Früher Grafikerin, heute Puffmutter in Schlieren

Mona führt den Club Eden am Rande Zürichs. Über die Arbeit im Zürcher Rotlicht-Business und wie sie zu diesem Job kam.

«Ich bin die letzte, die das Schiff verlässt», sagt Mona über ihren Job mit «meinen Mädchen und Buben». Video: Stadt-Mensch.ch

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Club Eden in Schlieren, zweiter Stock, die Küche. An der Wand hängt ein Arbeitsplan, sieben Frauen sind im Haus, das Gespräch mit Mona läuft. Ja, sagt sie auf die Frage, ob sie Single sei: «Mit mir will keiner zusammen sein. Wenn einer käme und sagen würde, er habe eine Puffmutter zur Freundin – was würde seine Familie sagen?»

Mona verwendet das Wort Puffmutter mit Stolz. Als Zürcherin sage sie halt einfach so. «Es kommt sowieso immer darauf an, wie man ein Wort braucht und wie man es ausspricht.»

«Ich möchte, dass der Gast ein schönes Erlebnis hat.» Mona führt ein Bordell in Schlieren. Foto: Doris Fanconi

Ihr Handy klingelt, was es öfters tut. Mona nimmt ab: «Ja, hoi, da ist die Mona vom Eden. Tiffany? Moment, ich gehe schauen, ob sie frei ist.»

Eine Stunde zuvor, zwei Uhr nachmittags im Hinterhof der Zürcherstrasse 33 in Schlieren, das knallblaue Haus mit den knallroten Läden ist nicht zu übersehen. Mona kommt genau rechtzeitig, ist aber etwas atemlos, sie hat den Hund dabei, und der hat sie aufgehalten. Momo ist eine kleine braune Knuddelkreatur. Er habe, erzählt Mona, vermutlich dauernd Schmerzen. Er habe einen Rückenwirbel zu viel.

Die Mädchen müssen nicht dort schlafen, wo sie arbeiten

Mona ist 60, die Haare sind schwarz und zur Fransenfrisur mit einzelnen längeren Strähnen arrangiert, sie schaut ihrem Gegenüber in die Augen, spricht präzis und offen. Ihr Bordell: Das sind drei Stockwerke, die sie gemietet hat. Die Post aus dem Briefkasten noch in Händen, geht sie voraus in den dritten Stock. Eine Aufschrift: «privat». «Hier wohnen die Mädchen.»

«Die Mädchen können bei mir auch auf die Terrasse», sagt Mona. «Und sie müssen nicht dort schlafen, wo sie arbeiten.» Die Räume sind hell und sauber, es riecht ein bisschen nach Waschmittel, die Assoziation ist «WG». Bloss etwas passt nicht ins Bild: die Schliessfächer. «Es gibt halt leider ab und zu Mädchen, die klauen.»

Peter geht ins Dschungelzimmer

Abstieg in den zweiten und den ersten Stock, im Treppenhaus hängen Erotikposter. Mona zeigt die Zimmer, die frei sind. Im Zimmer «Aladin und die Wunderlampe» steht eine orientalische Lampe, durchbrochenes Messing. Mona hat sie in der Türkei gekauft. Im «Rosenzimmer» liegt ein runder Rosenblütenteppich. Auch der Dschungelraum ist gerade frei. Ein Vogelkäfig steht da.

Welche Art Gast benutzt das Dschungelzimmer? «Also der Dschungelpeter geht immer in den Dschungel», sagt Mona. Darum trage er den Übernamen.

Alles geschmackvoll eingerichtet, mit Liebe fürs Detail und Farbsinn. Unvulgär. Das hat sicher mit Monas angestammtem Beruf zu tun. In Zürich aufgewachsen, machte sie eine Schriftsetzerlehre, wurde Grafikerin, arbeitete viele Jahre lang bei Zeitungen und Zeitschriften und Verlagen, in der Presse, aber auch in der Buchbranche.

Das Wort Kunde ist verpönt

Kurze Unterbrechung, Karina betritt die Küche, eine füllige Tschechin mit Kindergesicht, die an diesem Tag Mona als Empfangsdame vertritt.

Karina sass zuvor schon in der Lounge, als Mona durch das Etablissement führte. In der Lounge, wo es eine Bartheke gibt, warten die Frauen oder «Mädchen», wie sie Mona nennt, in erotischer Wäsche auf Gäste. Das Wort Kunde ist im Eden verpönt.

Karina trägt Spitzenwäsche und hochhackige Schuhe. Am linken Oberschenkel hat sie einen grossen blauen Fleck. «Du, war das ein Gast?», fragt Mona. Karina zeigt auf die in den Raum ragende Tür des Geschirrspülers und sagt: «War Maschine.»

