Zum Hauptinhalt springen

Motzen – aber auf eine freundliche Art

Als sie begann, hatte sie nichts als eine gute Idee. Heute steht Debora Gerber kurz vor dem ersten grossen Auftritt mit einem Beschwerdechor.

Die Idee des Beschwerdechors stammt von den finnischen Künstlern Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen. Der erste Beschwerdechor trat im Jahr 2005 zum ersten Mal in der englischen Stadt Birmingham auf. Seither erfreut sich das Konzept wachsender Popularität, jedes Jahr werden überall auf der Welt zahlreiche neue Beschwerdechöre gegründet. Die Grundidee ist, dass aus den Sorgen und Nöten – eben den Beschwerden – der Chormitglieder ein Lied komponiert wird, welches anschliessend öffentlich dargeboten wird. Debora Gerber kam auf die Idee eines Beschwerdechores für behinderte Menschen, als sie selber in einem Beschwerdechor in Zürich sang. Dort lernte sie auch Sibylle Aeberli kennen. Im Zuge des Projektes «Beschwerdechor» gründete Gerber zusammen mit Nora Lechmann und Marion Fleisch den Verein Rührwerk, welcher als Plattform für zukünftige Projekte mit Menschen mit Beeinträchtigung dienen soll. Diesen Sonntag, 8. August, tritt der Beschwerdechor erstmals auf. Er singt um 16.30 Uhr an der Zürcher Seepromenade und um circa 18.30 Uhr dann auf dem Areal der Roten Fabrik in Wollishofen. (reh) www.verein-ruehrwerk.ch Von Res Hinterberger Thalwil – Debora Gerber ist nervös. Kein Wunder. Vor wenigen Monaten gründete sie mit zwei Kolleginnen einen Chor. Und in wenigen Wochen wird dieser Chor im Stade de Suisse in Bern vor Hunderten von Zuschauern singen. Bis dahin muss noch geprobt werden. Gerber eilt die Treppe des Gemeinschaftszentrums Tezet in Oerlikon hoch. Die schwarze Holzkugelkette baumelt um den Hals der Thalwilerin. Am Ende der Treppe angekommen, öffnet sie die Türe zum Probenraum, wo sie jeweils am Donnerstag mit ihrem knapp 30-köpfigen Chor singt. Sie begrüsst die Chorleiterin, Sibylle Aeberli von der Band Schtärneföifi. Aeberli hat das gut fünfminütige Stück des Chores komponiert – mit den Beschwerden der Sängerinnen und Sängern, die Gerber und ihre Kolleginnen vom Verein Rührwerk, Nora Lechmann und Marion Fleisch, eingesammelt hatten. Der Chor, ein Beschwerdechor, besingt kleine und grosse Beschwerden des Alltags. Im Refrain heisst es: «Lönd öis nöd gschpüüre, dass mir andersch sind / händ ihr s Gfühl, dass ihr besser sind? / Redet mit öis, nöd über öis.» Der Chor besteht hauptsächlich aus Menschen mit kognitiver Behinderung aus Institutionen aus dem ganzen Kanton Zürich. Sänger aus der Reserve locken Gerber ist nicht nervös, weil sie Angst hat, vor so vielen Leuten zu singen. Sie befürchtet auch nicht, dass der Auftritt schief gehen wird. Sie hat einfach Angst, dass die Chormitglieder zu nervös sein werden und den Auftritt nicht geniessen können. Wenn sie darüber spricht, gestikuliert sie mehr als sonst. Ihre kräftigen, von ihrer Schreinerlehre etwas rauen Hände fahren immer wieder in die Höhe. Die zurückhaltend geschminkten Augen sehen ihr Gegenüber dann etwas sorgenvoller an. Debora Gerber liegt viel an ihrem Projekt. «Die Idee eines Beschwerdechores ist, dass negative Erfahrungen und Eindrücke gesammelt, gebündelt und in einer schöneren Form an die Gesellschaft zurückgegeben werden», sagt Gerber. Gerade Menschen mit einer Beeinträchtigung hätten diese Möglichkeit sonst nicht, da sie kaum je mit der Gesellschaft in Interaktion treten. «Sie haben diese Möglichkeit nicht, weil die Gesellschaft kaum etwas von ihnen erwartet.» Als Gerber und ihre Kolleginnen die Beschwerden einsammelten, mussten sie die zukünftigen Chormitglieder richtiggehend aus der Reserve locken. «Sie waren sich gar nicht gewöhnt, dass sie sich selber Gedanken machen und diese äussern konnten.» Als sie dann das fertige Lied und den Refrain zum ersten Mal sah, weinte sie beinahe. «‹Redet mit öis, nöd über öis› – genau darum geht es doch.» Finanzierung ist gesichert Gerber studiert soziokulturelle Animation an der Hochschule Luzern. Daneben arbeitet die 27-Jährige drei Tage pro Woche im Tezet und schiebt Nachtwache im Humanitas-Wohnhaus in Rüschlikon. Seit sie Anfang Jahr zusammen mit zwei Kolleginnen auch noch beschloss, den Beschwerdechor (und den dazugehörenden Verein Rührwerk) zu gründen, macht sie nicht mehr viel, ausser arbeiten. Allein in den Beschwerdechor investierte sie gut zweihundert Arbeitsstunden – obwohl sie keinen Rappen Startkapital hatte. «Als wir begannen, den Chor zusammenzustellen und das Stück zu komponieren, hatten wir noch keinen einzigen Sponsor.» Mittlerweile hat Gerber genug Zusagen, um ihr ganzes Budget zu decken. Diese Wertschätzung für ihr Projekt freut sie sehr. «Das gibt uns die Bestätigung, dass wir etwas Sinnvolles tun.» Debora Gerber (mit roter Jacke) und ihr Beschwerdenchor. Foto: Patrick Gutenberg Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch