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Mao, Milliarden und Ingwersorbet

Die kleine Geschichte Wie es kam, dass Liliane Bettencourt einem Freund eine Milliarde Euro schenkte. In dieser Geschichte, die Frankreich seit einigen Monaten bewegt wie keine Affäre der letzten Jahre, der Geschichte um Milliarden und Macht und mutmasslichen Missbrauch, blieb eine Person bisher immer im Hintergrund – ausgerechnet sie: Liliane Bettencourt, die Hauptperson, Frankreichs reichste Frau, Erbin des Kosmetikimperiums L’Oréal, Privatvermögen: 17 Milliarden Euro. Ein Leben lang hatte sie die grosse Öffentlichkeit gemieden, hatte selten mit den Medien gesprochen und sich ungern fotografieren lassen. Die Franzosen haben nun einmal ein gespaltenes Verhältnis zum Reichtum ihrer Elite, kein sehr entspanntes. «Madame L’Oréal» trat dem breiten Misstrauen mit viel Diskretion entgegen. Nun aber, im Herbst ihres Lebens, mit 87 Jahren, ist plötzlich alles anders. Ihr Name steht jetzt jeden Tag in den Zeitungen, ohne dass sie das will. Es sind keine schönen Schlagzeilen. Und wenn viele davon auch noch mit nachgeschobenen Fragezeichen daherkommen, so scheinen sie doch das alte Misstrauen der Franzosen zu bestärken, ja, zu zementieren. Dass also da oben, in den hohen Sphären des Grosskapitalismus und der politischen Macht, die Fäden auf unlautere Weise zusammenlaufen. Zugunsten beider: der Reichen und der Politiker. Liliane Bettencourt fühlt sich missverstanden. Sie findet, das Volk habe ein verzerrtes Bild von ihr. Und so lud sie das Wochenmagazin «Paris Match» zu sich nach Hause ein, in die sagenumwobene Villa im Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine. Für eine exklusive Homestory, die sich über 18 Seiten hinzieht – mit Fotos in Gesellschaft der Hausangestellten, mit Familienbildern, mit einem sehr langen Interview über alles: über ihre vielen Begegnungen mit Mao («Er mochte mich sehr. Vielleicht zu sehr.»), ihr Faible für Ingwersorbet, ihre tägliche Routine mit Sport und Gästen («Ich liebe das Leben»). Eine journalistische Sensation, der «Paris Match» mit dem gebotenen Pathos Rechnung trägt. Die erste Begegnung mit der alten Dame beschreibt der Reporter so: «Ihre Frisur atmet, ihr Make-up ist ein Taumel.» Und in einem Wohnzimmer, das mit berühmten Gemälden ausstaffiert ist, ist es um ihn geschehen: «Allein ihre Präsenz stellt alle Meisterwerke in den Schatten.» Mit einiger Spannung (und präventivem Mitleid für die alte Dame) liest man ihre Ausführungen zu François-Marie Banier, ihrem langjährigen, um einige Jahrzehnte jüngeren Hausfreund. Banier hat die allgemeine Vorstellung davon, was ein Erbschleicher ist, in neue Dimensionen geführt. Eine Milliarde Euro hat der Fotograf und Lebemann der Kosmetik-Erbin abgenommen. Eine Milliarde Euro! Und bis vor kurzem stand er mit seinem Namen auch noch als Alleinerbe im Testament von Liliane Bettencourt. Der «Paris Match»-Reporter fragt: «Warum haben Sie Banier so viel Geld gegeben?» Darauf sie: «Weil er danach gefragt hat! Ich nehme an, dass das eine angeborene Veranlagung ist bei ihm! Das ist jemand, der immer mehr will.» Sie hätten viel miteinander gelacht. Wie Verrückte. Seine Dynamik, sein Talent hätten sie fasziniert. Doch wie fragte Banier wohl, wenn er wieder ein paar Millionen wollte? Aus der Entourage der reichen Frau erfuhr man schon, er habe sie zuweilen vor dem Personal beschimpft, sie unter Druck gesetzt, Kunstwerke aus der Villa gestohlen. Für Bettencourts Tochter Françoise nutzte er nur die «Schwäche» ihrer Mutter aus. Sie prozessiert gegen Banier. Ihre Mutter will sie unter Bevormundung stellen, sie hält sie für «fragil». Die beiden reden nicht mehr miteinander. «Finden Sie, ich sei gaga?», fragt die Milliardärin den Reporter von «Paris Match» zum Schluss. Noch so eine Schlagzeile mit Fragezeichen, in diesem Fall eine rein rhetorische. Man gönnt ihr den Triumph, im Heimspiel. Oliver Meiler, Marseille Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Liliane Bettencourt mit ihrem «Hausfreund» Banier (2004).

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