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Noch mehr herzliche Grüsse aus ...

Weitere Postkarten aus dem Kanton, auf denen Überraschendes und wenig Bekanntes aus der Region zu lesen und zu sehen ist.

Hélène Arnet, Doris Fanconi

Gyrenbad

Frauenzimmer und «Badkessi»
Nur für Frauenzimmer: Die originale Einrichtung des Damensalons orientiert sich am Geschmack der biedermeierlichen High Society.
Nur für Frauenzimmer: Die originale Einrichtung des Damensalons orientiert sich am Geschmack der biedermeierlichen High Society.
Doris Fanconi
Swiss Historic Hotel: Das Haupthaus stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert, ausgebaut wurde der Landgasthof in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Swiss Historic Hotel: Das Haupthaus stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert, ausgebaut wurde der Landgasthof in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Doris Fanconi
Laube im Licht: Einst ein florierender Bade- und  Kurort für reiche Zürcherinnen und Zürcher, heute Ausflugsziel.
Laube im Licht: Einst ein florierender Bade- und Kurort für reiche Zürcherinnen und Zürcher, heute Ausflugsziel.
Doris Fanconi
Fast wie einst: Jedes der sieben sanft renovierten Hotelzimmer sieht anders aus Hotelzimmer
Fast wie einst: Jedes der sieben sanft renovierten Hotelzimmer sieht anders aus Hotelzimmer
Doris Fanconi
1 / 6

So elegante Frauenzimmer sind selten. Fast mondän ist das rot-weisse, seidenglänzende Rankenmuster. Kein Wunder, nennt man es vornehmer Damensalon. Er ist mit seiner Ausstattung aus der Belle Epoque das Schmuckkästchen des Gasthauses ­Gyrenbad bei Turbenthal. In verglasten Bücherschränken reihen sich die gesammelten Werke von Schiller und verschiedene Ausgaben der «Gartenlaube». Wohl eher für Zigarre paffende Männer waren die Farblithografien im Korridor gedacht, der zum Speisesaal führt. Sie zeigen Wildwestszenen und Indianerkriege. Bereits um 1500 verfügte das Gyrenbad über ein Badkessi, und im Ancien Régime war es ein Treffpunkt der Zürcher Aristokratie: Wellness ist keine Erfindung unserer Zeit. Der Badebetrieb wurde 1968 eingestellt, der denkmalgeschützte Gasthof, weit ab von jeder grösseren Siedlung, bleibt aber einen Besuch wert. Nicht nur für Frauenzimmer.

Mythenquai

Zwischen Plage und Poesie
Nun heben sie ab: Schwäne-Schwarm bei der Badi Mythenquai.
Nun heben sie ab: Schwäne-Schwarm bei der Badi Mythenquai.
Doris Fanconi
Federn gelassen: Auf alle Fälle ging es stürmisch zu.
Federn gelassen: Auf alle Fälle ging es stürmisch zu.
Doris Fanconi
Kopfüber: Wenn Schwäne gründeln, verlieren sie die Contenance.
Kopfüber: Wenn Schwäne gründeln, verlieren sie die Contenance.
Doris Fanconi
1 / 5

Der schöne Schwan ist sprachlich fast wie ein weisser Schimmel. Das Adjektiv ist überflüssig, denn Schwäne gelten nun mal von Natur aus als schön. Und sie beflügeln die Fantasie poetisch veranlagter Menschen: Schwanensee, Schwanenritter Lohengrin, Zeus näherte sich Leda in der Gestalt eines Schwans. Aber eigentlich sind Schwäne eine Plage. Sie verkoten den Strand, bedrängen Picknicker, schnappen nach Kinderfüssen. Und wenn sie kopfüber mit ihren langen Hälsen in der Limmat gründeln, den Bürzel in der Luft, mit den schwarzen Füssen rudernd, damit sie nicht das Gleichgewicht verlieren, dann sehen sie geradezu lächerlich aus. Doch dann hebt eine Gruppe von Schwänen vom Seeufer ab, erst etwas schwerfällig, mit den Füssen das Wasser tretend. Sie recken den schlanken Hals vor, die weiten Schwingen fassen Luft. Nun fliegen sie majestätisch in den blauen Himmel. Zugegeben: Schwäne sind schön. Wunderschön.

Ebertswil

Im Gänsemarsch zur Milchsuppe
Rastplatz: Eine Wandergruppe ruht sich an der Stelle aus, wo 1529 die verfeindeten Reformierten und Katholischen bei einer Milchsuppe Frieden schlossen.
Rastplatz: Eine Wandergruppe ruht sich an der Stelle aus, wo 1529 die verfeindeten Reformierten und Katholischen bei einer Milchsuppe Frieden schlossen.
Doris Fanconi
Wanderwetter: Der Milchsuppenstein befindet sich im Weiler Ebertswil. In Fussdistanz liegt auch der Zwingli-Gedenkstein.
Wanderwetter: Der Milchsuppenstein befindet sich im Weiler Ebertswil. In Fussdistanz liegt auch der Zwingli-Gedenkstein.
Doris Fanconi
Die Idylle trügt: An diesem Ort fand im 2. Kappelerkrieg 1531 eine blutige Schlacht statt.
Die Idylle trügt: An diesem Ort fand im 2. Kappelerkrieg 1531 eine blutige Schlacht statt.
Doris Fanconi
Hier starb Zwingli: «Den Leib können sie töten, nicht aber die Seele», steht auf dem Gedenkstein.
Hier starb Zwingli: «Den Leib können sie töten, nicht aber die Seele», steht auf dem Gedenkstein.
Doris Fanconi
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Eine Wandergruppe steigt hinauf zur Kuppe des Hügels, der im Weiler Ebertswil liegt. Sie ist auf Kulturtour in Sachen Reformation. Oben rastet sie, sie sitzt hier gut, denn hier gedenkt man mit einem schlichten Denkmal der Kappeler Milchsuppe, als sich 1529 die Zürcher und die Innerschweizer statt sich zu bekriegen, zum Suppenessen niederliessen. Danach war Frieden, bevor der Krieg angefangen hatte. Weit unten liegt der Zugersee im Dunst, über der Rigi bauen sich Gewitterwolken auf. Symbolträchtig, denn die nächste Station der Wandergruppe ist das Zwinglidenkmal unweit des Klosters Kappel. Dort kam es 1531 doch noch zur Schlacht zwischen den Reformierten und den Katholischen. Auf einem Granitblock steht: «Den Leib können sie tödten, nicht aber die Seele: So sprach an dieser Stätte Ulrich Zwingli, für Wahrheit und der christ­lichen Kirche Freiheit den Heldentod sterbend.» Wofür starben denn die anderen damals hier Gefallenen?

Horgen

Himmelblau begegnet Zitronengelb
Asphalt? Die Begegnungszone ist durch das Farbkonzept des Stuttgarter Künstlers Platino geprägt.
Asphalt? Die Begegnungszone ist durch das Farbkonzept des Stuttgarter Künstlers Platino geprägt.
Doris Fanconi
Steg mit Aussicht: Die Passarelle verbindet Land, Wasser und Himmel.
Steg mit Aussicht: Die Passarelle verbindet Land, Wasser und Himmel.
Doris Fanconi
Von oben herab: Schattenspiel mit Ente.
Von oben herab: Schattenspiel mit Ente.
Doris Fanconi
Abgetaucht: Die Überführung unter Wasser.
Abgetaucht: Die Überführung unter Wasser.
Doris Fanconi
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Bahnhöfe empfangen einen meist eher in gedeckten Tönen: graues Stationsgebäude, rostrote Gleise, Asphalt in Anthrazit. In Horgen aber sieht, wer aus dem Zug steigt, zuerst Himmelblau. Dann Ziegelrot und Zitronengelb. Die Velos stehen in der blauen Zone -Himmelblau, Stahlblau, Hellblau. Ein Spickel ist rot. Die Autos fahren kreuz und quer über Rot, Blau, Gelb. Auch über Dreiecke, Rechtecke und Trapeze. Dieses Formen- und Farbenspiel hat einen eigenartigen Effekt. Es kommt dem Autofahrer gar nicht in den Sinn, eine Fussgängerin, die vor ihm flaniert, wegzuhupen. Auch die natürliche Feindschaft von Velo und Autos scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. 2009 hat die Stadt den Bahnhof zur Begegnungszone erklärt und den Stuttgarter Künstler Platino beauftragt, diese mit Form und Farben zu gestalten. Was erst ungeordnet erscheint, bekommt von oben betrachtet eine heitere Logik, und das Auge, aufs Schwarzweiss urbaner Räume getrimmt, sieht nun plötzlich, wie schräg in der Landschaft die eckigen Parkfelder liegen.

Marthalen

Urwald im Weinland
Waldreservat: Der einst schurgerade Mederbach bildet in einem Waldstück bei Marthalen eine Auenlandschaft.
Waldreservat: Der einst schurgerade Mederbach bildet in einem Waldstück bei Marthalen eine Auenlandschaft.
Doris Fanconi
Abgestorben: Vielen Bäumen behagt es nicht, wenn sie immer nasse Wurzeln haben.
Abgestorben: Vielen Bäumen behagt es nicht, wenn sie immer nasse Wurzeln haben.
Doris Fanconi
Mikado: Die gefällten Baumstämme liegen wild übereinander.
Mikado: Die gefällten Baumstämme liegen wild übereinander.
Doris Fanconi
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Der lang gezogene klagende Ruf hallt noch nach, als sich ein grosser Schatten über die Wasseroberfläche schiebt. Dann schiesst ein Rotmilan so nah an uns vorbei, dass wir die Köpfe einziehen. Die Landschaft erinnert uns eher an das Amazonasgebiet als an das Zürcher Weinland. Die stille Wasseroberfläche liegt in einem Waldstück bei Marthalen und ist zum Rande hin mit Wasserlinsen bedeckt. Baumstämme liegen wie Mikadostäbe übereinander. Die kahlen Äste von abgestorbenen Eichen ragen in den blauen Himmel, wo der Milan immer noch kreist. Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre ein solch unordentliches Waldstück des Försters Schande gewesen. Nun steht es als landesweit einmaliges Waldreservat unter Schutz. Denn hier sind Biber am Werk. Sie haben den schnurgeraden Mederbach aufgestaut und Lebensraum für allerlei Getier geschaffen. Nur der Mensch muss draussen bleiben.

Kappel a. A.

Kloster mit Sonderstatus
Wegweiser: Die Turmspitzen des ehemaligen Zisterzienserklosters sind weitherum sichtbar.
Wegweiser: Die Turmspitzen des ehemaligen Zisterzienserklosters sind weitherum sichtbar.
Doris Fanconi
Eindrückliches Ensemble: Die Lage der geschlossenen Anlage ist einmalig. Das Kloster wurde 1185 von den Freiherren von Eschenbach-Schnabelburg gestiftet.
Eindrückliches Ensemble: Die Lage der geschlossenen Anlage ist einmalig. Das Kloster wurde 1185 von den Freiherren von Eschenbach-Schnabelburg gestiftet.
Doris Fanconi
Rückzugsort: Die reformierte Kirche hat in dem ehemaligen Kloster ein Kongresszentrum unter dem Namen Kloster Kappel eingerichtet. Zuvor hiess es Haus der Stille.
Rückzugsort: Die reformierte Kirche hat in dem ehemaligen Kloster ein Kongresszentrum unter dem Namen Kloster Kappel eingerichtet. Zuvor hiess es Haus der Stille.
Doris Fanconi
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Der nüchtern gehaltene vierbändige Kunstführer durch die Schweiz lässt sich bei der Beschreibung des ehemaligen Klosters Kappel gleich mehrfach zu Begeisterungsstürmen hinreissen: Eine der bedeutendsten gotischen Sakralanlagen des Landes sei diese, es fallen Adjektive wie «formvollendet» und «hervorragend». Die Klosterkirche hat auch im Kanton einen Sonderstatus. Bis 2011 gab dieser sämtliche in seinem Besitz befindlichen Kirchen an die Kirchgemeinden ab. Ausser drei: das Grossmünster, die Klosterkirche Rheinau und eben Kappel. Doch berührt dieser Ort die Besucherinnen und Besucher vor allem durch seine schlichte Ausstrahlung und Lage: Die Klosteranlage liegt einsam in der Landschaft, die spitzen Türmchen weisen in den Himmel. Und dass bei den mittelalterlichen Fresken im Innern nicht nur Meister ihres Faches am Werk waren, macht ihren besonderen Charme aus. Die Adler als Helmzier ähneln verblüffend dem Globi.

Reppischtal

Waffenplatz und Idylle zugleich
Stop and go: Das Reppischtal ist Sperrgebiet und Naherholungsgebiet zugleich.
Stop and go: Das Reppischtal ist Sperrgebiet und Naherholungsgebiet zugleich.
Doris Fanconi
Attrappen: In diesen Häusern will keiner leben, denn sie dienen dem Militär als Übungsgelände.
Attrappen: In diesen Häusern will keiner leben, denn sie dienen dem Militär als Übungsgelände.
Doris Fanconi
Nicht schiessen! Zielscheiben in der grünen Wiese und ein Armeeangehöriger, der diese inspiziert.
Nicht schiessen! Zielscheiben in der grünen Wiese und ein Armeeangehöriger, der diese inspiziert.
Doris Fanconi
Schienen ohne Anschluss: Eidechsen fühlen sich in dem aufgewärmten Schotter pudelwohl.
Schienen ohne Anschluss: Eidechsen fühlen sich in dem aufgewärmten Schotter pudelwohl.
Doris Fanconi
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Sperrgebiet, Sicherheitszone, Übungsgelände. Wir befinden uns auf dem Waffenplatz Reppischtal, wo Infanterie-Durchdiener stationiert sind - und wir hören Frösche quaken, Bienen summen, Vögel singen. So friedlich wie hier ist es im dicht besiedelten Limmattal nicht an vielen Orten. Das Auge jedoch registriert: In saftig grünen Wiesen wächst knallgelb Wiesenbockskraut und stehen Schiessscheiben mit aufgemalten Panzern. Erst kommt eine Riedwiese, dann eine Mehrzweckschiessanlage, wir schauen einem Bussard beim Jagen zu, während Militärjeeps hinter uns durchrattern. Und unweit eines Weilers mit Plätscherbrunnen und Bauernhäusern stehen zwei Hausattrappen für Kampfübungen. Von dort her pfeift es nun, als ob eine 1.-August-Rakete gezündet worden wäre, dann knallt es gewaltig, die Schüsse vervielfachen sich und verhallen als Echo. Dann quaken die Frösche wieder, es summen die Bienen und singen die Vögel.

Saland

Stichproben mit Zahnstocher
Kostproben für alle: Jeweils am 1. Mai findet der Zürcher Oberländer Käsemarkt hinter dem Bahnhof Saland (Gemeinde Bauma) statt.
Kostproben für alle: Jeweils am 1. Mai findet der Zürcher Oberländer Käsemarkt hinter dem Bahnhof Saland (Gemeinde Bauma) statt.
Doris Fanconi
Käse ohne Grenzen: Gefüllt mit Steinpilz-Purée oder Oliven-Crème. Käse lässt vieles zu.
Käse ohne Grenzen: Gefüllt mit Steinpilz-Purée oder Oliven-Crème. Käse lässt vieles zu.
Doris Fanconi
Auch ein Volksfest: Zimmerleute der Firma Schindler und Scheibling betreuen das Harassenstapeln.
Auch ein Volksfest: Zimmerleute der Firma Schindler und Scheibling betreuen das Harassenstapeln.
Doris Fanconi
Starke Männer: Wer obsiegt im Bachtelstein-Werfen?
Starke Männer: Wer obsiegt im Bachtelstein-Werfen?
Doris Fanconi
Schlicht und würzig: Probierportionen werden grosszügig angeboten.
Schlicht und würzig: Probierportionen werden grosszügig angeboten.
Doris Fanconi
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Der erste Zahnstocher ist sehr lang, mit einem hübschen roten Bändchen umwickelt, und er steckt in einem Happen Grillkäse. Der nächste Zahnstocher ist ein ganz gewöhnlicher; mit ihm steckt man sich ein Stück «Landbueb würzig» in den Mund. Mit einem weiteren wird etwas Baumerfladen aufgespiesst - er ist herzförmig ausgestochen -, gefolgt von einem Bissen Berg-Brie, der träge am Zahnstocher hängt, und ein wenig Girenbader. Am Zürcher Oberländer Käsemarkt, der jeweils Anfang Mai in Saland stattfindet, kann man Stichproben, im eigentlichen Sinn des Wortes, der Käsesorten der Region nehmen. Es ist auch ein Volksfest: Bachtelstein-Werfen und Harassenstapeln, und in der nicht ganz authentisch wirkenden Alphütte singt ein authentisches Jodelchörli. An den Tischen wird über Kohlensäuregas gefachsimpelt und über Milchpreise gewettert. Und wir suchen einen Weg, um unauffällig knapp zwei Dutzend Zahnstocher zu entsorgen.

