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«Nur ein Irrer tut sich diese Qual an»

Carlo Haller nimmt allein am härtesten Velorennen der Welt teil, dem Race Across America. Dabei wird der Bülacher mit seinem Magen ebenso zu kämpfen haben wie mit Schlafmangel, Hitze – und der Prüdheit der Amerikaner.

Neben Einzelkämpfer Carlo Haller aus Bülach starten zwei weitere Unterländer am RAAM 2011: Ronny Dux aus Rümlang und Philipp Amhof aus Bülach sind Teil eines Viererteams (TA vom 5. 2.). «Wir sind sehr gut im Schuss», erklärt Amhof. Das Trainingslager in Fuerteventura sei optimal verlaufen, und an einem Wochenende legen die Ausdauersportler im Moment schon einmal 400 Kilometer im Sattel zurück. «Halten wir unseren Trainingsplan optimal ein, kommt das jedenfalls gut mit unserer Teilnahme», sagt Dux – und mit «gut» meint er einen Platz auf dem Podest. Wer eine Medaille anpeilt, setzt aufs beste Material: Die Unterländer sind mit Araberpferden von Velos unterwegs. Gut 10 000 Franken hat Dux für seine zwei Sportgeräte hingeblättert, 16 000 Franken kosten die beiden Fahrräder von Amhof, der in Bülach ein Velogeschäft besitzt. Die Pneus seiner Velos hat er mit Kevlar-Einlagen versehen. Damit sind sie äussert widerstandsfähig. Wie Haller allein zu starten – das kommt für die beiden nicht in Frage. Zu gross wäre der Aufwand, zu hoch die Kosten und das Gesundheitsrisiko. (kam) Der 41-jährige Carlo Haller bereitet sich seit 2 Jahren auf das RAAM vor, samt 24- und 72-Stunden-Trainings. Qualifiziert hat er sich am Schweizer 720-Kilometer-Radmarathon. Er misst 1,88 Meter, wiegt 80 Kilo, davon sind 10 Prozent Fett. 70 000 Franken beträgt sein Budget, seine 2 Rennvelos sind je 10 000 Franken wert. Seine 9 Begleiter werden mit 3 Fahrzeugen unterwegs sein. Für die 4828 Kilometer mit 60 Kontrollstellen und einer Höhendifferenz von 30 000 Metern hat er 12 Tage Zeit. Die Hälfte der Fahrer erreicht in der Regel das Ziel nicht. (kam) Von Kathrin Morf Bülach – «Ob die Teilnahme am Race Across America aufgrund der körperlichen und mentalen Beanspruchung zu bleibenden Schäden führt, ist umstritten», steht auf der Website von Karl «Carlo» Haller. Am 15. Juni nimmt der 41-jährige Bülacher das härteste Velorennen der Welt in Angriff – und zwar ganz allein und nicht im Team wie andere Unterländer (siehe Kasten). Haller wird quer durch Amerika pedalen, kaum schlafen und sowohl in der glühenden Hitze der Mojavewüste als auch in der Eiseskälte der Rocky Mountains nur ein Ziel vor Augen haben: einer der wenigen Menschen zu sein, die innert 12 Tagen das 4828 Kilometer lange Race Across America (RAAM) absolvieren. Wer seinen Körper solchen Belastungen aussetzt, muss verrückt sein. «Das bin ich tatsächlich ein bisschen», räumt Carlo Haller ein, «aber das muss man wohl sein, um sich an dieses Rennen zu wagen.» Im Alter von etwa 20 Jahren hörte der leidenschaftliche «Gümmeler» zum ersten Mal vom Radrennen ennet des Atlantiks, träumte fortan unentwegt von einer Teilnahme – und begann vor zwei Jahren, das Vorhaben endlich in die Tat umzusetzen. Vier Stunden müssen reichen Er holte Sponsoren ins Boot, machte seinem Sparschwein den Garaus, stellte ein achtköpfiges Team aus Begleitern zusammen – und trainierte. «Ich mache in meiner Freizeit nichts als Velo fahren. Spass bereitet dennoch jeder Kilometer», sagt er. Schliesslich liebt er es, wenn er nach einiger Zeit im Sattel in eine Art Trance verfällt und dabei die Welt um sich herum vergisst. Manchmal bestaunt er aber auch die Wälder, Wiesen und Hügel, die an ihm vorüberziehen. «Auch am Anfang des RAAM werde ich wohl die Landschaft geniessen können», sagt er. Bald werden dann aber Schlafmangel und körperliche Erschöpfung an ihm nagen. «Irgendwann muss wohl jemand Fotos schiessen, damit ich sehe, wo ich entlanggeradelt bin.» Aufs Ohr legen wird sich Haller während des Rennens im Wohnmobil seiner Helfer – aber nur für vier Stunden pro Tag. Damit er die restliche Zeit wach bleibt, beschallt ihn sein Begleitauto mit Musik. Auch Schlager wie «Mir sind mit em Velo da» akzeptiere er, wenn sie ihn nur wach hielten, sagt er. Für die Hitze rüsten Essen wird der Unterländer ebenfalls auf dem Velo, und trinken muss er mindestens einen Liter pro Stunde. Wenn die Blase zu drücken beginnt, verlangt das prüde Amerika indes einen umständlichen Halt – vom Velo aus darf Haller seine Notdurft nämlich ebenso wenig verrichten wie am Strassenrand, droht ihm andernfalls doch eine Verhaftung wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. «Wahrscheinlich müssen mich zwei Helfer mit Tüchern abschirmen.» Auch in der Sauna trainiert Haller, damit sich sein Körper schon einmal an die rund 50 Grad in der Mojavewüste gewöhnen kann – nur Mentaltraining lässt er aussen vor. «Psychisch stehe ich die Belastung zu 99 Prozent durch», stellt er klar. Seine «Achillesferse» sei sein Magen – weil dieser Probleme machte, musste der Bülacher kürzlich ein 24-Stunden-Training nach 13 Stunden abbrechen. «Nun feilen wir an meiner Ernährung», erklärt er. «Dass der Magen nach etwa 15 Stunden auf dem Velo rebelliert, ist aber normal. Ich muss die Schmerzen nur eine Stunde lang aushalten, und er beruhigt sich wieder.»Das RAAM ist Hallers «letzte grosse Herausforderung vor der Pensionierung», sagt er. Daran, dass er bleibende Schäden davontragen könnte, glaubt er nicht. «Aufgeben werde ich jedenfalls nur, wenn mich mein Teamchef und ein Arzt gemeinsam vom Velo zerren.» Weder Regen noch Hitze von bis zu 50 Grad schüchtern Carlo Haller ein. Foto: Balz Murer

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