Links und lustig

Bürgerliche schelten die Zürcher Linken «Spassbremsen». Dies verrät eine veraltete Vorstellung von Vergnügen.

Spass ist, wenn es chlöpft und tätscht – oder? Flugshow am Züri-Fäscht 2016. Foto: Doris Fanconi

Spass ist, wenn es chlöpft und tätscht – oder? Flugshow am Züri-Fäscht 2016. Foto: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Huldrych Zwingli hat unerwartete Erben bekommen: die Stadtzürcher Linken, nicht gerade bekannt für Bekenntnisse zu Gott.

Von ihren Gegnern, den Stadtzürcher Bürgerlichen, werden die Linken gerne zu «Spassbremsen» erklärt. Als Zürcher Ober-Spassbremse aber gilt Reformator Zwingli, der vor genau 500 Jahren in die Stadt kam (wobei viele Historiker dessen Lustfeindlichkeit bestreiten). Unter linksgrüner Herrschaft droht Zürich – so die bürgerliche Deutung – zurückzufallen in eine Art von Ökozwinglianismus.    

Anlass für solche Befürchtungen bietet der linksgrüne Widerstand gegen gewisse Vergnügungen: Formula E? Flugshows am Züri-Fäscht? Die Jubiläums-Seilbahn über den See? Alles Unsinn. Brauchen wir nicht, findet ein Grossteil der linksgrünen Gemeinderäte. Typisch Spassbremsen, heisst es jeweils von rechts.   

Die Zürcher Linken sind Spassbeschleuniger

Was man lustig findet, wird durch die Weltanschauung mitgeprägt. Zur bürgerlichen Vorstellung von Spass (das verrät die Spassbremsen-Schelte) gehört die Freude darüber, wenn es «chlöpft und tätscht», die Überwältigung durch Technik, das Jubeln in der Menge. Nennen wir es «Spektakel-Spass». Die Zürcher Linken amüsieren sich anders, an Quartierfesten zum Beispiel, vor Theaterbühnen oder in alternativen Clubs. Dabei geht es um Geselligkeit im überschaubaren Rahmen, um das Überwältigtsein durch Kunst, um den Kitzel der Nacht. Nennen wir es «Stil-Spass».

Jahrhundertelang wurde Zürich als streng und steif belächelt. Um sich zu amüsieren, fuhren die Zürcher in den Aargau. An Festtagen durfte weder getanzt noch ins Kino gegangen werden. Die Polizeistunde hielt das Feiern kurz. Erst vor rund 20 Jahren fielen die letzten grossen Spass-Einschränkungen. Widerstand kam aus christlichen Parteien und der SVP.

Seither weist das Zürcher Nachtleben Wachstumsraten aus wie das Silicon Valley. 1996 gab es 88 Nachtcafé-Bewilligungen, heute dürfen rund 600  Betriebe weit über Mitternacht offen haben. Auch die restliche Kultur boomt. Während dieses Nachtleben-Frühlings hatte Zürich immer eine links dominierte Regierung. Ohne offene, rotgrün getönte Stimmung würde die Stadt heute keine Party­touristen aus der ganzen Schweiz anlocken. Die Zürcher Linken, angeschubst durch die 80er-Bewegten, haben sich in den letzten 30 Jahren als Spassbeschleuniger betätigt.

Noch nie so viel Spass

Aber auch Spass ist nicht unendlich. Gut drei Viertel aller Zürcher Abstimmenden beschlossen 2008, Zürich zur 2000-Watt-Stadt machen, zu einer Stadt also, die nicht auf Kosten anderer lebt. Ein ehrgeiziges Ziel. Wollen es die Zürcher(innen) erreichen, müssen sie ihren Alltag anpassen, auf Dinge verzichten. Vor diesem Hintergrund wirken Projekte komisch, die sinnfrei Energie verschleudern. Logisch, dass linksgrüne Gemeinderäte weder Elektro-Auto-Rennen in der Stadt wollen noch Seilbahnen, die nach fünf Jahren wieder abgerissen werden. Spektakel-Spass und Ökologie passen nicht zusammen. Das Vergnügen am Verschwenden ist ein Vergnügen des 20.  Jahrhunderts.

Trotzdem zwingen die Linken Zürich nicht in einen 2000-Watt-Zwinglianismus. Im Gegenteil. Noch nie konnte man sich so gut amüsieren in der Stadt. Davon überzeugt jede Kulturagenda; jede Nacht an der Langstrasse. Und wenn der Bass mit Ökostrom wummert, wird das auch so bleiben. 

Erstellt: 13.01.2019, 21:54 Uhr

Artikel zum Thema

Züri-Fäscht: Umstrittene Shows und mehr Festplätze

Die Stadt unterstützt das Volksfest neu mit doppelt so viel Geld wie bis anhin. Mehr...

Politischer Widerstand gegen Seilbahn lässt die ZKB kalt

Trotz der Abfuhr aus dem Gemeinderat treibt die Bank die Planung der Gondelbahn über das Zürcher Seebecken voran. Auch der Stadtrat bleibt positiv. Mehr...

Formel E lässt Frauen in Saudiarabien rasen

Acht von elf Teams setzten beim Testtag in Diriyya auf Pilotinnen. Ausgerechnet dort, wo Frauen noch nicht lange am Steuer sitzen dürfen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

1000-Sterne-Hotel: unterwegs mit dem Zelt

Outdoorfeeling pur! Alena Stauffacher, begeisterte Bergsportlerin, erzählt von ihren Camping-Erfahrungen.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...