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«Mein Pferd ist von Natur aus faul»

Veronika Münger startet in Gossau als Favoritin zur SM im Distanzritt. Während ihr Pferd eher schlechte Voraussetzungen mitbringt, greift sie zu den richtigen Motivationstricks: Zureden und Äpfel.

Die Aufgabenstellung am Samstag beim nationalen Championat klingt eintönig: ein 130 Kilometer langer Ritt über verlassene Felder. Was geht Ihnen während des achtstündigen Wettkampfs durch den Kopf?

Die Gefahr ist, dass man viel Zeit zum Nachdenken hat. Die Kunst aber besteht darin, mit den Gedanken nicht zu weit abzuschweife. Ich muss konzentriert, fokussiert und wachsam bleiben. Höchste Aufmerksamkeit verlangt die Bodenbeschaffenheit. Grossen Steinen muss man ausweichen.

Wo bleiben die Gedanken hängen, wenn sie doch mal abgleiten?

Meistens an Kleinigkeiten. Was mich im Alltag gerade beschäftigt.

Ein Marathonläufer rennt nach etwa 35 Kilometern gegen die berühmte «Wand». Wann kommt es bei Ihnen zu dieser unliebsamen Begegnung?

Körperlich stosse ich nicht an Grenzen. Aber ich kenne die mentalen Einbrüche. In der Regel stelle ich mir bei der Marke zwischen Kilometer 100 und 120 die Sinnfrage. Wenn sich das Pferd aber nach wie vor einer guten physischen Verfassung erfreut, ist diese Krise schnell überwunden. Zudem helfen das Betreuerteam und das Ziel, das zu diesem Zeitpunkt schon sehr nah ist.

Und wie geht ein Pferd mit den Strapazen um?

Unterschiedlich. Vieles ist von den Einflüssen der Umwelt abhängig. Mein Pferd, der 13-jährige Shagya-Araber Jannik, bevorzugt kühlere Temperaturen. Er ist gross, muskulös und hat eine ideale Konstitution. Doch er ist von Natur aus sehr faul. Es gibt Pferde, die rennen für ihr Leben gerne, das sind richtige Bewegungsfanatiker. Jannik jedoch gehört nicht zu der lauffreudigen Sorte, er hält sich lieber in der Herde auf der Weide auf.

Wie machen Sie ihm denn einen Ausritt von 130 Kilometer Länge schmackhaft?

Am besten ist er mit Futter zu ködern. Jannik frisst während eines Wettkampfs so viel wie nie im ganzen Jahr. Bei den obligatorischen Pausen nach jeweils rund einem Streckenviertel gibt es Kraftfutter und Gras zur Stärkung. Dazwischen wird er mit Äpfeln oder Rüebli bei Laune gehalten. Motivierend wirken nicht nur die Leckereien, sondern auch die Betreuer, die ihn damit verwöhnen. Wenn immer möglich versuchen wir in einer Gruppe Unterschlupf zu finden, da fühlt er sich in guter Gesellschaft.

Wie halten Sie es mit Streicheleinheiten? Dosiert oder grosszügig?

Er braucht reichlich Zuwendung. Vieles passiert über die Stimme. Solange es uns beiden gutgeht, fällt die Kommunikation spärlich aus, um die Konzentration nicht zu beeinträchtigen. Doch wenn ein zusätzlicher Ansporn nötig ist, versuche ich, ihm gut zuzureden. Wenn Jannik dann das Ziel erreicht hat, darf er sich zwei Monate lang erholen.

Unterwegs müssen vier Tierarzt-Kontrollen bestanden werden. Dabei gibt es verschiedene Parameter, wie Gang, Kreislauf und Stoffwechsel, die die Fitness und Gesundheit der Tiere auf die Probe stellen. Kann es dabei zu Konflikten kommen - zwischen sportlichem Ehrgeiz und Vernunft?

Diesen Zwiespalt kann es geben. Aber der Reiter muss in jedem Fall seine eigenen Ambitionen unterdrücken. Denn das Wohl des Pferdes steht über allem, das ist das Credo unseres Sports. Um richtig reagieren zu können, bedarf es Fingerspitzengefühl und Erfahrung. So muss differenziert werden zwischen Erschöpfung des Tiers oder purer Lustlosigkeit.

Gossau ist für Sie bekanntes Terrain. Sagt Ihnen die SM-Strecke zu?

Ich erinnere mich an viele schöne Erlebnisse, eine perfekte Organisation und gute Markierungen. Das Gelände ist nicht zu hügelig und ermöglicht einen flüssigen Ritt. Wichtig ist auch immer wieder, dass man auf das Verständnis der Fussgänger zählen darf. Es ist hilfreich, wenn sie uns Platz machen. Denn jeder Wechsel vom Galopp in den Trab kostet viel Kraft.

Die Disziplin Endurance steht innerhalb des Pferdesports im Abseits - auch im Olympiaprogramm. Gibt es verstärkte Anstrengungen?

Über eine Aufnahme ins olympische Programm wurde schon diskutiert, das Thema ist aber wieder vom Tisch. Einerseits wird uns die Zuschauerattraktivität abgesprochen, was keine Sponsoren auf den Plan ruft. Anderseits investieren Scheiche aus Dubai reichlich Geld in unseren Sport. So gehört für mich die Teilnahme an einem prestigeträchtigen Wettkampf in der Wüste zum Traum.

Sie müssen hoch zu Ross enorm viel Ausdauer beweisen. Wann haben Sie im Alltag gar keine Geduld?

Eigentlich bin ich generell ungeduldig. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, muss dies unmittelbar funktionieren. Dabei zeigt mir der Distanzsport explizit das Gegenteil auf: Man muss viel investieren und unermüdlich arbeiten, um ans Ziel zu gelangen.

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