Pfäffikon

Kunst in der Gefängniszelle
Irritierend: Das Eva-Wipf-Museum in den Zellen des ehemaligen Bezirksgefängnisses.
Irritierend: Das Eva-Wipf-Museum in den Zellen des ehemaligen Bezirksgefängnisses.
Doris Fanconi
Schreine: Wipfs Kunst ist beklemmend, sie selbst litt oft am Leben.
Schreine: Wipfs Kunst ist beklemmend, sie selbst litt oft am Leben.
Doris Fanconi
Karg: Erst nach und nach erfassen die Besucher, wie gut dieser Ort zu diesen Werken passt.
Karg: Erst nach und nach erfassen die Besucher, wie gut dieser Ort zu diesen Werken passt.
Doris Fanconi
Vielfalt: Eine Wohnung im Gerichtssaal,Therapieräume, Musikatelier, Zauberartikel in den Amtsräumen. Links hinten der Eingang ins Museum.
Vielfalt: Eine Wohnung im Gerichtssaal,Therapieräume, Musikatelier, Zauberartikel in den Amtsräumen. Links hinten der Eingang ins Museum.
Doris Fanconi
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Beklemmend der Ort, beklemmend die Bilder. Das Eva-Wipf-Museum im zürcherischen Pfäffikon ist definitiv kein Wohlfühlort. Kann es gar nicht sein, befindet es sich doch im Zellentrakt des einstigen Bezirksgefängnisses. Keinem Menschen käme in den winzigen Zellen mit vergitterten Fenstern, die so hoch eingelassen sind, dass niemand hinausgucken kann, das Wort Kuscheljustiz in den Sinn. Doch die Kunstwerke der 1978 mit 41 Jahren in Brugg verstorbenen Eva Wipf sind wie für diese Räume geschaffen. Kein Wunder, war sie doch fast zeitlebens in sich selbst gefangen.

Ein Museum im Gefängnis, eine Wohnung im ehemaligen Gerichtssaal. Die Umnutzung des 1855 gebauten und 1979 aufgegebenen Bezirksgebäudes mitten im Ort sucht seinesgleichen: Taxi-Kurierdienst, Jugendberatung, Musikatelier, Chinesische Medizin, Zauberartikel. Und eben ein Museum mit Werken einer Künstlerin, die einen gefangen nehmen. Und nicht mehr loslassen.

Bubikon

Weiss ist bunt
Blickfang: Die Brautleute kommen von weither um sich bei Chez Janine einzukleiden.
Blickfang: Die Brautleute kommen von weither um sich bei Chez Janine einzukleiden.
Doris Fanconi
Ganz in Weiss: Doch in welchem Weiss?
Ganz in Weiss: Doch in welchem Weiss?
Doris Fanconi
Von Kopf bis Fuss: Den Kundinnen stehen für den «Catwalk» auf dem hauseigenen Laufstegen Probierschuhe zur Verfügung.
Von Kopf bis Fuss: Den Kundinnen stehen für den «Catwalk» auf dem hauseigenen Laufstegen Probierschuhe zur Verfügung.
Doris Fanconi
«Nifeliarbeit»: Jede Glasperle muss auch nach Abänderungen noch am richtigen Ort stecken.
«Nifeliarbeit»: Jede Glasperle muss auch nach Abänderungen noch am richtigen Ort stecken.
Doris Fanconi
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Ganz in Weiss. Doch in welchem Weiss? Wir stehen im Brautmode-Geschäft Chez Janine in Bubikon vor drei Dutzend Brautkleidern und realisieren: Weiss kann ganz schön bunt sein. Eierschalen, Creme, Elfenbein. Rötlich schimmernd, bläulich, grünlich, gelblich. Im Moment sei Cappuccino-Weiss sehr beliebt, sagt uns die Beraterin. Auf vier Stockwerken hängen hier gegen 2000 Kleider für Braut und Bräutigam, Brautjungfern und Brauteltern. Es ist das grösste Braut- und Festmodehaus des ganzen Landes und begann vor 40 Jahren ganz klein: in der Einliegerwohnung des Ehepaars Blatter in Bubikon. Sie gaben ihm den Namen der kleinen Tochter Janine, der heutigen Geschäftsleiterin. Nebenan schlüpft eine junge Frau in ein Brautkleid mit Tüllärmelchen. Sie geht auf einem Laufsteg hin und her und wird dabei von drei Freundinnen kritisch begutachtet. Eine Angestellte zupft hier an einer Falte, dort an einer Spitze. Es ist eine wunderschöne Braut – ganz in Cappuccino.

Richterswil

Kunstvoll gelaubsägelt
Focus: Am Bahnhof Richterswil ist das Auge gefordert. Berge am Horizont, See in der Mitte, architektonisches Schmuckstück im Vordergrund.
Focus: Am Bahnhof Richterswil ist das Auge gefordert. Berge am Horizont, See in der Mitte, architektonisches Schmuckstück im Vordergrund.
Doris Fanconi
Spitzenarchitektur: Im Obergeschoss wurden zwei Wohnungen für den Bahnhofvorstand und den Bahnmeister erstellt. Der hölzerne Fries scheint kunstvoll «gelaubsägelt».
Spitzenarchitektur: Im Obergeschoss wurden zwei Wohnungen für den Bahnhofvorstand und den Bahnmeister erstellt. Der hölzerne Fries scheint kunstvoll «gelaubsägelt».
Doris Fanconi
Gemütlich draussen warten: Doch lohnt sich ein Blick in den original erhaltenen Wartesaal II. Classe.
Gemütlich draussen warten: Doch lohnt sich ein Blick in den original erhaltenen Wartesaal II. Classe.
Doris Fanconi
Umnutzung: Im einstigen WC- und Waschhäuschen werden heute Blumen verkauft.
Umnutzung: Im einstigen WC- und Waschhäuschen werden heute Blumen verkauft.
Doris Fanconi
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Hier lohnt es sich, nicht zügig weiterzufahren, denn der Bahnhof Richterswil ist eigentlich schon an sich eine Reise wert. Auch wenn das manchen Ein­heimischen nicht so bewusst zu sein scheint. «Was fotografiert ihr da eigentlich?», fragt ein junger Mann, Typus Bahnhof-Rumhänger, flapsig. Dass das 1876 gebaute Stationsgebäude II. Classe mit seinem gelaubsägelten Fries 1992 den Brunel Award für den schönsten renovierten mittelgrossen Bahnhof Europas erhielt und unter kantonalem Denkmalschutz steht, ist ihm völlig neu. Und total egal. Auch dass der Himmel gegen Zürich immer schwärzer wird und sich schliesslich ein Wolkenbruch über uns entlädt, stört ihn nicht. Er drückt einfach die Zigarette aus und zieht sich in den hölzernen Wartesaal zurück. Auch dieser ist sehenswert und original erhalten. Auch das ist ihm egal. Als der Sturm abzieht, steht ein Regenbogen über dem See. Dieser stellt selbst das Schmuckstück von einem Bahnhof in den Schatten. Und nun staunt auch der junge Mann.

Dickbuch

Ein unverhofftes Bijoux
Schicht um Schicht: In Dickbuch ist nichts herausgeputzt, doch alles ordentlich.
Schicht um Schicht: In Dickbuch ist nichts herausgeputzt, doch alles ordentlich.
Doris Fanconi
Von der Sonne gegerbt: Kaum eine Fassade, die nicht ein schlichtes, aber schönes Muster aufweist.
Von der Sonne gegerbt: Kaum eine Fassade, die nicht ein schlichtes, aber schönes Muster aufweist.
Doris Fanconi
Mal anders: Hier ist das Ziegeldach die Hauswand.
Mal anders: Hier ist das Ziegeldach die Hauswand.
Doris Fanconi
Es war einmal: Ein Weiler mit Bauernhäuser, doch ein reines Bauerndorf ist Dickbuch nicht.
Es war einmal: Ein Weiler mit Bauernhäuser, doch ein reines Bauerndorf ist Dickbuch nicht.
Doris Fanconi
Neu trifft auf alt: Gegensätze ziehen sich manchmal wirklich an.
Neu trifft auf alt: Gegensätze ziehen sich manchmal wirklich an.
Doris Fanconi
Stillleben: Den Bewohnerinnen und Bewohnern von Dickbuch scheint ein natürlicher Sinn für schlichte Schönheit eigen zu sein.
Stillleben: Den Bewohnerinnen und Bewohnern von Dickbuch scheint ein natürlicher Sinn für schlichte Schönheit eigen zu sein.
Doris Fanconi
1 / 8

Eigentlich waren wir nur neugierig auf die jüngste Ortschaft des Kantons. Und dann war da noch der lustige Name: Dickbuch. In einer dürren Mitteilung hat das Bundesamt für Landestopo­grafie per Anfang Jahr mitgeteilt: «Die Ortschaft Dickbuch wird neu geschaffen.» Eine Ortschaft ist noch keine eigene Gemeinde, erhält aber eine eigene Postleitzahl: 8354 Dickbuch, Gemeinde Elgg, vormals Hofstetten. Als wir da waren, in Dickbuch, hat uns aber etwas ganz anderes in den Bann gezogen: die Häuserfassaden. Kaum je haben wir so viele verschiedene, originelle und schöne Fassaden auf so kleinem Raum gesehen: Schindeln und Fachwerk, Natur- und Kunststein, Holz – dunkles wettergegerbtes Holz –, Lehm, Ziegel. Nichts ist herausgeputzt, aber alles gepflegt. Und der Stammtisch in der Linde, in der Fremde erstaunt, aber nicht unfreundlich mit «Was machen denn Sie da?» begrüsst werden, zeigt: Dickbuch ist nicht nur Fassade. Es lebt. Es lebe Dickbuch!

Rikon

Es wird wieder einmal Frühling
Zirkusfamilie: Die Wintermonate verbringen die Pipistrelli in einem Wagendorf neben dem Werkhof Schöntal in Rikon.
Zirkusfamilie: Die Wintermonate verbringen die Pipistrelli in einem Wagendorf neben dem Werkhof Schöntal in Rikon.
Doris Fanconi
Hahn im Korb: Gockel Gilbert passt mit seinem schillernden Gefieder bestens ins Bild.
Hahn im Korb: Gockel Gilbert passt mit seinem schillernden Gefieder bestens ins Bild.
Doris Fanconi
Im Schöntal: Das liebevoll hergerichtete Winterquartier macht seinem Namen alle Ehre.
Im Schöntal: Das liebevoll hergerichtete Winterquartier macht seinem Namen alle Ehre.
Doris Fanconi
Zugpferde: Selbst die Traktors sind hier bunter als anderswo.
Zugpferde: Selbst die Traktors sind hier bunter als anderswo.
Doris Fanconi
Kleider machen Artisten: Ein ganzer Wagen voller Kostüme und Requisiten.
Kleider machen Artisten: Ein ganzer Wagen voller Kostüme und Requisiten.
Doris Fanconi
Im Sommer: Ab April tourt der Circolino Pipistrello wieder mit seinem blauen Zelt durch die Schweiz (hier im Eulachpark bei Winterthur).
Im Sommer: Ab April tourt der Circolino Pipistrello wieder mit seinem blauen Zelt durch die Schweiz (hier im Eulachpark bei Winterthur).
Doris Fanconi
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Das Wetter ist zum Trübsinnigwerden, doch kommt es gegen den Zauber dieser Szenerie nicht an. Neben dem grauen Gebäude des Werkhofs Schöntal bei Rikon stehen himmelblaue, grasgrüne und quittengelbe Zirkuswagen. Blumentöpfe und Klappstühle erinnern daran, dass es wieder einmal Frühling wird, und Gockel Gilbert kräht zur Unzeit, weil er seine Hühner aus den Augen verloren hat. Wir sind im Winterquartier des Circolino Pipistrello, jenes Mitspielzirkusses, der seit bald 40 Jahren Saison für Saison unter Beweis stellt, dass in jedem Menschen, ob Kind oder erwachsen, ein Artist oder eine Artistin steckt – er muss nur ganz fest daran glauben. In der Werkstatt entsteht aus einem ausrangierten Baustellencontainer ein neuer Zirkuswagen; im Proberaum aus der Fantasie in den Köpfen eine Tanznummer. Und Gockel Gilbert wird freudig gackernd von seinen Hühnern empfangen, die unter dem Bürowagen «Schärme» gefunden haben.

Humlikon

Auf der Spur des Einhorns
Wetterfahne: Knapp 500 Personen leben in Humlikon, wo das Einhorn angibt, woher der Wind weht.
Wetterfahne: Knapp 500 Personen leben in Humlikon, wo das Einhorn angibt, woher der Wind weht.
Doris Fanconi
Brunnen auf dem Dorfplatz: Das Bauerndorf im Weinland hat sein Wappen von den Freiherren von Humlikon übernommen. Wie diese zu dem Fabelwesen im Wappen kamen, ist nicht bekannt.
Brunnen auf dem Dorfplatz: Das Bauerndorf im Weinland hat sein Wappen von den Freiherren von Humlikon übernommen. Wie diese zu dem Fabelwesen im Wappen kamen, ist nicht bekannt.
Doris Fanconi
Malerei am Eingang zum alten Schulhaus: Schiefertafeln und Tintenfässchen gehörten 1941 zu den Utensilien eines Schülers.
Malerei am Eingang zum alten Schulhaus: Schiefertafeln und Tintenfässchen gehörten 1941 zu den Utensilien eines Schülers.
Doris Fanconi
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Das kleine Dorf im Weinland erlangte 1963 traurige Berühmtheit. 43 Humlikerinnen und Humliker, ein Fünftel der Bewohner, kamen ums Leben, als bei Dürrenäsch eine Caravelle der Swissair abstürzte. Die Passagiere waren unterwegs nach Genf zu einem Informationsanlass über Schädlingsbekämpfung. Mehr als vierzig Kinder wurden auf einen Schlag Waisen. Humlikon scheint sich heute in nichts von anderen Bauerndörfern in der Region zu unterscheiden. Ausser, dass es hier von Einhörnern wimmelt. Eine Wetterfahne im Dorfzentrum zeigt ein Einhorn, das Restaurant daneben heisst Einhorn, auf dem Landistil-Bild am alten Schulhäuschen findet man ein Einhorn und auch auf den vom Wind zerzausten Fahnen. Denn das Einhorn ist seit dem Jahr 1930 das Wappentier Humlikons. Sein Horn, so heisst es, hat heilende Wirkung und kann Tote zum Leben erwecken. Die Opfer des Flugzeugabsturzes von Dürrenäsch leben auf alle Fälle in den Herzen der Bewohner weiter.

Feuerthalen

Am Nordpol Zürichs
Freie Sicht auf den Munot: Vom nördlichsten Punkt Zürichs aus bietet sich eine spektakuläre Aussicht in den Nachbarkanton Schaffhausen.
Freie Sicht auf den Munot: Vom nördlichsten Punkt Zürichs aus bietet sich eine spektakuläre Aussicht in den Nachbarkanton Schaffhausen.
Doris Fanconi
Windschief: Zwischenverpflegung für Vögel vor dem Grenzübergang.
Windschief: Zwischenverpflegung für Vögel vor dem Grenzübergang.
Doris Fanconi
Am Strand: Und ewig grüsst die Meerjungfrau.
Am Strand: Und ewig grüsst die Meerjungfrau.
Doris Fanconi
Ohalätz: Stilleben an einem ehemaligem Waschhäuschen.
Ohalätz: Stilleben an einem ehemaligem Waschhäuschen.
Doris Fanconi
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Die Südspitze Südamerikas heisst Feuerland, der Nordpol des Kantons Zürich Feuerthalen. Exakt bei den Koordinaten 47 Grad 41 Minuten 40 Sekunden Nord und 8 Grad 38 Minuten 32 Sekunden Ost befindet sich der nördlichste Punkt des Kantons. Und es regnet dort gerade in Strömen. Ein mit Blachen abgedecktes Boot wiegt sich in den Wellen des Rheins, zwei Schwäne gondeln vorbei, und eine Meerjungfrau grüsst von ennet der Sackgasse – gemalt an die Wand eines Mehrfamilienhauses. Ein Vogelhäuschen bietet Spatzen eine Zwischenverpflegung vor dem Grenzübergang, zwei ausgewasserte Kanus setzen Algen an.

Rechterhand donnern Eisenbahnen über eine spektakuläre Eisenbrücke, linkerhand führt eine Steinbrücke in den Nachbarkanton Schaffhausen. Und geradeaus öffnet sich ein grandioser Blick auf den Munot. Wir kommen nicht umhin, zuzugeben, dass der Südzipfel des Kantons Schaffhausen den Nordzipfel Zürichs optisch abtrocknet.

Dielsdorf

Ein Buchlädeli überlebt
Erinnerung an eine andere Zeit: Die kleine Buchhandlung «zum Geeren» in Dielsdorf wurde 1910 als Waschhäuschen gebaut.
Erinnerung an eine andere Zeit: Die kleine Buchhandlung «zum Geeren» in Dielsdorf wurde 1910 als Waschhäuschen gebaut.
Doris Fanconi
Treffpunkt: Bei schönem Wetter ist die kleine Laube auch eine Leseecke.
Treffpunkt: Bei schönem Wetter ist die kleine Laube auch eine Leseecke.
Doris Fanconi
Neuerscheinungen: Was nicht am Lager ist, wird schnell bestellt. Ein Lieblingsautor der Geschäftsführerin Alexandra Vogel ist Paolo Cognetti.
Neuerscheinungen: Was nicht am Lager ist, wird schnell bestellt. Ein Lieblingsautor der Geschäftsführerin Alexandra Vogel ist Paolo Cognetti.
Doris Fanconi
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Es ist typischer Agglo-Groove, der vor dem Fenster des Busses vorbeizieht. Bis etwas irritiert: ein winziges Häuschen aus Backstein und Holz mit senkrechten Profilen, einer kleinen Laube und Blumenkistchen in den Fenstern. Darüber steht in gotischen Buchstaben «Buchhandlung». Aussteigen, nachschauen. Wo sind wir überhaupt? Die kleine Buchhandlung steht an der Geerenstrasse in Dielsdorf und war einst ein Waschhäuschen. Baujahr 1910, wie auf der Gemeinde zu erfahren war. Das Häuschen duckt sich vor der Glasfassade eines Geschäftshauses. In der Laube wächst in den warmen Monaten Lavendel, stehen ein gelber und ein violetter Klappstuhl und ein Velo. 1984 hat hier Roswita Maier eine Buchhandlung eingerichtet, seit 14 Jahren wird diese von Alexandra Vogel geführt. Wie hält sie sich über Wasser? Mit persönlicher Beratung, einem guten Bestellservice und viel Herzblut. So trotzt sie dem Buchlädeli-Sterben und dem Agglo-Groove.

Glattfelden

Das ehemalige Hollyglatt
Blickfang: Der Kamin der alten Spinnerei dient als Orientierungshilfe auf dem Areal, auf dem einst das grösste Fernsehstudio der Schweiz stand.
Blickfang: Der Kamin der alten Spinnerei dient als Orientierungshilfe auf dem Areal, auf dem einst das grösste Fernsehstudio der Schweiz stand.
Doris Fanconi
Erinnerung: Die ehemaligen Spinnerei wurde 1999 zum Fernseh-Studio der C-Film. Doch gingen dieser zehn Jahre später die Aufträge aus.
Erinnerung: Die ehemaligen Spinnerei wurde 1999 zum Fernseh-Studio der C-Film. Doch gingen dieser zehn Jahre später die Aufträge aus.
Doris Fanconi
Überbleibsel: Die Strassenlaternen verströmen noch ein klein wenig des einstigen Glamours. Dahinter aber stehen Lofts und Wohnblöcke dort, wo einst die Traumfabrik stand.
Überbleibsel: Die Strassenlaternen verströmen noch ein klein wenig des einstigen Glamours. Dahinter aber stehen Lofts und Wohnblöcke dort, wo einst die Traumfabrik stand.
Doris Fanconi
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Hier soll einst diese Traumfabrik gestanden haben? War das wirklich hier, wo Tausende darauf warteten, dass ihr Liebling aus dem Haus tritt, aus dem Big Brother House? Wo die Polizei den Medientross einweisen musste, die Fans um die besten Plätze rangelten? Rein gar nichts erinnert heute noch daran, dass hier, auf dem ehemaligen Spinnereiareal in Glattfelden, das grösste Fernsehstudio der Schweiz in Betrieb war und die ­Schweizer TV-Soap «Lüthi und Blanc» gedreht wurde. 2001 stellte TV3 hier auf freiem Feld einen Container auf, in dem sich eine Gruppe Menschen zum Zooaffen machten, indem sie sich von jedermann beim Leben zuschauen liessen. Heute steht hier Wohnung an und Wohnung über Wohnung. Es gibt schmale Wege, saubere Spielplätze. Das Haupthaus soll an die alte Spinnerei erinnern, ebenso der Fabrikschlot, aus dem ganz oben etwas Grün wächst. Nur die altertümlichen Strassenlaternen verströmen ein klein wenig Glamour aus dem ehemaligen «Hollyglatt».

Wädenswil

Die unbekannte Designerstadt
Geschichte: Wo einst der Landi-Stuhl produziert wurde, ist ein Warenlager entstanden. In dem es auch Stühle gibt.
Geschichte: Wo einst der Landi-Stuhl produziert wurde, ist ein Warenlager entstanden. In dem es auch Stühle gibt.
Doris Fanconi
Noch mehr Stühle: Und doch keiner von denen, die hier Design-Geschichte schrieben.
Noch mehr Stühle: Und doch keiner von denen, die hier Design-Geschichte schrieben.
Doris Fanconi
Kommt bald weg: Die Shedhalle der ehemaligen Metallwarenfabrik Blattmann an der Zugestrasse in Wädenswil wird wohl demnächst verschwinden.
Kommt bald weg: Die Shedhalle der ehemaligen Metallwarenfabrik Blattmann an der Zugestrasse in Wädenswil wird wohl demnächst verschwinden.
Doris Fanconi
Unternutzt: Die ehemalige Fabrikhalle dient heute auch als Einstellgarage. Die Stadt hat den Eigentümern eine höhere Ausnutzungsziffer für das Areal in Aussicht gestellt.
Unternutzt: Die ehemalige Fabrikhalle dient heute auch als Einstellgarage. Die Stadt hat den Eigentümern eine höhere Ausnutzungsziffer für das Areal in Aussicht gestellt.
Doris Fanconi
Verhüllt: Damit das geliebte Auto ja keinen Kratzer bekommt.
Verhüllt: Damit das geliebte Auto ja keinen Kratzer bekommt.
Doris Fanconi
Doch noch ein Design-Klassiker: Ein Renault Caravelle. Diese Autos wurden zwischen 1959 und  1968 als Cabriolet und Sport-Limousine gebaut.
Doch noch ein Design-Klassiker: Ein Renault Caravelle. Diese Autos wurden zwischen 1959 und 1968 als Cabriolet und Sport-Limousine gebaut.
Doris Fanconi
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Wädenswil könnte sich als Designerstadt vermarkten, nur weiss das dort offenbar kaum jemand. Denn wir suchen den Schweizer Designklassiker vergebens, der von hier kommt: Nicht im Bistro am See, nicht im Stadthaus, in keinem Park finden wir den Landi-Stuhl, der ab 1939 jahrzehntelang oben an der Zugerstrasse in der Blattmann Metallwarenfabrik (Mewa) produziert worden ist. Die Shedhalle steht – noch. Sie dient als Warenlager und Einstellgarage für allerlei. Auch für Stühle. Doch sind die Stabellen, Polstersessel und Barhocker das Gegenstück zum Landi-Stuhl, der zu den meistverkauften Freilandstühlen des letzten Jahrhunderts gehört. Er war modern, leicht, wetterfest, stapelbar, industriell produzierbar. Die Mewa stellte 2001 ihren Betrieb ein, und die Shedhalle wird wohl bald verschwinden, hat doch die Stadt dem Eigentümer eine höhere Nutzung in Aussicht gestellt. Vielleicht liegt dann sogar eine Möblierung mit dem Landi-Stuhl drin.

