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Neuzuzügern erklären, wie die Schweiz tickt«Schweizer sind grundsätzlich freundlich»

Integration beginnt mit Information. Daher lädt die Stadt Dietikon Neuzuzüger, die direkt aus dem Ausland kommen, zu einem Gespräch ein, das sich um die gegenseitigen Erwartungen dreht.

Verhaltensregeln Von Helene Arnet Dietikon &endash Die schwangere Frau aus Marokko lächelt schüchtern. Sie versteht nicht viel von dem, was Priska Alldis ihr erzählt. Doch ihr Mann, der schon länger in der Schweiz lebt, übersetzt: «Pünktlichkeit ist wichtig in der Schweiz.» Oder: «Wir bezahlen für den Abfall.» Priska Alldis ist Dietikons Integrationsbeauftragte. Sie lädt Neuzuzügerinnen und Neuzuzüger, die direkt aus dem Ausland kommen, zu einem Gespräch über Dietikon ein. «Das ist keine Vorladung, sondern eine Einladung», sagt Alldis. Ihr Brief wurde auch so verstanden: «Ich habe mich darüber gefreut», sagt der ebenfalls aus Marokko stammende Mann. «Ich sagte zu meiner Frau: Kaum bist du da, hast du schon eine Einladung bekommen.» Dietikon wächst: Pro Monat verzeichnet die Stadt im Limmattal rund 100 ausländische Zuzügerinnen und Zuzüger. Ein Drittel kommt direkt aus dem Ausland nach Dietikon. Diesen Teil spricht Priska Alldis im Rahmen des Integrationsprojektes «Stadt Dietikon im Gespräch» an. «Wir wollen von den Ausländern erfahren, was sie in ihrer ganz individuellen Situation brauchen, um sich zu integrieren. Aber wir machen auch klar, was Dietikon von ihnen erwartet.» Priska Alldis spricht direkt zu der jungen Frau, zeigt ihr in einem von ihr selbst zusammengestellten Dossier Bilder von Dietikons Wochenmarkt oder Familienzentrum, erklärt, wie der öffentliche Verkehr funktioniert, verweist auf Juniorenkarte und Sprachkurse mit Kinderbetreuung. Der Ehemann übersetzt, die Frau lächelt und nickt. Sie scheint noch nicht ganz angekommen zu sein. Zum Einstieg ins Gespräch hat Alldis gesagt: «Sie müssen ihren Platz in Dietikon finden. Aber Dietikon muss auch Platz für Sie machen.» Für ein Obligatorium gerüstet «Stadt Dietikon im Gespräch» ist eines jener Pilotprojekte, welche die kantonale Fachstelle für Integrationsfragen ausgewählt hat und die von Bund und Kanton mit 50 000 Franken unterstützt werden. Das Projekt ist bis Ende 2012 befristet, wird laufend evaluiert und, wenn nötig, angepasst. Wenn es sich bewährt, wird es Bestandteil des kantonalen Integrationsprogramms, das die Fachstelle im Auftrag des Bundes erstellt und ab 2014 umsetzen soll. Das Dietiker Projekt ist dabei gut aufgestellt. Julia Morais, die Leiterin der Fachstelle für Integrationsfragen, sagt: «Es ist eine perfekte Kombination von Willkommens-Kultur und konkreten Informationen.» Auch sei es sehr gut möglich, dass der Bund demnächst individuelle Erstbefragungen von Migrantinnen und Migranten zur Pflicht erkläre. Wo ist der nächste Sandstrand? Die ersten Erfahrungen in Dietikon sind vielversprechend. Seit August hat Alldis rund 90 Personen unverbindlich zum Gespräch eingeladen, 70 sind gekommen. Ihre Anliegen sind sehr unterschiedlich: «Bei Familien steht oft das Schulsystem im Vordergrund.» Dort betont Alldis, dass die Elternmitwirkung verpflichtend ist. «Viele Eltern sind verblüfft zu hören, dass die Teilnahme am Elternabend obligatorisch ist.» Einer Frau aus Sri Lanka musste sie genau erklären, wie Abfall recycelt wird, einem brasilianischen Ehepaar erklärte sie, was der Sinn einer Hausratsversicherung ist. Manchmal erlebt sie berührende Momente: «Wenn eine Frau vor Freude darüber weint, dass sie ihre Kinder nachziehen konnte.» Oder überraschende: «Manche Ausländer beklagen sich, dass es in der Klasse ihres Kindes zu wenig Schweizer habe.» Oder lustige: «Wenn ein Skandinavier nach dem nächsten