.» Das begann, als der heute 95-Jährige ein kleiner Bub war. Sein Vater hatte ihn damals oft zum Pilzesammeln mitgenommen; er lehrte ihn, welche giftig waren, welche geniessbar. Der junge Albrecht staunte ob der Vielfalt der Formen und Farben der Pilze – und zeichnete sie alle.

«Kunst birgt per se eine Erhabenheit; ihr wohnt stets eine übernatürliche Schönheit inne, welche die Menschen zu berühren vermag», sagt der Horgner. Ein Lieblingsbild habe er darum nicht; er schaue ein jedes stets wieder gern von neuem an und erfreue sich des eigenen Schaffens. «Dann sage ich zu mir selber: Weitermalen musst du, Albrecht, immer weiter – du hast es in den Händen!» Besonders entzückt ihn, die Bilder bei seinen Käufern zu Hause hängen zu sehen. Findet er jedoch, sein Werk sei dort ungünstig inszeniert – an einer zu wenig prominenten Wand, in einer zu dunklen Ecke –, lässt er es sich nicht nehmen, dem Käufer zu raten, das Gemälde umzuhängen.

Traumatisches Erlebnis

Neben der Kunst war es vor allem der jahrelange Militärdienst, der Albrechts Leben prägte. Er erinnert sich lachend, dass er auch als Sanitätssoldat und Kartenzeichner nie mit dem Malen aufhörte. Einmal ergatterte er sogar einen privaten Auftrag eines hohen Offiziers, wie Albrecht mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme erzählt. Im Bundeshaus musste er sich zum Dienst melden, und dem Offizier war zu Ohren gekommen, dass Albrecht der begabteste der zwölf Kartenzeichner war. Und so engagierte er Albrecht prompt als Maler für seine bevorstehende Hochzeit in einem winzigen Berner Dorf.

Wie es der Zufall wollte übrigens, lernte Albrecht vor wenigen Monaten einen Wädenswiler kennen, der aus selbigem Dorf in Bern stammte. «Wie hat mich das gefreut!»

Beim für Untersuchungen gebracht

Im Militär erlebte Albrecht jedoch auch Grausiges, das ihn heute, 70 Jahre später, noch aufwühlt. Mit zitternder Stimme erzählt er, wie er damals, als junger Sanitätssoldat in einem Luzerner Spital einer Patientin eine Spritze hätte setzen sollen. Noch ungeübt und unbeholfen suchte er am Bein der Frau nach einer geeigneten Stelle für den Einstich, als er plötzlich seltsame Verfärbungen entdeckte. Er erschrak und löste sogleich Alarm aus; vier Ärzte kamen herbeigerannt und bestätigten Albrechts Verdacht: Wundbrand. Die tödliche Krankheit kam damals in der Schweiz kaum noch vor. Die Ärzte mussten unverzüglich handeln, weil sich die Wundbrandbakterien gefährlich schnell ausbreiteten.

Die junge Frau wurde sofort operiert; die Ärzte nahmen ihr das Bein ab, doch es war bereits zu spät. Sie starb Stunden nach dem Eingriff. Besonders bizarr sei gewesen, dass Albrecht das abgetrennte Bein daraufhin für Untersuchungen ins Labor bringen musste. Der 95-Jährige schüttelt den Kopf, noch immer fassungslos. «Sie war in meinem Alter damals, so jung und nett und schön.»

Sechs Enkel, zwei Urenkel

Dennoch erinnert sich Albrecht gerne an seine Militärzeit zurück. Und so wie ihn dieselbe prägte, so war auch die Kindheit seiner zwei Töchter und Söhne geprägt von der väterlichen Liebe zur Malerei. «Wir alle wuchsen mit Kunst auf», erzählt seine Tochter Doris Albrecht, die ebenfalls in Horgen wohnt. Sie erinnert sich, dass er auf jedem Spaziergang Zweige oder Nüsse gesammelt habe, die er dann im Atelier malte. Er habe den Kindern auch oft gezeigt, wie man etwa einen Ast zeichne. «Für uns war es faszinierend, zu erleben, wie dieser auf der weissen Leinwand langsam, Strich für Strich, entstand», erzählt sie.

Heute sind die Kinder erwachsen und haben selber welche: Inzwischen hat der Künstler neben sechs Enkeln gar zwei Urenkel. «In einer Woche kommen dann alle zusammen, und wir feiern meinen Vater gebührend», sagt Doris Albrecht und fügt lachend an: «Er freut sich schon sehr darauf: Trotz seines stolzen Alters feiert er die Feste noch immer, wie sie fallen.»

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Erstellt: 14.11.2010, 21:06 Uhr

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