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Marchionnes Umbau von Fiat Italia spaltet die Gewerkschaften

Der Autobauer verordnet seiner Fabrik in Turin eine Rosskur. Investitionen für höhere Produktivität, lautet das Rezept. Nun stimmt die Belegschaft darüber ab.

Von René Lenzin, Mailand Seit gestern Abend stimmen die 5500 Fiat-Angestellten von Mirafiori bei Turin über die Zukunft ihrer Fabrik ab. Sie befinden über einen Arbeitsvertrag, der nur für dieses Werk gilt und teilweise den Bestimmungen für nationale Gesamtarbeitsverträge widerspricht. Als Gegenleistung hat Fiat Investitionen von gut 1 Milliarde Euro versprochen. In einem Joint Venture mit Chrysler will Fiat in Mirafiori ab Mitte 2012 jährlich 250 000 bis 280 000 Autos im oberen Preissegment produzieren – primär für den europäischen und nordamerikanischen Markt. Vorgesehen sind ein Geländewagen vom Typ Jeep und eine Limousine vom Typ Alfa Romeo. Die Investitionen fliessen aber nur, wenn die Belegschaft Ja sagt, wie Fiat-Chef Sergio Marchionne klargemacht hat. An der Detroiter Automesse drohte er an, das Werk bei einem Nein zu schliessen und die Produktion nach Serbien oder Nordamerika zu verlagern. Einschränkung des Streikrechts Die Abstimmung, die bis heute Abend dauert, sorgt für aufgeheizte Stimmung in Turin und in ganz Italien. Befürworter und Gegner des Vertrags werben seit Tagen bei jedem Schichtwechsel vor den Toren der Fabrik. An mehreren Orten gab es Anti-Marchionne-Sprayereien, auf denen der fünfeckige Stern abgebildet war – das Symbol der Linksterroristen der roten Brigaden. Die Fronten verlaufen wie im Werk Pomigliano bei Neapel, wo Fiat dieselbe Übung bereits im vergangenen Juni durchgespielt hat. Mit Ausnahme der Metallarbeitersektion der grössten Gewerkschaft CGIL haben alle grossen Verbände dem Vertrag zugestimmt. In Pomegliano ging es um Investitionen von 700 Millionen Euro und die Produktionsverlagerung des Modells Panda von Polen nach Italien. 63 Prozent der Belegschaft stimmten zu. Der Vertrag zielt auf eine höhere Produktivität und auf mehr Flexibilität an den Produktionslinien. Fiat soll den Arbeitsrhythmus der Auftragslage anpassen und mehr Überstunden ohne Konsultation der Gewerkschaften verordnen können. Vorgesehen sind kürzere Pausen sowie weniger Lohnersatz bei auffälligen Absenzenhäufungen vor oder nach Ferien und Feiertagen. Schliesslich sieht der Vertrag Sanktionen für Arbeiter vor, die gegen diese Bestimmungen streiken. Vier der fünf grossen Gewerkschaften haben den Vertrag unterschrieben. Sie vertreten 70 Prozent der gewerkschaftlich organisierten Belegschaft. Daher erwarten die meisten Beobachter ein Ja. Die Metallbauer von CGIL haben aber bereits angekündigt, ein zustimmendes Ergebnis nicht zu akzeptieren. Das Abkommen verstosse gegen die verfassungsmässigen Rechte und gegen landesweit gültige Gesamtarbeitsverträge. Deshalb wollen sie es vor Gericht anfechten. Und für Ende Monat haben sie einen achtstündigen Streik angekündigt. Die Auseinandersetzung in Mirafiori wird zur Zerreissprobe für den CGIL und den oppositionellen Partito Democratico. Sowohl die neue CGIL-Generalsekretärin Susanna Camusso als auch PD-Chef Pier Luigi Bersani kritisieren den Inhalt des Vertrags und Marchionnes Vorgehen. Gleichzeitig fordern sie die Basis auf, ein allfälliges Ja zu akzeptieren und zur Arbeit zurückzukehren. Italien verliert an Bedeutung Pomigliano und Mirafiori sind Etappen auf dem Umbau des Fiat-Konzerns. Zu Jahresbeginn hat Marchionne die Sparten Auto und Nutzfahrzeuge getrennt und separat an die Börse gebracht. Diese Woche hat Fiat seine Beteiligung an Chrysler von 20 auf 25 Prozent erhöht. Dafür floss kein Geld, sondern Technologie in Form eines in Amerika produzierten neuen Motors für den Fiat 500. Weitere je 5 Prozent erhält Fiat, wenn der Umsatz von Chrysler ausserhalb der nordamerikanischen Freihandelszone zunimmt und wenn Chrysler ein sparsames, auf Fiat-Technologie basierendes Auto auf den US-Markt bringt. Mindestens 40 Meilen mit 1 Gallone Treibstoff, lautet die Vorgabe. Das entspricht 6 Liter auf 100 Kilometer. Mit dem Einstieg bei Chrysler ist Fiat definitiv zum globalisierten Autokonzern geworden. Bereits 2009 war Fiats grösster Absatzmarkt nicht mehr Italien, sondern Brasilien. Als Produktionsstandort kann Italien nur noch mithalten, wenn die Produktivität gleich hoch wird wie in den Fiat-Werken in Polen oder Brasilien. Bei der Abstimmung in Mirafiori geht es daher nicht um die Zukunft von Fiat an sich, sondern um diejenige von Fiat Italia. Und weil die italienischen Werke zu klein sind, um mit den Produktionsanlagen der internationalen Konkurrenz mithalten zu können, dürfte der Umbauprozess auch nach einem Ja zum Abkommen von Mirafiori nicht abgeschlossen sein. Gegen ein «schändliches Abkommen» protestieren Arbeiter des Turiner Fiat-Werks Mirafiori.Foto: Massimo Pinca (AP)

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