Kilchberg

Sie ruhen nicht nur in Frieden
Verehrung: Auf dem Grab von Thomas Mann haben Leser und Leserinnen Kiesel niedergelegt.
Verehrung: Auf dem Grab von Thomas Mann haben Leser und Leserinnen Kiesel niedergelegt.
Doris Fanconi
Vereint? Im Grab des Ehepaar Manns sind auch vier der sechs Mann-Kinder beigesetzt – auf dem Foto fehlt die Tafel für Monika 'Mönle' Mann.
Vereint? Im Grab des Ehepaar Manns sind auch vier der sechs Mann-Kinder beigesetzt – auf dem Foto fehlt die Tafel für Monika 'Mönle' Mann.
Doris Fanconi
Wirklich friedlich: Dieser Friedhof von Kilchberg, in dem auch C.F. Meyer begraben ist, liegt wunderschön über dem Dorf.
Wirklich friedlich: Dieser Friedhof von Kilchberg, in dem auch C.F. Meyer begraben ist, liegt wunderschön über dem Dorf.
Doris Fanconi
Abseits: Ein kaum behauener Grabstein steht auf dem Grab des Historikers Golo Mann. Er hielt im Testament fest, dass er möglichst weit von seinem Vater entfernt begraben werden wolle.
Abseits: Ein kaum behauener Grabstein steht auf dem Grab des Historikers Golo Mann. Er hielt im Testament fest, dass er möglichst weit von seinem Vater entfernt begraben werden wolle.
Doris Fanconi
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Was für eine Familie! Die Manns geben zweifellos Stoff für einen grossen Roman ab, der am besten vom Meister selbst geschrieben worden wäre. Unten, an der Alten Landstrasse, steht das Haus, in dem die Manns gewohnt haben. Währschaft, aber nicht protzig. Tolle Seesicht. Und hier oben, auf dem Friedhof, liegen sie. Die Eltern Katia und Thomas Mann, der in der Familie der Zauberer genannt wurde. Auf dem Grabstein wurden von Bewunderern aus aller Welt Kiesel deponiert. Umrahmt sind die Eltern von vier ihrer sechs Kinder, der glamourösen Erika, dem unglücklichen Musiker Michael, Papas Liebling Elisabeth und «Mönle», Monika Mann, die familienintern als Dummerchen galt. Die Asche von Klaus Mann wurde in Cannes am Mittelmeer verstreut. Golo Mann liegt auch auf diesem Friedhof, ein unbehauener, allein in einer Reihe stehender Stein steht auf seinem Grab, das – nach seinem eigenen Wunsch – so weit wie möglich vom Grabstein seines Vaters entfernt liegt.

Winterthur

Der Stern von Bethlehem geht auf
«Was isch das für en Nacht»: Kinder der Theaterchischte Välte spielen unter der Leitung von Stephan Lauffer Paul Burchards «Zäller Wiehnacht».
«Was isch das für en Nacht»: Kinder der Theaterchischte Välte spielen unter der Leitung von Stephan Lauffer Paul Burchards «Zäller Wiehnacht».
Doris Fanconi
«Mit händ's glatt bim König Herodes»: Rund sechzig Kinder und Jugendliche führten das Krippenspiel in der Winterthurer Zwinglikirche auf.
«Mit händ's glatt bim König Herodes»: Rund sechzig Kinder und Jugendliche führten das Krippenspiel in der Winterthurer Zwinglikirche auf.
Doris Fanconi
«Wached uuf –  schlafed nöd!»: Requisiten und Kostüme werden nur spärlich eingesetzt. So wollte es der Komponist Paul Burkhard.
«Wached uuf – schlafed nöd!»: Requisiten und Kostüme werden nur spärlich eingesetzt. So wollte es der Komponist Paul Burkhard.
Doris Fanconi
«De Kaiser hät's befohle»: Der Polizeichef  steht stramm und spielt etwas später auch einen Wirten.
«De Kaiser hät's befohle»: Der Polizeichef steht stramm und spielt etwas später auch einen Wirten.
Doris Fanconi
«Es Schöfli tuen em bringe»: Die Hirten überlegen sich, was sie dem Jesuskind schenken können.
«Es Schöfli tuen em bringe»: Die Hirten überlegen sich, was sie dem Jesuskind schenken können.
Doris Fanconi
Der Auftritt der Engel: Die Tänzerinnen des Studios aha! unter der Leitung von Cornelia Hautle verkünden den Hirten die Geburt des Jesuskindes.
Der Auftritt der Engel: Die Tänzerinnen des Studios aha! unter der Leitung von Cornelia Hautle verkünden den Hirten die Geburt des Jesuskindes.
Doris Fanconi
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Der kleine Hirte ist vor seinem Auftritt ganz zappelig. Er schupst seinen Kameraden, der pufft zurück. Das Engelchen macht Hopserhüpfen. Rund sechzig Kinder und Jugendliche proben in der Winterthurer Zwinglikirche Paul Burkhards «Zäller Wiehnacht». «Halt die Zeller Spiele am Leben», bat der Komponist des «Schwarzen Hechts» eine Freundin, als er im Sterben lag. Das war 1977. Vierzig Jahre später verzeichnet diese Freundin gegen zwanzig Orte, an denen dieses Krippenspiel aufgeführt wird. Noch nie waren es so viele. Der kleine Hirte hat nun rote Ohren. Auf dem Juteumhang, den er über die Schultern geworfen hat, steht Cafe Brasil. Das Engelchen hat «Grätschüeli» übergestreift und das Jesuskind-Bäbi liegt etwas verloren auf der Kirchenbank. Dann stimmt die Musik «De Stern vo Bethlehem» an. Der kleine Hirte singt ganz andächtig, das Engelchen tanzt federleicht. Und das Jesuskind liegt in Marias Arm. Die «Zäller Wiehnacht» lebt.

Zürich

Städtisch romantisch
Wettkampf der Lichter: Im Innenhof des UBS-Gebäudes versucht der Christbaum weihnachtliche Stimmung zu verbreiten.
Wettkampf der Lichter: Im Innenhof des UBS-Gebäudes versucht der Christbaum weihnachtliche Stimmung zu verbreiten.
Doris Fanconi
Heimelig? Im Wintergarten auf dem Gustav-Gull-Platz lässt es sich tatsächlich gemütlich Glühwein oder Punsch schlürfen.
Heimelig? Im Wintergarten auf dem Gustav-Gull-Platz lässt es sich tatsächlich gemütlich Glühwein oder Punsch schlürfen.
Doris Fanconi
Skihütten-Charme: Das Fondue-Chalet sieht in dieser Umgebung wie von einem anderen Stern aus.
Skihütten-Charme: Das Fondue-Chalet sieht in dieser Umgebung wie von einem anderen Stern aus.
Doris Fanconi
Abseits der Europaallee: Zirkus Glühwein im Hinterhof der Olé Olé Bar.
Abseits der Europaallee: Zirkus Glühwein im Hinterhof der Olé Olé Bar.
Doris Fanconi
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Der Glühweinstand und die Christbäumchen wirken fremd in dieser Umgebung. Vorn die Lagerstrasse, seitlich die Kasernenstrasse, im Rücken die Europaallee. Auf dem Asphalt leuchten Sterne, die von eiligen Füssen getreten werden. An der Pädagogischen Hochschule ist eine Vorlesung zu Ende gegangen, die Studierenden strömen aufs Tram und auf den Zug. Im Innenhof steht ein grosser Christbaum. Seine sanft schimmernden Lichter kämpfen gegen das aggressiv helle Licht der dahinter liegenden Fensterfront an. Hinter den hohen Fenstern sitzen Männer in weissen Hemden vor ihren Computern. Ein Hauswart schiebt einen Flipchart von einem Raum in den anderen. Nun steht einer der Männer im weissen Hemd auf, rückt den Bürostuhl zurecht, hängt die Laptop-Mappe über die Schultern. Wenig später tritt er geschäftig in den Hof – und bleibt stehen. Er schaut versonnen den Christbaum an, ein zwei Augenblicke, dann eilt er weiter.

Sternenberg

Auf Sternensuche
Überzuckert: Wie auf einer japanischen Tuschezeichnung hebt sich der kahle Baum vom Winterhimmel ab.
Überzuckert: Wie auf einer japanischen Tuschezeichnung hebt sich der kahle Baum vom Winterhimmel ab.
Doris Fanconi
Tannenwäldchen: In Sternenberg wachsen die Bäume nicht nur in den Himmel, sondern auch auf dem Dach.
Tannenwäldchen: In Sternenberg wachsen die Bäume nicht nur in den Himmel, sondern auch auf dem Dach.
Doris Fanconi
Diskret: Fast im Verborgenen hängen die Sternenbergerinnen und Sternenberger ihre Weihnachtsdekoration auf.
Diskret: Fast im Verborgenen hängen die Sternenbergerinnen und Sternenberger ihre Weihnachtsdekoration auf.
Doris Fanconi
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Wir sind auf Sternensuche in Sternenberg: Es gibt eine Sternenstrasse und einen behelfsmässigen «Sternen», der den ehrwürdigen Gasthof Sternen ersetzt, der im letzten Dezember niederbrannte. Es gibt einen Stern im Wappen und Sterne am Eingang und auf dem bunten Fenster in der Apsis der Dorfkirche. Und es gibt eine Sternwarte. Doch weihnachtlich glänzende Dekosterne finden wir kaum. Nicht an der Durchgangsstrasse, nicht in den Fenstern der Häuser. Dafür wachsen in Sternenberg die Bäume in den Himmel – und auf dem Dach.

