Zum Hauptinhalt springen

Mode zwischen Märchen und Modernität

Nina Eglis Leben nahm viele Wendungen, bis sie wurde, was sie ist: eine international erfolgreiche Schmuck- und Modedesignerin.

Von Sarah Rüegger Zürich &endash Den Mund hat sie tiefrot geschminkt &endash ihr Markenzeichen. Sie steht in der Küche und macht Kaffee, nicht mit einer Nespresso-Maschine, sondern mit einem senfgelben Filtertrichter, den sie geduldig auf die beiden Tassen setzt, bis der letzte Tropfen Kaffee durchgesickert ist. Dann versinkt sie in der weichen, braunen Samtcouch, die Sonnenstrahlen, die durch die grossen Fenster dringen, tränken den Raum mit Licht. Zwei vollgestopfte Kleiderstangen stehen an der Wand, daran hängen Kleider aus einer anderen Zeit. Nina Egli erzählt von New York, ihrem zweiten Zuhause. Laut und hektisch sei es da im Gegensatz zu ihrem Zürcher Studio. «Zuerst fand ich die Ruhe richtig unheimlich.» Mittlerweile aber schätze sie das. «Auch dass es so weit ab vom Schuss ist.» Weit ab vom Schuss heisst Endstation Rehalp &endash eigentlich ist das schon Zollikon. «Ich verbringe etwa das halbe Jahr hier», sagt Egli. Abseits von Bars und Clubs widmet sie sich ganz der Arbeit als Schmuck- und Modedesignerin &endash das 1-Zimmer-Studio ist ihr dabei Arbeits- und Schlafplatz zugleich. Das restliche Jahr über lebt Egli in New York. Weil die Geschäfte auch über den Atlantik hinweg weiterlaufen, muss sie ihren Rhythmus jeweils anpassen. In Zürich arbeitet sie wegen der unterschiedlichen Zeitzonen bis tief in die Nacht &endash in New York steht sie früh auf. Nur so kann sie etwa mit den Produktionsstätten in Kontakt bleiben. Hang zum Geschichtenerzählen Seit neun Jahren lebt die 34-Jährige nun in Big Apple. Damals, kurz nach 9/11, hatte sie gerade das Gymi und ein paar Jahre an der Steinerschule hinter sich, als es sie von Zürich aus in die wirklich grosse Stadt zog. Eigentlich behütet und ländlich in Uetikon am See gross geworden, inspirierte die Liebe sie zu dem radikalen Schnitt. Ihr damaliger Freund, ein Balletttänzer, hatte gerade ein Stipendium für ein Tanzstudium in Los Angeles erhalten. «Das wollte ich auch», sagt Egli. Doch sie folgte nicht dem Mann, der alles ins Rollen gebracht hatte, nach Kalifornien, sondern wurde an einem renommierten College in New York angenommen. Dort studierte sie Literatur, Tanz, Film, «alles, womit ich Geschichten erzählen konnte». Dann machte ihr ein Bekannter ein unerwartetes Angebot. Er wollte sie und keine andere für die Hauptrolle in seinem neuen Film engagieren. «Ich hatte gar keine Schauspielerfahrung», sagt Egli. Einen Monat lang wurde gedreht, danach war für Egli klar: «Ich will Schauspielerin werden.» Die berühmte Lee-Strassberg-Schauspielschule sollte ihre nächste Station sein. Dann kamen die Sorgen mit dem Geld. «Ich wollte unbedingt kellnern, um etwas zu verdienen», sagt Egli und verzieht die roten Lippen zu einem amüsierten Lachen. Doch die Zeiten waren andere, nach den Anschlägen auf das World Trade Center stellte niemand Ausländer bei sich an. «Nirgends.» Ein Label mit der Mutter Ihr Erfindungsreichtum sollte es richten. Egli begann zusammen mit einem Freund Schmuck herzustellen &endash ironische, damals fast subversive Stücke entstanden, etwa Armbänder mit Pistolenanhänger. Verkauft wurde auf der Strasse. Bis die beiden von der Polizei angesprochen wurden &endash ohne Bewilligung liess sich auch so kein Geld verdienen. Sie packten den Schmuck zusammen und gingen auf Verkaufstour in den New Yorker Jewellery-Shops. «Die kauften unsere Sachen auf und bestellten gleich mehr» &endash ein weiterer Wendepunkt in Eglis Leben und die Geburtsstunde der Schmucklinie Toujours Toi. Diese lief so gut, dass sich Egli, die mittlerweile allein entwarf, für «den solideren Beruf» entschied und die Schauspielerei sausen liess. «Dadurch, dass ich &endash im Gegensatz zur Schauspielerei &endash nie davon geträumt habe, Designerin zu werden, sehe ich vieles pragmatischer, das ist ein Vorteil.» Dann, vor drei Jahren, ein weiterer Wendepunkt: Egli beginnt, mit ihrer Mutter Kleider unter dem Label Toujours Toi/Family Affairs herzustellen. Die Mutter, Kaya Egli, ist ebenfalls Modedesignerin und versorgte im London der 70er-Jahre die hippe Kundschaft mit ihren Massanfertigungen. Für das Design sind Mutter und Tochter gleichermassen zuständig. Kaya Egli betreut in Zürich vor allem die technischen Fragen und fertigt die Schnittmuster, die Tochter bestimmt von New York aus die Stimmung der Kollektionen, die Farben und Stoffe, kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit, die Produktion und «hält den Kopf für das Label hin». Mit der eigenen Mutter zu arbeiten, das sei natürlich etwas anderes, «wir sind ehrlicher und direkter miteinander». Die Finanzen stets im Nacken Family Affairs startete mit einigen wenigen, nostalgisch verträumten Kleidungsstücken. Auch heute sind die Kollektionen vom Umfang her überschaubar. In den beiden ersten Saisons liessen die Egli-Frauen in Indien produzieren, mittlerweile werden ihre Kleider der Einfachheit halber in New York hergestellt. Das kostet. «Kleider zu machen, ist finanziell viel aufwendiger als Schmuck», sagt Nina Egli. Man müsse sich für jede Kollektion verschulden. Sie schlägt die mit überlangen Wimpern ausgestatteten Augenlider nieder. Ja, das Geld sitze ihr immer im Nacken, wie allen jungen Designern. Trotzdem, Egli macht weiter, besucht Modemessen während der wichtigen Fashion-Weeks in New York, Paris und London. Das Ziel sei es, zu wachsen, noch besser zu verkaufen, «damit ich irgendwann nicht mehr alles selbst machen muss». Ein Schritt dazu ist auch die Präsentation der neuen Frühlings- und Sommerkollektion heute Abend an den Zürich-Fashion-Days. Die Kollektion, bei Egli stets maritim angehaucht und verspielt, ist zum Tragen gemacht. Prägnant sind die Motive, die sie von alten Druckvorlagen übernommen und auf Baumwolle und Seide drucken liess.Inspirieren lässt sich Egli durch Filme, Kunst, Stimmungen. «Und durch meine Freundinnen, die Leute auf der Strasse.» So schweben die Kleider von Family Affairs stets zwischen zwei Welten, zwischen Märchen und Modernität. Charles Vögele Fashion Week, «Swiss Designer’s Choice», heute Abend 18 Uhr Pop-up-Shop im Laden Waldraud,Josefstrasse 142, 12. bis 19. November. Nostalgisch verträumt: Nina Egli trägt ein Kleid der aktuellen Kollektion. Foto: Doris Fanconi

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch