«Mir lief es eiskalt den Rücken runter»

«Projekt Parking Zürich»: Ralf Turtschi hat bis jetzt 46 Parkhäuser und Tiefgaragen fotografiert. Nur einmal wurde es für ihn ungemütlich.

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Parkhäuser sind für die meisten Menschen keine Wohlfühloasen. Es sind Gebäude ohne Charakter, gebaut für Autofahrer. Der Fotograf Rolf Turtschi hat sich vorgenommen, diese Unorte Zürichs mit der Kamera zu dokumentieren. Das Ziel seines Projekts: Die Unorte des Untergrunds an die Oberfläche zu bringen.

Tiefgaragen und Parkhäuser haben kein gutes Image: Viele sind eng, dunkel und schmuddelig. Kein Problem für Sie?
Nein. Das Parkhaus ist für mich etwas, das ich benutze. Ich fahre mit meinem Auto rein, schliesse den Wagen ab und löse mein Ticket. Klar ist es ein Ort, an dem man sich nicht gerne länger aufhält als nötig …

… ausser man wählt Tiefgaragen und Parkhäuser als Sujets für ein Fotoprojekt wie Sie. Was fasziniert Sie an diesen Bauten im Untergrund?
Ich finde es spannend, mit welch grossem Formenreichtum die Grossgaragen aufwarten. Nehmen wir als Beispiel die Architektur, die mit Farbe, Gestaltung und Signalen agiert. Als Schriftsetzer und Grafikdesigner habe ich seit je eine Vorliebe für Strukturen, für Ziffern, Buchstaben, Farben und Zeichen. Genau solche finde ich in Parkhäusern.

Beispielsweise?
Das Urania, dort gibt es knallrote Zahlen für die Stockwerke, perspektivisch in die Länge gezogen über Wand und Boden. Erst aus der Distanz werden sie leserlich wie ein Willkommensgruss. Im noblen Hotel Hyatt hingegen sind die Beschriftungen in der Garage so dilettantisch, dass man meint, man befinde sich in einem Drittweltland. Solche Gegensätze ziehen mich an.

Wie weit sind Sie mit dem «Fotoprojekt Parking Zürich»?
Ich habe in den letzten zwei Jahren über 3500 Fotos gemacht und war bis jetzt in 46 Parkhäusern in der Stadt Zürich. Die meisten habe ich besucht, wenn sie fast leer standen.

Sie nennen Tiefgaragen und Parkhäuser die Unorte Zürichs. Hatten Sie beim Fotografieren auch einmal Angst?
Es lief mir tatsächlich einmal eiskalt den Rücken herunter. Es geschah im Parkhaus der Uni Irchel. Auf dem Parkdeck kam leise, beklemmende Musik aus den Lautsprechern wie in einem «Tatort»-Krimi, kurz bevor der Mord passiert. Das war gruselig. Ich schaute mich überall um, ob irgendwer da ist. Niemand weit und breit. Die Musik hat mich in diesem Fall nicht beruhigt, sondern das Gegenteil ausgelöst.

Was haben Sie im Untergrund noch erlebt?
Wenn ich durch die Parkhäuser und Garagen streife, beobachte ich allerlei Kurioses. Öfter sehe ich in letzter Zeit Autos mit Verbrennungsmotoren auf Plätzen, die für Elektrofahrzeuge reserviert sind, oder Maseratis auf Frauenparkplätzen. Oder im Parkhaus der ETH Zürich sind einzelne Plätze gesperrt, weil Wasser von der Decke tropft und kleine Stalaktiten und Stalagmiten bildet.

Schönheit schliesst für Sie auch den Zerfall mit ein?
Ja. Der Zahn der Zeit nagt überall an Böden, Wänden und Säulen. Zeichen, Pfeile und Ziffern, die sich verändern, oder Ölflecken am Boden, die kunstvolle Muster bilden. Für mich sind das Zeugen, die eine stumme Geschichte erzählen.

Von welchem Zürcher Parkhaus haben Sie die meisten Fotos gemacht?
Von jenem der ETH. Das hat sehr viel mit Harald Naegeli zu tun, der Ende der Siebzigerjahre als «Sprayer von Zürich» weltweit bekannt wurde. Im Parkhaus der ETH gibt es seine Kunstwerke auf zwei Stockwerken zu bewundern, quasi eine Naegeli-Dauerausstellung.

Was hat Sie an dieser Tiefgarage noch fasziniert?
Es gibt dort einen Veloparkplatz, der mit «Präsident ETH» angeschrieben ist. Wahrscheinlich fuhr er früher mit dem Velo ins Institut. Und heute, gleich vis-à-vis, stehen auf dem Platz «Direktion ETH» in Reih und Glied die Porsches und Teslas der heutigen Zeit. Parkhäuser sind für mich immer auch Spiegelbilder des Zeitgeists.

Wie geht es mit dem «Projekt Parking Zürich» weiter?
Ich besuche noch acht Parkhäuser, dann ist das Fotoprojekt zu Ende. Ich hoffe, es gelingt mir, die Unorte Zürichs an die Oberfläche zu bringen. Schön wäre, es gäbe daraus am Schluss ein Buch, aber das ist noch Zukunftsmusik.

www.agenturtschi.jimdo.com

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2017, 14:52 Uhr

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Ralf Turtschi

Der Schriftsetzer, Publizist und Fotograf hat mehrere Fachbücher und zahlreiche Artikel veröffentlicht. Er lebt in Thalwil und ist selbstständig.

(Bild: ZVG)

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