Mehr Utoquai als Hollywood-Boulevard

Nadja Schildknecht und Karl Spoerri, Gründungs- und Direktoren-Duo des Zurich Film Festival, feierten am Samstag ihren Abschied – mit viel Lokalprominenz.

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Aus dem Nichts heraus starteten Nadja Schildknecht und Karl Spoerri 2005 das Zurich Film Festival (ZFF). Am Abschiedsabend der Co-Direktoren zeigte sich noch einmal, wozu sie «ihr Baby» (Schildknecht) seither geformt haben: zu einem Mischwesen zwischen Cüpli-Kommerz und Arthouse-Anspruch, zwischen Utoquai und Hollywood-Boulevard, das dieses Jahr mit einem Rekord von 117'000 Besuchern zu Ende gegangen ist.

Die grossen Namen – das machte der Moderator zu Beginn der Award-Night im vollen Opernhaus klar –, sie sind da gewesen: Kristen Stewart, Cate Blanchett, Javier Bardem, Donald Sutherland, Roland Emmerich. Sie alle haben während der letzten elf Tage Zürich besucht. Der Selfiestick verrät den Null-Promi

Auf dem grünen Teppich am Samstag blieben die Einheimischen hingegen mehrheitlich unter sich. Zu sehen waren etwa Beat Schlatter (mit einem Nichts-wie-weg-Gesichtsausdruck), Raquel Lehmann (eine Pirouette drehend) und Jürg Marquard (stoisch), Bastian Baker (nach Mikrofonen Ausschau haltend) oder Dominique Rinderknecht und Tamy Glauser (sich umarmend). Über den Teppich schritten auch viele feierlich gekleidete (Dresscode: Black Tie) Halb- bis Null-Prominente, die sich wegen mangelnden Medieninteresses selber fotografierten (auch mit Selfiestick). Nicht geladene Gäste zahlten für den Abend über 400 Franken.

Für erhöhte Blitzaktivität sorgten der Modemacher Tommy Hilfiger und der diesjährige Jurypräsident Oliver Stone, beides regelmässige Teilnehmer am ZFF. Nach ein paar schmeichelnden Worten zur «wonderful city» überliessen sie den Teppich wieder den Lokalen.

Starhauch weht durchs Opernhaus

Die Vergabe der ZFF-Preise folgte der repetitiven Dramaturgie, die Verleihungen eben haben: viele lobenden Worte, viele Danksagungen, viele Sponsorennennungen, noch mehr Applaus. Dabei wechselten sich Mundart, Hochdeutsch und Englisch bruchlos ab. Einzig der Rumäne Alexander Nanau, der mit «Colectiv» den Preis für den besten internationalen Dokumentarfilm erhielt, durchbrach das Schulterklopf-Ritual. In einer kurzen Kampfrede betonte er die Wichtigkeit, als Filmemacher gegen korrupte Regierungen zu kämpfen und Whistleblower zu unterstützen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer klatschten ebenso begeistert, wie sie es für die Showblocks von zwei Popsängern taten.

Gegen Ende wehte ein Starhauch durchs Opernhaus. Die australische Schauspielerin Cate Blanchett nahm den Golden Icon Award für ihr Lebenswerk persönlich entgegen. Nach ein paar Worten («Aus Niederlagen lernt man mehr als aus Erfolgen») verschwand sie wieder. Und man war zurück in Zürich. Genauer bei FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger, der Schildknecht und Spoerri mit einer Rede verabschiedete (auf Hochdeutsch). Die zwei hätten – ohne Subventionen, dafür mit viel Unternehmergeist und Hartnäckigkeit – ein beeindruckendes Festival geschaffen, dank dem sich Zürich international messen könne. «Wir sind stolz auf euch, ihr habt die Stadt elektrisiert.»

Schildknecht am Telefon: Panik beim Stadtrat

Leutenegger sagte auch, dass das Verhältnis zwischen ZFF und den Behörden teils «sehr angespannt» gewesen sei. Wenn Nadja Schildknecht sich an den Stadtrat wandte, habe dort jeweils Panik geherrscht, weil sie meistens mehr Quadratmeter vom begehrten Sechseläutenplatz forderte. Dabei habe sich Schildknecht fast immer durchgesetzt.