Wie auf einer japanischen Tuschezeichnung ragt auf einer Anhöhe ein kahler Baum in den Winterhimmel. Und auf der Wetterseite des Dachs eines windschiefen Stalls wächst ein veritables Tannenwäldchen. In der Nacht jedoch, die hier noch richtig dunkel ist, finden wir sie, die Sterne. Sie sind zahllos. Und uns wird klar: Wo die Sterne nachts zu Hause sind, muss man keine aufhängen.

Dietikon

Ein Innerschweizer Brauch in der Agglo
Nifeliarbeit: Das Herstellen einer Iffelen kostet Geduld und Zeit. Da ziehen beim Vorzeichnen, Schneiden und Kleben schnell einmal hundert Stunden ins Land.
Nifeliarbeit: Das Herstellen einer Iffelen kostet Geduld und Zeit. Da ziehen beim Vorzeichnen, Schneiden und Kleben schnell einmal hundert Stunden ins Land.
Doris Fanconi
Warten auf den grossen Auftritt: Unter dem Jahr lagern die kunstvollen Laternen im Estrich des Kirchgemeindehauses.
Warten auf den grossen Auftritt: Unter dem Jahr lagern die kunstvollen Laternen im Estrich des Kirchgemeindehauses.
Doris Fanconi
Probeleuchten: Iffelen-Meister Thomas Weber zündet die Kerzen an, um sicherzustellen, dass beim grossen Auftritt alle im besten Licht leuchten.
Probeleuchten: Iffelen-Meister Thomas Weber zündet die Kerzen an, um sicherzustellen, dass beim grossen Auftritt alle im besten Licht leuchten.
Doris Fanconi
Bereit zum Chlauseinzug: Die Iffelen gehören seit 1990 zum grossen Chlauseinzug in Dietikon, der jeweils um 17.15 Uhr startet und vom Waldrand ins Zentrum führt.
Bereit zum Chlauseinzug: Die Iffelen gehören seit 1990 zum grossen Chlauseinzug in Dietikon, der jeweils um 17.15 Uhr startet und vom Waldrand ins Zentrum führt.
Doris Fanconi
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Durchs Jahr stehen sie dicht gedrängt in einem Estrichabteil des Kirchgemeindehauses St. Agatha in Dietikon. Am ersten Adventsonntag aber sind sie die Stars des feierlichen Chlauseinzugs, der nach Eindunkeln durch die Stadt zieht. Die etwa vierzig bis mannshohen Iffelen sind prächtige Laternen in Form von Bischofsmitren, die auf dem Kopf getragen werden. Die filigranen Motive erinnern an Kirchenfenster. Von der Tradition her gehören sie in die Innerschweiz und nicht in die Agglomeration Zürichs. In Dietikon sind die Iffelenträger jedoch seit fast dreissig Jahren Teil des Adventbrauchtums, zusammen mit Geisselklöpfern, Trychlern und den gravitätischen Tönen einer Chlausmusik. Nach dem Einzug entfernt der Iffelen-Meister die Wachsreste, bessert Risse im Drachenpapier aus und verstaut die Laternen wieder im Estrich – wo manchmal, wenn Licht in gewissem Winkel aus der Dachluke einfällt, die Farben funkeln.

Attikon

Eine Menagerie aus Stein
Überragend: Die Giraffe behält die Übersicht über das Sammelsurium im Garten des Steinmetzes Nigg an der Attikerstrasse.
Überragend: Die Giraffe behält die Übersicht über das Sammelsurium im Garten des Steinmetzes Nigg an der Attikerstrasse.
Doris Fanconi
Wildtiere: Adler und Löwen vereint.
Wildtiere: Adler und Löwen vereint.
Doris Fanconi
Wohin fahren sie denn? Sie schaut lieber dem Verkehr als der Tierwelt zu.
Wohin fahren sie denn? Sie schaut lieber dem Verkehr als der Tierwelt zu.
Doris Fanconi
Atelier: Hier entstehen die Bildhauerarbeiten von «Granigg», wie Steinmetzmeister Nigg junior sein Geschäft nennt.
Atelier: Hier entstehen die Bildhauerarbeiten von «Granigg», wie Steinmetzmeister Nigg junior sein Geschäft nennt.
Doris Fanconi
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Dieses Niemandsland an einer Wegkreuzung oberhalb des Bahnhofs Rickenbach-Attikon wird von Löwen bewacht. Von zwei rostfarbenen Löwen. Dann gibt es da noch Elefanten und Giraffen, Delfine, Bären, Schildkröten, Adler mit mächtigen Schwingen, alle zu Stein erstarrt. Und es gibt wunderschöne Wörter: Rosa fantasy, Juparana Colombo, Nero Assoluto, Lavender Blue – die Namen von Natursteinplatten. Und Sinnsprüche, zum Beispiel: «Die kürzesten Wörter, nämlich Ja und Nein, erfordern das meiste Nachdenken.» Der Briefkasten ist mit Moos überwachsen. Auf ihm steht: Nigg, Bildhauer. Das meint Steinmetzmeister Nigg senior, der hier 1979 sein Atelier einrichtete. Auch für den ­Junior, Lukas Nigg, ist dies in gewisser Weise ein Bild aus früherer Zeit, aus der Zeit seines Vaters, von dem der 33-Jährige vor zwei Jahren das Winterthurer Geschäft und das Atelier übernommen hat. Und die Liebe zum Stein und zu Sinnsprüchen.

Wangen

Unordnung in Reih und Glied
Soweit das Auge reicht: Noch viel Platz für Blumen.
Soweit das Auge reicht: Noch viel Platz für Blumen.
Doris Fanconi
Es grünt so grün: Pflanzhäuser der Grossgärtnerei Fischer in Wangen bei Dübendorf.
Es grünt so grün: Pflanzhäuser der Grossgärtnerei Fischer in Wangen bei Dübendorf.
Doris Fanconi
Raffiniert gerafft: Hier arbeiten Menschen mit Sinn fürs Schöne.
Raffiniert gerafft: Hier arbeiten Menschen mit Sinn fürs Schöne.
Doris Fanconi
Jugendstil? Treibhaus-Architektur im Niemandsland.
Jugendstil? Treibhaus-Architektur im Niemandsland.
Doris Fanconi
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Ganz klar, die Weite ist hier keine Leere. In den riesigen, teilweise überdachten Feldern der Gärtnerei Fischer kommt das Gefühl von Einsamkeit höchstens ein klein wenig auf. Gerade so, dass es schön ist. Schön ist auch die leichte Unordnung, welche in die Aufreihung der leeren Blumentöpfe geraten ist. Schön ist das spriessende Grün mit den Spritzern von Violett, Weiss und Gelb einiger vergessener Stiefmütterchen. Laut ist der Militär­helikopter, der gleich nebenan auf dem Flugplatz Dübendorf landet, eigentümlich das Segelschiff, das hier aufgebockt ist. Sein Name wirkt geradezu übermütig in diesem Umfeld: Silvestra. Und wer die Plastikhüllen derart effektvoll wie einen Theatervorhang gerafft hat, muss ein überaus sorgsamer Mensch sein. Ihm möchte man gerne bei der Arbeit zuschauen. Dann ist hier noch der Wachhund: ein Berner Sennenhund. Glaube ich. Oder ein Border Collie? Er trottet heran, beschnüffelt uns kurz – und läuft aus dem Bild.