Das eigene Grafikatelier wurde zum Albtraum

Als Grafiker machten sich Mona und ihr damaliger Lebenspartner, der eine ähnliche Ausbildung hatte, irgendwann selbstständig. Lange lief das Grafikatelier gut, man hatte fast zu viel Arbeit. Und dann kam ums Jahr 2000 die Zeit, als die Branche massiv zu sparen begann. Das Paar verlor Auftrag um Auftrag.

«Es war ein Albtraum», sagt Mona. Wenn man in Zürich die Frage «Habt ihr Arbeit für uns?» stelle, sei das wie eine ansteckende Krankheit. «Man meidet dich erst recht.» Sie und ihr Lebenspartner seien damals in eine schwere Depression gestürzt. Den folgenden Satz meint sie ernst: «Wir liessen am Hallwylplatz die Läden herunter und überlegten, wie wir uns umbringen könnten.»

«Banken geben für ein Puff kein Geld»

Monas Partner begann eine Taxiausbildung und lernte einen Drucker kennen, der einen Sexführer herausgab. Das war der «Neuanfang», so Mona. Das Paar stieg ins Sexgewerbe ein, kaufte einen Club in Zürich, verstrickte sich aber in einen Rechtsstreit, die Anwaltskosten waren hoch. Dann zügelte der Club Eden vor neun Jahren nach Schlieren. Mona und ihr Partner mussten neues Geld aufnehmen. Das sei nicht einfach gewesen: «Banken geben für ein Puff kein Geld.»

Alina kommt in die Küche, Mona muss ihr Geld wechseln. Gleich darauf die Rumänin Yasmin, sie hat eine Frage. Yasmin ist auffallend schön. Gewiss mögen die Männer sie besonders. Mona relativiert: «Modelfigur ist nur gefragt, wenn das Mädchen charmant ist und Ausstrahlung hat. Magere Mädchen verdienen nicht gut. Wichtig sind die fraulichen Kurven, Busen, Füdli. Weniger wichtig ist das Alter.»

Zu viel Schönheit kann einschüchtern. Ins gleiche Kapitel gehe, dass das Spiegelzimmer im Eden bei weitem nicht das beliebteste sei. «Viele Männer wollen sich nicht selber sehen.»

Qualitätskontrolle

An der Küchenwand hängen acht kleine Digitaluhren. Zwei laufen. Mona erklärt, wie das Geschäft funktioniert: Der Gast klingelt unten an der Haustür. Mona begrüsst ihn und fragt: «Lounge oder diskret ins Zimmer?»

Junge Männer in der Gruppe gehen gern in die Lounge. Dort trinken sie etwas, gratis, und schauen sich die Frauen an. Andere Gäste wollen lieber direkt ins Zimmer. Mona schickt ihre Mädchen vorbei. Sie stellen sich vor. Der Gast entscheidet sich. Er sagt, wie lange. Dann bezahlt er. Mona schreibt den Preis auf. Der Gast duscht, das Mädchen auch.

Tiffany, lächelndes Gesicht, braun gebrannt, schaut in die Küche. Mona fragt, wie es war. «War guter Mann», sagt Tiffany. Mona geht zum Gast und fragt nach. Es gebe Mädchen in diesem Geschäft, die gäben sich keine Mühe, seien schnippisch oder mürrisch. Das gehe natürlich nicht. Wenn eine schlecht arbeitet, sagt es Mona ihr. Wenn es noch einmal vorkommt, muss sie gehen. «Ich möchte, dass der Gast ein schönes Erlebnis hat», sagt Mona. Sie spricht von «Liebe auf Zeit».

Viele Gäste wollten nur 20 Minuten

Es gebe anderseits immer wieder mal grobe Gäste. «Solche, die das Mädchen an den Haaren ziehen oder beissen.» Solche Männer stellt Mona zur Rede. Oder es gibt Hausverbot.

Jedes Mal, wenn eine Frau neu anfängt, kreuzt Mona auf einem Formular an, was diese macht. Und was nicht. Handmassage, üblicher Geschlechtsverkehr, oral, anal und so weiter werden angekreuzt oder nicht. 300 Franken kostet grundsätzlich die Stunde. Aber das sei «Luxus», viele Gäste wollten nur 20 Minuten zu 100 Franken. Die Digitaluhr in der Küche misst die Zeit.

Tiffany hat gerade keinen Gast. Sie sitzt mit angewinkelten Beinen auf dem Bett eines freien Zimmers, vor sich ein aufgeschlagenes Schreibheft. «Ich mache Abitur.» Mona sagt, sie fördere das Lesen und Lernen, «wir haben auch eine kleine Bibliothek».