Die zwei Bejubelten, die ihre Direktorenposten an den Filmjournalisten Christian Jungen und Geschäftsführerin Christina Hanke abgeben und dafür einen Platz im Verwaltungsrat des Festivals einnnehmen, erinnerten in ihren letzten Worten (auf Englisch) an die bescheidenen Anfänge. Reihenweise hätten sie Stars eingeladen. Keiner wollte nach Zürich. Bis 2007 das erste Ja aus Hollywood kam, von Oliver Stone. Sie sei gleich nach L.A. geflogen, erzählte Schildknecht. «Wenn man sich einmal getroffen hat, fällt es schwerer, wieder abzusagen.» Beide betonten, dass das Festival ihr Berufs- und Privatleben verändert habe. Noch einmal Applaus.

Nach knapp drei Stunden folgte der Abspann. Nebenan, vor dem Bernhard-Theater, hatte sich bereits eine lange Schlange gebildet. Trotz Kälte und Regen reihten sich die Zürcherinnen ein für die After-Party. Wer weiss, vielleicht würde ja Cate Blanchett dort sein.

(bat)


Tauber Drummer, wildes Mädchen: Die Siegerfilme «Sound of Metal»: US-Regisseur Darius Marder erzählt von einem Schlagzeuger, der praktisch taub wird. Foto: Zurich Film Festival

Es war wohl das erste Mal, dass es Oliver Stone allen recht machen wollte: Rund die Hälfte der Beiträge im Spielfilmwettbewerb erhielt unter seinem Juryvorsitz einen Preis oder eine lobende Erwähnung. Das Goldene Auge (25000 Franken) ging an «Sound of Metal». US-Regisseur Darius Marder erzählt darin von einem Schlagzeuger, der nach einem Hörsturz praktisch taub wird. Die künstlerische Krise wird vor allem übers Sounddesign vermittelt, wir sehen aber auch das Porträt eines lebensfrohen jungen Mannes, der schmerzhafte Erkenntnisse über seine Zukunft gewinnt – nicht zuletzt wegen eines Heims, wo er gehörlosen Kriegsveteranen begegnet.

«Systemsprenger» ist die Oscar-Eingabe Deutschlands.

Zweifellos herausragende Werke wurden am 15. ZFF ausgezeichnet, ein allzu scharfer Spürsinn war dafür nicht nötig. Bei «Systemsprenger» von Nora Fingscheidt (Goldenes Auge im deutschsprachigen Wettbewerb, ebenfalls dotiert mit 25000 Franken) handelt es sich um die Oscar-Eingabe Deutschlands. Fraglos ein wuchtiges Drama, in dem ein schwer erziehbares Mädchen von einer Institution zur nächsten gereicht wird. Man hätte sich aber schon fragen können, wieso überall ein Film beklatscht wird, der seine emotionale Wirkung auf dem ästhetischen Niveau eines Fernsehspiels herbeizwingt. Völlig verdient der Dokumentarfilmpreis (20000 Franken) für Alexander Nanaus «Colectiv», ein detektivisches Protokoll über die Günstlingswirtschaft im rumänischen Gesundheitssystem – unfassbar und packend.

Dass gerade der Schweizer Dokumentarfilm «Volunteer» den Publikumspreis gewann, ist auch ein Sieg des sozialen Engagements: Die Regisseure Anna Thommen («Neuland») und Lorenz Nufer berichten anhand des Flüchtlingselends auf der griechischen Insel Lesbos (wo es erst kürzlich wieder brannte) von freiwilligen Helfern aus der Schweiz. Als prominenteste Figur taucht da der Berner Entertainer Michael Grossenbacher auf, der vor Ort mit anpackt, im Bundeshaus weibelt und ganz pragmatisch seine Helferrolle überdenkt, wenn Essen, Trinken und Holz einfach nicht reichen: «Wir können nicht alle aufnehmen. Wir können aber auch nicht niemanden aufnehmen.» (blu/zas)


«Systemsprenger» läuft derzeit im Kino.

Erstellt: 06.10.2019, 16:40 Uhr

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