Neftenbach

Kanonenkugeln und Pilger
Einst war hier Krieg: Kanonenkugel aus dem Jahr 1799 in der Chormauer.
Einst war hier Krieg: Kanonenkugel aus dem Jahr 1799 in der Chormauer.
Doris Fanconi
Rund um die Kirche: Bronze-Köpfe als Glocken-Schmuck.
Rund um die Kirche: Bronze-Köpfe als Glocken-Schmuck.
Doris Fanconi
Nur selten offen: Die Muh-Bar am Rand des Gemeindeplatzes bei der Kirche.
Nur selten offen: Die Muh-Bar am Rand des Gemeindeplatzes bei der Kirche.
Doris Fanconi
Verpackt: Noch bis November 2017 wird der Innenraum der Kirche renoviert.
Verpackt: Noch bis November 2017 wird der Innenraum der Kirche renoviert.
Doris Fanconi
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Richtig friedlich scheint es hier in Neftenbach. Die Muh-Bar neben der Kirche ist nur am ersten und letzten Donnerstag und Freitag des Monats ab 18 Uhr offen, der kunstvolle Blitzableiter auf dem Haus nebenan glänzt in der Sonne. Der Eindruck entsteht, dass es in diesem Dorf nie ein Donnerwetter gibt. Dann erblicken wir das: Oberhalb des Fensters in der Chormauer der Kirche steckt eine Kanonenkugel. Sie stammt aus der Zeit der Franzosenkriege – im Mai 1799 kam es hier zu einem Zusammenstoss zwischen Franzosen und Österreichern, bei dem das Dorf völlig zerstört wurde. Die heutigen Invasoren sind in anderer Mission unterwegs: Seit kurzem ist das Dorf Station des Schweizer Jakobswegs. Hie und da schauen Pilger vorbei, um sich beim Kirchenportal das Bild einer Jakobsmuschel in ihren Pilgerpass zu stempeln. Es ist eben doch richtig friedlich hier.

Zürichsee

Zehn Minuten Ferien
Fernweh? Nur wenige Automobilisten verlassen ihr Fahrzeug auf der Überfahrt.
Fernweh? Nur wenige Automobilisten verlassen ihr Fahrzeug auf der Überfahrt.
Doris Fanconi
Sonnenbaden: Auch wenn es nur zehn Minuten sind, tut ein bisschen Sonne tanken gut.
Sonnenbaden: Auch wenn es nur zehn Minuten sind, tut ein bisschen Sonne tanken gut.
Doris Fanconi
Farbenpracht: Als wären wir auf hoher See.
Farbenpracht: Als wären wir auf hoher See.
Doris Fanconi
Halbzeit: Wir kreuzen das Schwesterschiff, die Schwan.
Halbzeit: Wir kreuzen das Schwesterschiff, die Schwan.
Doris Fanconi
Upperdeck: Ein Kindergeburtstag auf dem Zürichsee?
Upperdeck: Ein Kindergeburtstag auf dem Zürichsee?
Doris Fanconi
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Wie seltsam unempfänglich Menschen für Schönheit werden können, wenn diese zur Gewohnheit wird. Da sitzen sie im Bauch der Zürichseefähre in ihren Wagen, tippen auf ihren Handys herum, rauchen eine Zigarette, dösen vor sich hin. Während draussen zehn Minuten lang ein Werbeprospekt für die Schweiz vorbeizieht. Nur wenige Passagiere, vor allem Mütter mit Kindern, sind an Deck, ein Mann lehnt allein an der Reling und schaut versonnen in die Ferne. Der See ist tiefblau, der Wind angenehm kühl, am Horizont leuchtet ein noch oder wieder schneebedecktes Alpenpanorama, vom Speer bis zum Glärnisch mit dem Vrenelisgärtli – und über der Halbinsel Au steigt der Rautispitz auf, dann der grosse Ruchen. Nun wechseln die Möwen, die kreischend um den Bug unserer Fähre geflogen sind, das Schiff. Sie ziehen mit der Schwan weiter, als diese uns kreuzt. Zurück nach Meilen. Schon legen wir in Horgen an. Die Autofahrer stecken ihre Handys ein, drücken die Zigaretten aus und starten die Motoren.

Winterthur

«Komm, du Lauszapfen, sei friedlich»
Verheddert: Seilerei-Besitzer Martin Benz entwirrt einen Stau bei der Flechtmaschine.
Verheddert: Seilerei-Besitzer Martin Benz entwirrt einen Stau bei der Flechtmaschine.
Doris Fanconi
Spannend: Auf einer Länge von fast hundert Metern lassen sich Schnüre und Seile durch die Werkstatt spannen.
Spannend: Auf einer Länge von fast hundert Metern lassen sich Schnüre und Seile durch die Werkstatt spannen.
Doris Fanconi
Aus einer anderen Zeit: Mehr als hundert Jahre alte Maschinen sind in der Seilerei Kislig in Betrieb.
Aus einer anderen Zeit: Mehr als hundert Jahre alte Maschinen sind in der Seilerei Kislig in Betrieb.
Doris Fanconi
Flachs, Hanf oder Baumwolle: Für Springseile und Strickleitern, für Schaukeln und Trapeze, für Uhrenantriebsschnüre und Zaubererseile.
Flachs, Hanf oder Baumwolle: Für Springseile und Strickleitern, für Schaukeln und Trapeze, für Uhrenantriebsschnüre und Zaubererseile.
Doris Fanconi
Fast alles Einzelanferigungen:  Spezielle Stahlseile für das Theater Winterthur
Fast alles Einzelanferigungen: Spezielle Stahlseile für das Theater Winterthur
Doris Fanconi
Ein urtümlicher Kamm? Halterungen für lange Seile
Ein urtümlicher Kamm? Halterungen für lange Seile
Doris Fanconi
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Der erste Blick ist umwerfend, der zweite bleibt es. Wir haben ein windschiefes Holzhäuschen in einem mittelständischen Wohnquartier an der Breite in Winterthur betreten und stehen in einem hundert Meter langen schmalen Raum. Ein unwirkliches Gefühl, als ob man eine Haselnuss öffnet und das Innere einer Kokosnuss freigelegt hätte. So sieht es in der Seilerei Kislig aus. Sie steht seit 1878 an dieser Stelle, ist einer der ältesten Handwerksbetriebe der Stadt und eine der letzten noch produzierenden Seilerbahnen der Schweiz. Der Raum ist so lang, damit entsprechend lange Seile gedreht werden können. Mehr als hundert Jahre alte Maschinen, einige davon Marke Eigenbau, drehen und flechten und zöpfeln hier unter Aufsicht von Martin Benz und Lehrling Alex Seile nach alter Manier, zumeist als Einzelanfertigung. Und wenn sich eine Maschine einmal verheddert, springt Benz daher und sagt liebevoll: «Komm, du Lauszapfen, sei friedlich.»

Rapperswil

Jedem Sein ein fröhlich Blühn
Strahlende Erscheinung: Margaret Merril heisst diese wohlduftende Sorte, zu sehen im ältesten Rosengarten der Stadt.
Strahlende Erscheinung: Margaret Merril heisst diese wohlduftende Sorte, zu sehen im ältesten Rosengarten der Stadt.
Doris Fanconi
Spalier: Die Rosen sind nicht nur in Rapperswils Wappen präsent.
Spalier: Die Rosen sind nicht nur in Rapperswils Wappen präsent.
Doris Fanconi
Balkonzierde: Nicht nur in öffentlichen Gärten, auch auf Terrassen und Balkonen wachsen Rosen.
Balkonzierde: Nicht nur in öffentlichen Gärten, auch auf Terrassen und Balkonen wachsen Rosen.
Doris Fanconi
Schönheit: Erotika heisst diese Sorte.
Schönheit: Erotika heisst diese Sorte.
Doris Fanconi
Vorsicht, Dornen: Keine Blumen zum Selberpflücken.
Vorsicht, Dornen: Keine Blumen zum Selberpflücken.
Doris Fanconi
Ton in Ton: Das historische Städtchen achtet auf seine Outfit.
Ton in Ton: Das historische Städtchen achtet auf seine Outfit.
Doris Fanconi
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Geigentöne klingen durch das offene Fenster der Hintergasse, jemand übt einen luftigen Walzer. Und draussen wachsen, als wäre es Kulisse zum «Rosenkavalier», Rosenstöcke direkt aus dem Kopfsteinpflaster. Rosen sind im Rapperswiler Wappen seit 1192 verbürgt, doch ist das Prädikat Rosenstadt vor allem ein Beispiel für gelungenes Standortmarketing. 1958 propagierte der örtliche Verkehrsverein den etwas holprigen Slogan: «Mehr Rosen für die Rosenstadt, auf dass die Rosenstadt zur wirklichen Rosenstadt wird.» Die Bemühungen tragen Früchte: Zwischen Juni und Oktober blühen in der Stadt in öffentlichen und privaten Gärten rund 15 000 Rosen, und 1999 wurde ­Rapperswil auf einer internationalen Gartenmesse offiziell zum Mittelpunkt der Duftrosen erklärt. Fürs Poesie­album finden wir im Rosengarten auf dem Schlossberg den passenden Spruch: «Menschenvolk wir künden Dir, Werden, Weilen und Vergehn, jedem Sein ein fröhlich Blühn, jedem Tod ein Auferstehn.»

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