Sandstrand fragt.» Wer neu zuzieht, bekommt ohnehin viel Papier. Daher sei das persönliche Gespräch wirkungsvoller, um erste Fragen zu klären, ist Alldis überzeugt. Sie bietet sich auch für spätere Fragen als Gesprächs- und Auskunftsperson an. Und auch sie verteilt Broschüren und Handzettel mit wichtigen Adressen. Diese sind in verschiedensten Sprachen vorhanden. Alldis macht zurzeit ein Master-Studium in transkultureller Kommunikation: «Viele Konflikte zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen gründen in Missverständnissen.» Und so mündet ihr Gespräch auch in einen eigentlichen Knigge zum Umgang mit Schweizerinnen und Schweizern: Die in der Regel die Schuhe nicht im Korridor stehen lassen. Die keinen Abfall auf den Boden werfen. Die pünktlich sind. Alldis wertet dabei nicht. Sie wirkt auch nicht schulmeisterlich. Und als sie darauf hinweist, dass um 22 Uhr Nachtruhe herrsche, sagt der Mann fast entschuldigend: «Wir reklamieren trotzdem nicht, wenn unsere Nachbarn nach 22 Uhr noch Lärm machen.» Von Helene Arnet Wem die Schweiz spanisch vorkommt, dem seien zwei Websites ans Herz gelegt. Jene des Vereins Web for Migrants (www.migraweb.ch) enthält in sechzehn Sprachen unzählige Informationen und Links zum Leben in der Schweiz. Es handelt sich um ein Selbsthilfeprojekt von Migrantinnen und Migranten. Zuweilen mit leichtem Augenzwinkern informiert die Website www.neu-in-zuerich.ch der kantonalen Fachstelle für Integrationsförderung über das Leben in Zürich. Einige dieser Informationen sind auch für Einheimische aufschlussreich, wie folgende Ausschnitte zeigen: Schweizer, Teil 1: Schweizer sind grundsätzlich freundlich. «Bitte», «Danke», «könnte ich vielleicht» sind enorm wichtige Begriffe. Wir sind aber auch etwas zurückhaltend. Fragen Sie jemanden nach dem Weg, gibt er oder sie meist freundlich Antwort. Aber steht man nur fragend da, machen Schweizer selten den ersten Schritt. Schweizer, Teil 2: Es dauert oft lange, bis man Schweizerinnen und Schweizer besser kennen lernt. Dafür nehmen wir Freundschaften ziemlich ernst, wenn sie einmal entstanden sind. Am besten ist es, Sie tasten sich vorsichtig an neue Leute heran und fallen nicht gleich mit der Tür ins Haus. Nachbar, Teil 1: Nervt ein Nachbar so sehr, dass einem fast der Kragen platzt, sollte man sich beruhigen, bevor man sich beschwert. Auf Aggression reagieren die meisten Leute mit Gegenaggression.Nachbar, Teil 2: Auch im Umgang mit Nachbarn gilt: Wer freundlich grüsst und die Mitmenschen respektiert, wird keinerlei Probleme haben. Nachbarn können aber auch wichtige Bezugspersonen sein. Deshalb dürfen Sie ihren Nachbarn ruhig mal zu sich einladen. Viele sind auch recht interessiert an fremden Kulturen, man sollte sie einfach nicht gleich damit überrumpeln.Waschküche: Ein neuralgischer Punkt ist die Waschküche. Man sollte den Waschtag einhalten und alles sauber zurücklassen, sonst kann man den Zorn empfindlicher Nachbarn auf sich ziehen. Brauchtum: Von den echten Bräuchen sind in der Schweiz nicht mehr viele übrig geblieben, vor allem in urbanen Regionen wie Zürich. An manchen Orten gibt es grosse und kleine Volksfeste, Märkte sogar Viehschauen, aber mit Brauchtum hat das nicht mehr viel zu tun. In den ländlichen Gegenden stösst man noch auf mehr Bräuche. In der Stadt Zürich gibt zwei interessante Volksfeste, die man kennen lernen sollte: das Knabenschiessen und das Sechseläuten.Zitate aus www.neu-in-zuerich.ch Fahnenmeer im Pflanzgarten: Integration glückt dann, wenn Einheimische und Ausländer ihren Beitrag dazu leisten. Foto: R. Oeschger Priska Alldis Die Integrationsbeauftragte der Stadt Dietikon zeigt Ausländern, wie die Eingliederung in der Schweiz gelingen kann.

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