Messie-Eltern zügeln wegen Unordnung in ein Zelt

Essensreste, Zigarettenkippen, Scherben: Das Zürcher Obergericht hat ein Elternpaar wegen Verletzung der Erziehungspflicht verurteilt.

Vor dem eigenen Müll geflüchtet: Im Kanton Zürich zog eine Familie aus ihrer Wohnung in ein Partyzelt. (Archiv)

Vor dem eigenen Müll geflüchtet: Im Kanton Zürich zog eine Familie aus ihrer Wohnung in ein Partyzelt. (Archiv) Bild: Gaetan Bally/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In ihrer Wohnung sind so viele Essensreste, Zigarettenkippen und zerbrochene Gegenstände gelegen, dass sie am Ende lieber in einem Partyzelt im Garten lebten: Die Eltern von Zwillingen sind am Montag wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht vom Zürcher Obergericht zu bedingten Geldstrafen verurteilt worden.

Der Vorsitzende Richter fand bei der Begründung des Urteilsspruchs deutliche Worte: Er sprach von einer unglaublichen Sauerei, von widerlichen Verhältnissen. Nur mit Glück sei den Kindern nichts passiert. Und der Referent sagte: Es mache ihn traurig, ja hässig, dass Kinder in einer solchen Umgebung aufwachsen müssten. Dabei wäre den Eltern eine besonders grosse Verantwortung zugekommen, wie der Staatsanwalt in seiner Anklageschrift geschrieben hatte: Die Zwillinge waren als Frühgeburten geschwächt und in besonderem Mass unterstützungsbedürftig.

Brot neben kaputter Leuchtstoffröhre

Der Familienhaushalt war verwahrlost, hiess es in der Anklage. So sei etwa das Badezimmer nicht mehr zu gebrauchen gewesen. «Überall fanden sich angebrochene Lebensmittel, leere Verpackungen, volle Aschenbecher und Unrat.» Die Kinder, damals ein, zwei Jahre alt, hätten ohne Weiteres an verdorbene Lebensmittel oder giftige Zigarettenstummel gelangen können.

Auch im Vorraum des Obergeschosses vor dem Kinderzimmer lagerte gemäss Anklageschrift unter anderem «auf dem Fussboden ein angebissenes Brot unmittelbar neben einer zerborstenen Leuchtstoffröhre». Das Haus war derart zugemüllt, dass «ein dauerhafter Aufenthalt im Innern des Gebäudes auch für die Eltern nur schwer erträglich war». Das Familienleben hat sich nach draussen in ein Partyzelt verlagert.

Eltern machen Überforderung geltend

Im Haus hätten ihre Kinder keine Möglichkeit gehabt, normal zu spielen, räumte die 36-jährige Mutter vor dem Zürcher Obergericht ein. In diesem Haushalt hätten die Zwillinge keine normalen Entwicklungsmöglichkeiten gehabt, sagte der Vater. Wie der 41-Jährige ausführte, haben zwar seine Eltern Hilfe angeboten. Aber er habe diese nicht angenommen, weil er sich geschämt habe.

Als «Riesenkatastrophe» bezeichnete die Mutter die damalige Situation. Sie habe alles alleine machen müssen. Sie sei rotiert und rotiert, bis ihr alles zu viel geworden sei. Sie hätten in ihrer Wohngemeinde, einer Zürcher Landgemeinde, auch keine professionelle Hilfe erhalten – es sei nur mit der Kesb, der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde, gedroht worden.

Eltern: «Jetzt steht Hilfe bereit»

Beide hoffen nun, dass sie ihre fremdplatzierten Kinder, die sie seit bald zwei Jahren nur hin und wieder für Tagesausflüge sehen, bald zurückerhalten. Dass sie erneut in eine Überforderungssituation geraten, glauben beide nicht. «Von den damaligen Problematiken ist nichts mehr da», sagte die Mutter.

Es stünden ihr heute sowohl die Familie als auch Mitglieder externer Fachstellen – etwa Familienbetreuerinnen – bei, sagte sie. Und ihr Partner meinte: Sie würden beobachtet, und Hilfe sei da – es könne nicht mehr so werden wie damals.

Das zuständige Bezirksgericht hatte im Mai 2017 die Mutter wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht zu einer bedingten Geldstrafe von 150 Tagessätzen (à 20 Franken) verurteilt, den Vater zu einer solchen von 100 Tagessätzen (à 80 Franken). Die Eltern hätten dieses erstinstanzliche Urteil vollumfänglich akzeptiert. Doch dem Staatsanwalt war es zu milde ausgefallen – vor Obergericht forderte er deshalb erneut bedingte Freiheitsstrafen von 11 und 7 Monaten.

Obergericht verdoppelt Strafe

Von der Verhängung einer Freiheitsstrafe sah das Obergericht am Montag ab. Es erhöhte jedoch die Zahl der Tagessätze der Geldstrafe deutlich; bei der Mutter von 150 auf 300, beim Vater von 100 auf 240.

Die Oberrichter forderten die beiden auf, ihre Überforderung anzuerkennen: «Sie können sich nicht zurücklehnen und darauf warten, dass andere ihre Probleme lösen – holen sie sich Hilfe, tragen sie etwas bei!» Dabei müssten die beiden auch akzeptieren, dass eine Behörde mal etwas sage, das sie nicht hören wollten. (chi/sda)

Erstellt: 12.02.2018, 22:51 Uhr

Artikel zum Thema

Ex-Gefängnis-Pfarrer hat Amtsgeheimnis verletzt

Der Einzelrichter hat einen 80-jährigen Gefängnisseelsorger verurteilt. Er hat der Kantonspolizei Zürich Akten über einen ehemaligen Häftling ausgehändigt. Mehr...

Frau schneidet Nachbarin das Baby aus dem Bauch

Eine 38-jährige Amerikanerin wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie hatte ihrer hochschwangeren Nachbarin das Baby aus dem Bauch geschnitten und sie dabei getötet. Mehr...

15-Jährige muss 40 Jahre in Psychiatrie

Video Morgan G. wollte zusammen mit einer Freundin eine Klassenkameradin umbringen. Jetzt ist das Urteil gefallen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Genuss und Freude schenken

Schenken Sie Ihren Freunden Hochgenuss in Form eines FINE TO DINE Gutscheins für über 130 Schweizer Restaurants.

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangel

Geldblog Warum auch Arbeitslose AHV-pflichtig sind

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...