Viele Frauen führen ein Doppelleben

Viele ihrer Frauen führen ein Doppelleben. Die Familie im Osten weiss nicht, was die Tochter oder Schwester in der Schweiz macht. Sie denkt zum Beispiel: Sie ist Serviererin. Manche Mädchen hätten eine Missbrauchsgeschichte, sagt Mona. Oft klagten sie ihr Leid, und sie höre zu. «Meine Mädchen sollen Herz zeigen», sagt Mona. Und: «Ich schule sie.» Was aber, wenn eine Mühe mit einem Gast hat? «Jeder Mensch hat etwas Schönes an sich. Die Augen vielleicht, die Ohren, die Haare, die Haut, die Hände oder auch seine Ausstrahlung.» Prinzipiell sei es wie im Service: «Nettigkeit zählt. Der Ton, der Umgang.»

Heute kommen Monas Frauen zum Grossteil aus den EU-Ländern im Osten. Mona findet sie auf spezialisierten Portalen, andere werden ihr von Frauen empfohlen, die im Eden arbeiteten. Die Frauen dürfen 90 Tage pro Jahr in der Schweiz arbeiten. Meist bleiben sie ein bis zwei Wochen im Eden, übrigens dem einzigen Bordell in Schlieren, und ziehen dann weiter.

«Der Job ist hart»

Manche kommen im nächsten Jahr wieder. Karina ist bereits das vierte Jahr im Eden. Anderthalb Jahre hat sie pausiert und ein Kind geboren. «Nach zwei Wochen mögen sie nicht mehr. Manchmal auch schon nach einer Woche. Der Job ist hart. Das Warten ebenso wie das Bedienen», sagt Mona. «Wenn man ein paar Männer hintereinander bedient, turnt man ganz schön herum.»

Wenn eine Frau mehr als 250 Franken am Tag verdient, werden 50 Franken Sozialabgaben fällig. Es sei aber beileibe nicht so, dass alle täglich die 250 Franken erreichten. «Wenn eine einen Tag lang nur wartet und kein Gast sie will, setzt ihr das zu.» Welchen Anteil sie vom jeweiligen Honorar nimmt, will Mona nicht verraten. Das Geschäft laufe nicht besonders, sagt sie, Wirtschaftskrise halt. Sie und ihr Ex-Partner, der ihr Geschäftspartner geblieben ist, gäben rund 6000 Franken pro Monat für Werbung aus. Dazu kommen das Material, die Getränke, die Wäsche. Im Eden läuft die Waschmaschine fast permanent.

Sie komme mit dem Betrieb gerade heraus

Schlecht sind im Business laut Mona zwei Monate. Der Februar, wegen der Sportferien und der Fasnacht und weil die Steuerrechnung sich ankündigt. Und der September, wenn die Leute aus den Ferien zurück sind. Man komme mit dem Betrieb gerade heraus. Heuer habe sie sich eine Woche günstige Ferien in der Türkei und ein paar schöne Kleider geleistet: «Ich lebe bescheiden.»

Für die Arbeit kleidet sie sich jeweils um: hochhackige Schuhe, ein schwarzes Kleid. Dazu Schminke und Schmuck. Ihre früheren Freundinnen und Freunde habe sie praktisch alle verloren, als sie das Bordell übernahm. Einmal kam sie beim Coiffeur zur Tür herein, und alle tuschelten. Sie sagte: «Hey, ich bin keine andere als früher.»

Mit dem Taxi vom Altersheim

Der Club öffnet um elf Uhr vormittags. Er schliesst nachts um eins. Mona ist immer die Letzte, die geht. Als sie und ihr Partner das Bordell eröffneten, sei das zwar eine «Chance zum Überleben» gewesen, «aber es war nicht einfach, damit umzugehen». Heute sieht Mona ihre Arbeit als «ganz wichtig» an, sie sei stolz darauf. Die Arbeit sei zwar verfemt, aber nötig: «Es gibt Männer, die kommen mit dem Taxi vom Altersheim. Dort hört dir keiner zu, dort streichelt dich keiner.»

Mit manchen Gästen, sagt Mona, ergäben sich interessante Gespräche. Manchmal sei das, was sie biete, eine Art Lebenshilfe. «Ich musste tief untendurch, habe vieles verloren. Heute kommt es mir vor wie ein Glück. Mein Bordell ist ein verkanntes Kulturgut, da bin ich sicher.» Drei Zimmer sind besetzt, während sie das sagt. Drei Frauen arbeiten. Drei Digitaluhren laufen.

Erstellt: 03.10.2016, 06:08 Uhr

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