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Nackte Schaufensterpuppen und dicke Mäntel

Wie viel Intimes und welche Geheimnisse verrät Google Street View über die Goldküste? Eine Spurensuche zwischen Herrliberg und Zollikon.

Wer sich im Internet mithilfe der Street-View-Anwendung von Google durch die Seegemeinden navigiert, erlebt einen beschaulichen Frühlingstag an der Goldküste: In Erlenbach schlendern zwei Frauen in dicken Wintermänteln am Café Brändle vorbei - ein Anblick, der am gestrigen Sommertag mit Temperaturen über 30 Grad bei jedem Betrachter Hitzewallungen auslöste. Hitzige Diskussion gab es auch, als Google am Montag seine neuste Internetanwendung präsentierte. Für Reisende mag die dreidimensionale Ansicht bei der Routenplanung praktisch sein, Datenschützer dagegen sorgen sich um die Privatsphäre. Und die Polizei befürchtet, dass die Street View dank der 360-Grad-Ansicht ganzer Quartiere ein beliebtes Planungsinstrument von Einbrechern werden könnte. Wie viel Intimes geben die Bilder von der Goldküste tatsächlich preis? Auf den ersten Blick wenig Problematisches: Die Bäume oberhalb Herrliberg sind zwar auf den Fotos kahl und erlauben einen besseren Blick auf die Villenviertel als in anderen Jahreszeiten. Doch Google dringt nicht bis hinter die grossen Mauern in den Wohnquartieren. Das Bollwerk rund um das Anwesen von Christoph Blocher am Wängirain verwehrt zum Beispiel neugierige Blicke ins Wohnzimmer des Alt-Bundesrats. Allerdings verraten die Bilder, wie lang die Leiter sein müsste, um das Hindernis zu überklettern - und genau solche Informationen könnten bei vielen Hausbesitzern ein mulmiges Gefühl hinterlassen. Muslimin mit Schleier gepixelt Zu Problemen mit dem Datenschutz kann es bei Google Street View also durchaus kommen: Zwar ist auf den Bildern nicht gerade zu erkennen, welchen Pin-Code Bankkunden beim Automaten eintippen. Vereinzelt lassen die Aufnahmen aber Rückschlüsse auf Personen zu. In der Küsnachter Poststrasse erkennt man zum Beispiel deutlich die Autonummer eines blauen BMW X3. Der Besitzer des Wagens könnte deswegen bei Google intervenieren. Denn das Internetunternehmen hat versprochen, Autonummern und Gesichter mit einer speziellen Software unkenntlich zu machen. Doch diese funktioniert nicht einwandfrei. Mal verdeckt die Software zu wenig, mal treibt sie dafür den Datenschutz ins Absurde: So kann man auf dem Schild vor der Küsnachter Sonne nur noch mit Mühe die vertrauliche Botschaft entziffern, dass das Restaurant im März eine Cordon-bleu-Woche durchgeführt hat. Und eine Muslimin, die ihr Gesicht ohnehin schon hinter einem Schleier verbirgt, wird zusätzlich gepixelt. Freundlicher Passant grüsst Google Fast ebenso sittlich geht es vor dem Mode Keller in Küsnacht zu und her: Vor dem Schaufenster ist nämlich niemand zu erkennen, der sich an den nackten Schaufensterpuppen ergötzt. Vielleicht waren die Passanten aber einfach auf der Hut, weil sie das Google-Fahrzeug durch die Gegend fahren sahen? Unbemerkt blieben die Aufnahmen nämlich nicht, wie ein Bild vor dem Zolliker Schwimmbad Fohrbach zeigt: Dort hebt ein Passant zum Gruss die Hand und formt mit seinen Fingern das Peace-Zeichen. Wer sich ebenfalls in einer solchen Pose von Google verewigen lassen will, hat übrigens noch immer die Gelegenheit dazu: Denn zwischen Meilen und Hombrechtikon hat Google erst die Seestrasse, nicht aber die übrigen Ortsteile erfasst. Nasenbohren auf offener Strasse ist darum am oberen Zürichsee in nächster Zeit nicht zu empfehlen. Haben Sie sich auf einer Aufnahme von Google Street View erkannt, wie Sie durch die Strassen im Bezirk Meilen schlendern? Dann schicken Sie ein Mail an staefa@tages-anzeiger.ch.

Google zeigt eine sittliche Goldküste. Nackte gibts nur im Schaufenster.

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